Psychopathologie für Schweinebacken

Schicksalsgemeinschaft Iain Levisons Roman "Tiburn" liefert trotz parodistischer Grundhaltung präzise Beobachtungen über den Zustand der Gesellschaft - und kann auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken

Sohn deutscher Eltern, 1963 in Schottland geboren, in den USA aufgewachsen, schreibt auf Englisch - bis jetzt zwei Kriminalromane und ein Buch unbestimmten Texttyps. Das ist noch nicht seltsam. Aber irgendetwas Seltsames ist um Iain Levinson.

Levisons Erstling, Betriebsbedingt gekündigt machte 2005 bei uns Furore. Der Roman eines Arbeitslosen, der keinen Job finden kann, bis er schließlich Berufskiller wird und wirtschaftlich prosperiert, stand in einem klar intertextuellen Verhältnis zu dem Roman von Donald Westlake, Der Freisteller" (The Ax, 1997), der im deutschsprachigen Raum völlig untergegangen ist. Wobei "klar intertextuell" auch euphemistisch heißen kann, dass Betriebsbedingt gekündigt die Cover-Version des Freistellers war oder die Raubkopie. An die Qualität, den Witz, den Biss und die Originalität von Westlakes großem Wurf kam Levisons eher ungelenker Roman keinesfalls heran. Weil Westlake aber damals nicht in einem der üblichen, von den Feuilletons stets beachteten Verlage erschien, konnte Levisons Buch als Streich eines Originalgenies durchgehen und landete sogar auf der KrimiWelt-Bestenliste. (Heute, wo er unter seinem Pseudonym Richard Stark bei Zsolnay als große Entdeckung gilt, hätte es Levison nicht mehr so leicht.) Womit sich nicht nur die Mainstream-Kritik, sondern auch ein erklecklicher Prozentsatz der kriminalliterarischen Fachkritik ein klein wenig blamiert hatte. Milder gesagt: Sich der Möglichkeit begeben hatte, zu dem Thema und seiner unterschiedlichen Interpretation durch zwei sehr verschiedene Autoren spannende Gedanken zu entwickeln.

Ähnlich seltsam ging es beim zweiten Buch zu: Abserviert. Mein Leben als Humankapital von 2006. Da liegt die Verwirrung im Text selbst. Denn was ist das überhaupt? Ein Roman? Ein Sachbuch? Eine Reportage? Es prasselte nur so von Vergleichsgrößen - Günter Wallraffs Reports, die Recherchen von Barbara Ehrlichman, die Filme von Michael Moore. Man bemühte den Begriff "Satire" oder zeigte sich empört über die wenig ausgeprägte politische Korrektheit des Autors - oder nur des Erzählers? Da war man sich nicht so einig. Oder man las das Buch positiv als harten Tatsachenbericht aus der Arbeitswelt eines wildgewordenen Kapitalismus. Zwei Vergleichsgrößen blieben so ziemlich außen vor: George Orwells Down and Out in Paris and London, ein ähnlich authentisch gemeinter Selbstversuch eines Intellektuellen, der sich in die Hölle der Niedriglohnarbeit begibt. Und Upton Sinclairs The Jungle, dessen Fleischhalden in den Schlachthöfen von Chicago der Autor mit Fischströmen auf einem Trawler in der eiskalten Beringsee vergleicht. Denn obwohl Levison seinen Ich-Erzähler in einer arrangierten Reihe von entwürdigenden und demütigenden Arbeitsverhältnissen agieren lässt, also keineswegs eine "authentische" Sozialreportage simuliert, sind die einzelnen Episoden und die Details extrem verstörend. Dass Levison dabei sehr deutlich auf seine Vorgänger verweist - also auf all das, für das Namen wie Orwell und Sinclair stehen - und sich damit in eine bestimmte Tradition von Literatur stellt, mindert keinesfalls die Triftigkeit seiner Kritik an den schlimmen Verhältnissen, die er beschreibt.

Abserviert ist eine Bestandsaufnahme, ein Katalog des ganz alltäglichen brutalen Raubs, der Ausbeutung und des Betrugs. Ein Handbuch für Menschenfeinde, ein Manual der Kaltherzigkeit, eine Psychopathia kapitalis, ein Krafft-Ebing für Schweinebacken. Und das Ganze nicht individuell personifiziert, sondern der klaren Rationalität des profitorientierten Kapitalismus zugeschrieben. Die Lektüre von Abserviert" ist auch deswegen so unbehaglich, weil es ein peinliches Buch ist. Es ruft weder zu demütiger Bescheidung, noch zu heroischem Widerstand oder zynischem Mitspielen auf, sondern benennt die kleinen fiesen Triumphe, die Schäbigkeiten am Rande, die totale Deformation, wenn sich etwa der Erzähler über ein paar arme Koreaner erhebt, denen es anscheinend noch viel mieser geht als ihm.

