Die Samurai des Neoliberalismus

Auslaufmodelle Bei dem Medienhype um die Mafia und ihre Morde werden gern ihre ökonomischen Grundlagen ausgeblendet

Schlimme Sache. In Duisburg fallen Mitte August einer Hinrichtung der ´Ndrangheta sechs Menschen zum Opfer. Diese ominöse ´Ndrangheta, so wissen wir inzwischen, ist eine böse, mafia-artige Organisation aus Kalabrien. Die allerböseste Mafia aber heißt Camorra. Erklärt uns in diesen Wochen ein Buch names Gomorrha aus dem Münchener Hanser-Verlag. Das stammt von dem italienischen Autor Roberto Saviano, ist in Italien schon ein Bestseller und soll in Deutschland noch einer werden. Es erzählt vom Wesen und Treiben einer mafia-artigen Organisation aus Neapel. Nicht nur bei der TV-Kultursendung ttt wollte man sich nicht entscheiden, ob es sich dabei um ein Roman handelt oder um ein Sachbuch; also stellte man es als Roman vor und behandelte es dann als Sachbuch.

Beide Dinge, das Verbrechen und das Buch, haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Nur arge Zyniker würden auf den Gedanken kommen, dass das Massaker von Duisburg als PR-Aktion für die Marketing-Aktivitäten von Savianos deutschem Verlag unbezahlbar war. Während also Minister Schäuble über Computerkriminalität nachdenkt (Stichwort: Regierungstrojaner), und während man noch ventiliert, ob die Organisation namens NPD kriminell ist und ob man sie nun noch einmal verbieten will oder lieber nicht, und bevor die nächste Sau durchs Mediendorf getrieben wird, da erleben wir nicht zum ersten Mal das bizarre Schauspiel: Die Mafia, die Medien und wir.

Wir sind nämlich erschrocken. Über was genau, das ist schwer zu sagen. Über die gezielte Hinrichtung von sechs Menschen vor dem Duisburger Bahnhof, obwohl dieser Mord doch eigentlich in Kalabrien hätte stattfinden müssen, wo dergleichen hingehört? Oder sind wir erschrocken, dass es in der Gegend um Neapel noch bösere Menschen gibt als in Kalabrien? Denn seine Camorra, führt Autor Saviano stolz aus, ist die mieseste und gnadenloseste und brutalste und überhaupt die allergrößte, wenn´s ums Geldverdienen geht.

Sollten wir allerdings über beides tatsächlich so sehr erschrocken sein, wie die Medienwelt uns das einreden möchte? Zweifel daran sind angebracht. Eher sollen wir wohl tüchtig erschrecken über den Skandal und das Skandalbuch. Und nicht über das, was vor unseren Augen und mit uns selbst passiert. Das ist jetzt natürlich nicht verschwörungstheoretisch gemeint, weil es kein Mastermind gibt, das uns unsere Erschreckungsszenarien in einem Drehbuch vorschreibt. So funktioniert das nicht. Zudem sind wir natürlich selbst daran schuld, weil wir lieber über Banales und Altbekanntes erschrecken wollen als über wirklich Erschreckendes.

Banal ist nämlich die Affäre in Duisburg. Der tödliche, tragische Ausgang einer ganz normalen, gewalttätigen Privatfehde zweier Familienclans mit vielleicht leichten geldwerten Vorteilen für die eine Seite. Auf jeden Fall auf einem recht niedrigen Level im Organigramm der ökonomischen Struktur namens `Ndrangetha. Dass es mitten in Europa Clans, Familien und Gruppen gibt, die ihre Konflikte letal austragen - das möchten wir doch bitte nicht wirklich als sensationell betrachten müssen. Nicht sensationeller jedenfalls als Amokläufer an Schulen, Ehrenmorde, tote Babys in Blumentöpfen und Waschmaschinen, zersägte Teenager in Zement, Kannibalen, durchgeknallte, bewaffnete Verkehrsteilnehmer, Alkoholtote, Inder hetzende Lynchmobs oder die ganz normale innerfamiliäre Gewaltkriminalität.

