P.D. James: Was gut und böse ist.

Crime Watch An Unsuitable Job for a Woman

Wenn ein Krimi mehr als ein Krimi sein und dennoch ein Krimi bleiben will, können verschiedene Dinge passieren: (a) Der Krimi ist mehr als ein Krimi, aber kein Krimi mehr. Er ist irgendwie Literatur geworden oder etwas schrecklich Prätentiöses. (b) Er rudert und rudert und bleibt doch ein Krimi. Vermutlich ein schlechter. (c) Es klappt, und das Buch hat das, was ein Krimi ist oder sein kann, um eine Dimension erweitert. Oder es kann folgendes passieren: Phyllis Dorothy James, von Mrs. Thatcher weiland zur Baroness James of Holland Park erhoben und mit eigenem Porträt in der National Portrait Gallery präsentiert (gleich unten links, wer vorbei kommt, sollte es nicht verpassen) darf man keinesfalls mit den Scharen britischer Damen verwechseln, die seit Old Lady Agathas Zeiten den gepflegten Märchengrusel aus Dorf und Landhaus so ent-zük-kend zu häkeln wissen. Auch nicht mit den programmatisch als female crime writers auftretenden Sisters in Crime der Jetztzeit, mit ihren oft stramm ideologischen Barrieren und der belanglosen Prosa. P.D. James ist ein eigenes, ein schweres Kaliber. Sie hat immerhin ein paar erstklassige Kriminalromane zu bieten. Die, siehe beispielsweise An Unsuitable Job for a Woman, schon 1972 neunzig Prozent ihrer heutigen SinC-Kolleginnen weit voraus waren. Zur Traditionsstiftung »weiblichen« Schreibens mochte man sie allerdings weniger zitieren, denn P.D. James war und ist nie irgendwie mit dem »linken« Spektrum zu verrechnen. Die Adelung unter Maggie war kein Zufall - und dito nicht, daß P.D. James vor ein paar Jahren die im UK erbittert geführte Diskussion um die moralische Optionsfähigkeit der »unteren Schichten« losgetreten hatte, indem sie sie bestritt. Kurz: P. D. James mag einem zwar ideologisch nicht in den Kram passen, aber sie ist - qua Persönlichkeit und Können - nicht subdiskutabel. ihr neues Buch, Was gut und böse ist, setzt sich mittenhinein in eine der vorzüglichen Fähigkeiten von Kriminalliteratur: Nämlich Austragsfeld von Diskussionen um private und öffentliche Moral zu sein. Insofern man sich einig ist, daß Diskussionen nie im »Diskurs« aufgehen, sondern auch literarische Formen dringend brauchen. Und so unternimmt es P.D. James in ihrem Roman, eine Art Gesellschaftstheorie mitzutransportieren. Zumindest ex negativo. Deren Essenz etwa lautet: Über Großbritannien sind die Wogen von Moderne und Postmoderne zusammengeschlagen, haben verkrustete Strukturen sinnvollerweise aufgelöst (wie die Geschlechtsrollenverteilung), aber dennoch ein moralisches Vakuum geschaffen, in dem jedes partikulare Interesse Selbstbedienung praktizieren kann. Auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten Einzelner. Diese Problemlage nun spielt P.D. James in der Romanhandlung durch: Eine erfolgreiche Strafverteidigerin und aufsteigender Star einer Anwaltssozietät ist ermordet worden. Verdächtige gibt's in Hülle und Fülle, vor allem, weil das Opfer zu Lebzeiten jeden noch so abgedrehten Mörder vor Gericht freibekommen hat. Und hier wird der »Krimi« überlastet: Der Plot und seine Kontexte sind hochkomplex. P.D. James jedoch ist nicht nur politisch konservativ, sondern auch literarisch, was Kriminalromane angeht, »strukturkonservativ«. Also inszeniert sie ihre Geschichte als klassischen Who-dunnit in Breitleinwandformat und Zeitlupe. Bis die Leiche anfällt, sind 150 Seiten vergangen, und wir haben eine Menge Verdächtige intim kennengelernt, beinahe bis zur Biographie des Haustiers. Bis zur »Lösung« des Falls braucht sie weitere 400 Seiten, und wir wissen alles über Sandwichbeläge in kleinen Cafés. Beim Dénouement aber kommt alles ganz anders. Und völlig unglaubwürdig nach Maßgabe des Musters. Der oder die Täter werden aus dem Zylinder gezaubert. Die Moraldiskussion gerät unter die Räder der altbackenen Vorstellung, wie ein Krimi gemacht sein soll. Was übrigens einzelne, exzellent gelungene Passagen nicht schmälert.

Am Ende jedoch verbinden sich literarischer Struktur- und politischer Konservativismus aufs Bedenklichste: Der Prolo-Schurke wird umgenietet, den Gentleman-Schurken läßt James' nobler und feingeistiger Inspektor Adam Dagliesh entkommen. Diese moralische Option hat er nämlich, qua Amt. Und das ist ganz schön gruslig.

P.D. James: Was gut und böse ist. (A Certain Justice, 1997). Roman. Deutsch von Christa E. Seibicke. Droemer, München 1999, 545 Seiten, 44,- DM

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