Die unangenehme Botschaft für die Leser ist: Wenn ihr clevere Schnäppchenjäger sein wollt, wenn ihr Dienstleistungen und Waren zu Spottpreisen haben wollt - dann leiden dafür andere Menschen. Wem das egal ist, der ist noch lange nicht aus dem Schneider, denn es erwischt einem blitzschnell selbst, und dann wird man von ganz schön fertigen Leuten noch fertiger gemacht. So was mag kein Mensch lesen. Höchstens als "Satire", aber lieber nicht als Literatur, weil das den momentanen Status von Literatur als Medium der Flucht ein wenig ankratzt.

Tiburn nun, der aktuelle Roman von Levison, hat nur auf den ersten Blick wenig mit den anderen Büchern zu tun. Er ist ein klassischer Kriminalroman. Ein flüchtiger Bankräuber, ein geiler, ehrgeiziger und skrupelloser Geschichtsprofessor und eine stockdumme FBI-Agentin bilden unfreiwillig eine Schicksalsgemeinschaft. Der Bankräuber, ein intelligenter und vermutlich netter Schwarzer namens Dixon muss nach einem verpfuschten Coup flüchten, immerhin mit einer erheblichen Beute. Er besetzt gewaltsam das Haus und damit das Leben des Geschichtsprofessors. Der nun ist gerade damit beschäftigt, sich mit einem Krawall-Artikel unter dem jederzeit wieder dementierbaren Schlagwort "Hitler hatte recht" einen fetten Lehrstuhl an einer fetten Uni und nicht im popligen kleinen Tiburn, New Hampshire herbeizuskandalisieren.

Darin versteckt sich auch der Levison-Dreh: Die Grundkonstellation stammt aus dem Thriller The Desperate Hours (1954) von Joseph Hayes, dessen Verfilmung An einem Tag wie jeder andere (1955) weltberühmt wurde. Flüchtige Gangster tyrannisieren dort eine brave Mittelstandsfamilie, bis Papi sich wehrt. Auch Levisons schmieriger, geschichtsfälschender Professor wird sich wehren. Damit am Ende die Ungerechtigkeit auf Erden vollständig gesiegt haben wird, baut Levison noch Denise Lupo ein, die unfähigste FBI-Agentin, die je die Seiten eines Kriminalromans belebt hat.

Aber wieder ist das nicht so einfach bei Levison: Denn Lupo ist einfach bloß nicht so omnipotent wie FBI-Agentinnen in mittleren Thrillern seit einiger Zeit zu sein haben, sondern völlig normal unfähig im Alltag. Das, kombiniert mit einem normal-anständigen Verbrecher und einem normal-wissenschaftsbetrieblich "rundgemachten" Professor, programmiert die Katastrophe für den Outsider schon vor. Am Ende ist der Gangster tot, die beiden bürgerlichen Figuren profitieren von ihrer Stellung im System und erpressen sich gegenseitig zu ihrem beiderseitigen Vorteil.

Auch hier gelingt es Levison, mittels Literatur eine sehr unschöne Wahrheit zu formulieren. Das ist nicht satirisch. Es ist parodistisch gegenüber der Film- beziehungsweise Roman-Vorlage, die komische Kritik daran mündet in korrekten, präzisen Betrachtungen über den Zustand der Gesellschaft, hier und heute. Recht kompliziert, nicht schön, aber ganz schön unterhaltsam. Und ziemlich seltsam.

Iain Levison Betriebsbedingt gekündigt (Since the Layoffs, 2003) Roman. Aus dem Englischen von Hans Therre. Matthes Seitz, Berlin 2005, 219 S., 19,80 EUR

Abserviert. Mein Leben als Humankapital (A Working Stiff´s Manifesto, 2006). Aus dem Englischen von Hans Therre. Matthes Seitz, Berlin 2007, 219 S., 19,80 EUR

Tiburn (Dog eats Dog, 2006) Roman. Aus dem Englischen von Hans Therre. Matthes Seitz, Berlin 2008; 256 S., 18,80 EUR

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