Vermutlich muss man es inzwischen extra formulieren: Ja, das alles ist schlecht und schlimm. Ja, das alles gehört konstitutiv zur Realität, in der wir leben. Alle, täglich. Hier und heute. Und es gab Zeiten in diesem Land, in denen das alles noch viel schlimmer war. Es gibt auch heute Gegenden auf der Welt, in denen dies alles noch viel, viel schlimmer ist. So schlimm und schlecht wie Genozide in Afrika, Kinderbanden in Südamerika, Todesschwadronen in Mittelamerika, Genickschussjustiz in China und Bagdad rund um die Uhr. Eigentlich so ziemlich überall auf diesem Planeten geht es ziemlich schlimm zu, außer auf ein paar Inseln der Seligen. Deswegen mauern wir diese Inseln ja auch gerade ein. Die Probleme verschwinden dadurch bekannterweise aber nicht.

Diese Probleme gehören konstitutiv zum Thema. Wenn Saviano davon erzählt, dass chinesische Geschäftemacher mit Camorra-Strukturen weltweit den Handel mit Textilien und gefälschten Markentextilien beherrschen, dass Müllpiraterie, Waffenhandel und Drogenschmuggel schlicht und einfach Geschäftsfelder sind wie jede andere auch, und dass der wirtschaftliche Erfolg sich wesentlich auf billige Arbeitskraft gründet, dann können wir als informierte Leser des Wirtschaftsteils nur mit dem Kopf nicken. Die Parolen der Arbeitgeber, die als legitime Positionen zu Standortvorteilen, Produktionsverlagerungen und Kostensenkungen in jeder Tagesschau verbreitet werden, sind eben auch Merkmale von organisiertem Verbrechen. Ebenso wie die Arbeitsbedingungen, unter denen unsere wichtigen Rohstoffe gefördert und gesichert werden (Stichworte neben Öl: Coltan-Gewinnung im Kongo für unsere Handys und die dabei anfallende Mortalitätsrate, als Bürgerkrieg gelabelt). All das sollte uns bekannt vorkommen und uns eigentlich eher erschrecken als die simple Tatsache, dass Gewalt eben eine menschliche Interaktionsform unter anderen ist. Anthropologisch gesehen und historisch sowieso und sozial erst recht. Lesen Sie einfach mal wieder Wolfgang Sofskys Traktat über die Gewalt. Der ist jetzt auch schon wieder elf Jahre alt, aber kein bisschen veraltet. Im Gegenteil.

Gewalt, Blut, Modder und Schicksal sind natürlich die besser verkäuflichen Themen. Besonders wenn sie realistisch legitimierbar sind. Gerade dann! Savianos Buch zum Beispiel ergeht sich im Hohen Ton der Empörung über allerlei gruslige Mordrituale, die breit und mit Freude am Detail geschildert werden. Als ob es fiction wäre. Und natürlich wird darauf hingewiesen, dass der zeitgenössische Camorrista seine Pistole à la Pulp Fiction bedient, und deswegen ganz besonders unschöne, nicht sofort tödliche Wunden anrichtet, und dass überhaupt Hollywood als Vorbild für echte Gangster dient - in Sachen Lifestyle und Stilisierung. Eine uralte Schote, seit dem Paten, als alle kleinen Schurken anfingen, wie Don Corleone zu reden. Dennoch hat nicht Hollywood die Geschäftsmethoden der Cosa Nostra erfunden. Das hat der Mob ganz alleine fertiggebracht. Als ob die Tatsachen, dass es von schlimmen Umständen und Phänomenen fiktionale Verarbeitungen gibt, die realiter schlimmen Umstände und Tatsache nur um ein Gran mildern könnte. Man ist nur froh, sie anhand fiktionaler Fälle diskutieren zu können. Da kann man besser cool bleiben.

Blut und Modder verkaufen natürlich auch die Duisburger Affäre, und wenn dabei noch ein Polizist ins Bild tritt, der auf unheimliche, blutige Aufnahmerituale mit Madonnenbildchen hinweist, dann gruselt es uns so schön, dass wir ganz und gar vergessen, dass es bei dem ganzen Theater um nichts anderes geht als um einen landestypisch gehandhabten Familienkrach, aus dem Ruder gelaufene domestic violence - Gewalt im Inneren.

