Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge

CRIME WATCH Die Geschichte des Heroins ist eine Geschichte der Hysterie. In Realität und Fiktion, weil sich (wie immer bei Hysterien) diese beiden Prinzipien ...

Die Geschichte des Heroins ist eine Geschichte der Hysterie. In Realität und Fiktion, weil sich (wie immer bei Hysterien) diese beiden Prinzipien dringend gegenseitig brauchen. Die Hysterie-Geschichte um »demon drug« konnte nur mittels Fiktionen, Legenden und Fälschungen (von Statistiken zum Beispiel) initiiert und in Gang gehalten werden. Diese Fiktion bestimmte die Realität - die soziale, juristische, moralische und politische Stigmatisierung des »Rauschgifts« par excellence. Was wiederum genügend Stoff und Vorlagen für allerlei gruslige Fiktionalisierungen in Buch, Film und Fernsehen führt - der »Krieg gegen die Drogen« ist die trivialliterarisch- zeitgenössische Formel für »Gut« gegen »Böse«, wie nicht nur Tom Clancy immer herunter betet. Gegen die sich solcherart immer schneller drehende Spirale der Irrationalität scheint Vernunft keine Chance zu haben.

Eine Stimme der Vernunft und der Rationalität immerhin kommt aus Berlin: Von dem Arzt und Diplombiologen Michael de Ridder, der eine auch für's Laienpublikum lesbare (naja, ein bisschen Anstrengung darf schon sein) Fassung seiner Promotion als Sachbuch vorlegt: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge.

De Ridders Buch ist zunächst einmal eine sehr kluge und deeskalierende Zusammenfassung der Faktenlage. Dürre Tatsachen sind schlecht zu widerlegen - vor allem, wenn sie aus den Archiven der Beteiligten selbst kommen. So konnte de Ridder die Entwicklungs- und Frühgeschichte des als Hustensedativum gedachten und mit Erfolg eingesetzten Medikaments Heroin aus dem Firmenarchiv der Bayer AG, damals »Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer Co« rekonstruieren. Spannend ist dabei, wie die Farbenfabriken im Sog der aufkommenden organischen Chemie zu ernsthaften Konkurrenten auf dem Arzeimittelmarkt für diejenigen Hersteller wurden, die aus dem Apothekerwesen kamen (Merck, Beiersdorf). Bevor also Heroin zu einem juristischen und strafpolitischen Thema wurde, war es lange Zankapfel fachwissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Nachdem das »Atmungssedativum Heroin« (patentiert 1898) auf dem Markt war, gab es ernsthafte Diskussionen um Dosierung, Applikation, Nebenwirkungen und Abhängigkeitsfaktoren. Das erfolgreiche Medikament, in seinen Darreichungsformen als Saft, Zäpfchen, Pulver, Tränkchen, Mixtur und im gynäkologischen Fall als getränktes Tampon, war Gegenstand des normalen pharmakologischen und medizinischen Für und Wider. Das ja nicht immer harm- oder belanglos ist, weil es dabei auch um Leben und Tod gehen kann. Moralische und ideologische Kategorien kamen erst 1917 ins Spiel, Der Krieg gegen die Hunnen tobte, in dem teutonischen Pharmaprodukt, neben Sozialismus/Kommunismus - auch die aus Deutschland - wähnten die USA das Böse schlechthin. Heroin, weil billiger zu haben als Kokain und Opium und weil flächendeckend der Selbstmedikation anheimgegeben, wurde die Substanz, in der sich die innenpolitischen Probleme der USA (Rassimus, angebliche Gefährdung der eigenen puritanischen »Werte« durch asiatische oder katholische Einwanderer) auch aussen- und wirtschaftspolitisch prächtig entsorgen liessen. Prohibitionistische Politiker fälschten fröhlich Statistiken. Zielgerichtet wurde eine Phänomenologie des devianten Drug Users gebastelt. Die Legenden triumphierten über alle Fakten. Ich empfehle, die einschlägigen, sorgfältig dokumentierten Kapitel genau nachzulesen, weil die Konsequenzen dieser Aktivitäten im heutigen Status quo enden: der Kriminalisierung der Droge und ihrer Anwender.

De Ridder lässt keinen Zweifel: »Das enorme Ausmass körperlicher, mentaler und sozialer Verelendung, die das Bild des Heroinabhängigen in der Öffentlichkeit prägt, ist nicht Ausdruck der Eigenschaften der Droge Heroin, vielmehr allein die Folge der Bedingungen ihres Konsums. Unter ihnen spielt die Illegalität der Droge eine alle anderen überragende Rolle.«

Und da, das steht allerdings nicht mehr bei de Ridder, liegt auch der Grund, warum es ein ganz starkes Interesse an der Illegalität der Droge gibt: Heroin schöpft Wert. Milliarden von Dollars werden in die legalen Geldkreisläufe gepumpt, Zehntausende von Arbeitsplätzen (Polizei, Geheim- und Sozialdienste, Medizinische Personal etc, etc) hängen direkt von der Illegalität des Heroins ab. Und Tausende mittlerer Fiction-Hersteller müssten sich sonst selbst was einfallen lassen.

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000, 217 S., 68.- DM

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