Mafia hingegen, organisiertes Verbrechen aller Couleur aber ist, wie es Moses Naim einmal so schön auf den Punkt gebracht hat, ein "ökonomisches, kein moralisches Phänomen". Aber nur als moralisches Phänomen, und zwar als eines mit eingebautem, automatischem Ekel-Effekt ist es vermarktbar. Beziehungsweise der Diskurs darüber. Und dabei rutscht der auf ein unangemessenes Nebengleis. Denn wenn es sich um ein a priori zu verurteilendes (was denn sonst?) moralisches Problem handelt, kann man an der Stelle aufhören. Weh tut es erst bei Fragen wie: Wo wandern die Abermilliarden Dollars und Euros hin, die das Organisierte Verbrechen umsetzt? Natürlich in die legale Wirtschaft. Das aber kann nun ernsthafterweise auch niemand mehr erstaunen. Das ist nämlich so, seit die US-Mobster und Mafiaboss Meyer Lansky und Lucky Luciano erkannt haben, dass nur die Anschub- und Krisenfinanzierung illegal erfolgen muss, und dass dann der entfaltete Kapitalismus (und unter bestimmten Voraussetzungen auch der devisenhungrige Realsozialismus, damals) prächtige Möglichkeiten bietet, dieses Kapital ersprießlichst zu mehren.

Meyer Lansky starb 1983 in einem Altersheim, seine kreativste Zeit hatte er in den Vierzigern, Fünfzigern und Sechzigern - er war eine der ganz wichtigen Schlüsselfiguren des letzten Jahrhunderts. Und vermutlich die unbekannteste. Organisiertes Verbrechen hat sich seitdem die politische Macht gekauft, die zum Beispiel auch Deregulierung fordern und durchsetzen konnte und die legalen und illegalen Finanzströme konstitutiv und irreversibel miteinander verflochten hat. Wenn Saviano einzelne Camorristas als "Samurai des Neoliberalismus" bezeichnet, trifft er das Phänomen recht gut.

Die Realität kann und will an diesen Umständen nichts ändern. Wer will den globalen cash flow, wer will das virtuelle Geld, das kreuz und quer über die Kontinente fließt, in legal und illegal sortieren? Wer könnte es? Die "Samurai des Neo-Liberalismus" sind so gesehen sowieso nur die kleinen Strolche, die, nachdem sie viel Leid und Elend angerichtet haben, auch aus dem Spiel genommen werden können, wenn sie stören. Zugunsten anderer, wirksamerer Strategien der Profitmaximierung. Man weiß längst, dass die alten Mafia- (Camorra-, ´Ndrangheta-, Triaden-) Modelle auch Auslaufmodelle sind. Nicht mehr die einzelnen Geschäftsfelder und Dienstleistungsbereiche (Waffen, Drogen, Menschenhandel) sind relevant, sondern flexible Strukturen, mit denen die Begehrlichkeiten und Bedürfnisse erfüllt werden, die der Staat oder andere zuständige Körperschaften nicht befriedigen können oder wollen. Die Prohibition hat die großen Vermögen begründet, die jetzt im legalen Kreislauf sind, und nichts ist schöner für alle organisierte Kriminalität als diese Politik. Sogar die alltägliche Sicherheit im Wohnviertel lässt sich so als Ware verstehen (nicht umsonst gehören etliche Security-Firmen ganz klar in den Umkreis der OK, wie jeder aufgeklärte Polizist weiß) - und wenn man notfalls die kleinen Strolche des Neo-Liberalismus aus dem Verkehr zieht. Hauptsache, der Profit stimmt.

Aber das wollen wir alles so nicht wissen. Wir wollen es noch nicht einmal in einer bestimmten Form von fiction wissen. Wir wollen mehrheitlich nicht die Sopranos sehen im Fernsehen und nicht The Shield. Wir wollen stattdessen lieber märchenhafte Serial Killer und Profiler, und Haschmich, ich bin der Killer und Kommissar Schlurchis nächsten Fall. Da wo die fiction allzu sehr anfängt, Realität zu verarbeiten, pochen wir auf unser Recht auf Evasives Fluchtmöglichkeiten. Als ob wir uns tagtäglich mit den allerhärtesten Realitäten wirklich auseinandersetzen würden. Das tun wir deutlich nicht, denn dann wäre der soziale Frieden in diesem Land nicht so gesichert, wie er im Moment zu sein scheint. Aber das geht jetzt vielleicht wirklich ein bisschen zu weit.

Immerhin, Mafia, ´Ndrangheta und Camorra gibt es auch seit Jahren auf CD, als lustige Songs. Gute Unterhaltung!


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