Der wahre Feigling

Islamkritik Warum Thilo Sarrazin nicht zu den Mutigen gehört und er einen Extremismus der Mitte zelebriert.
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Gefahren lauern nie dort, wo man sie vermutet. Das würde ihnen nicht gerecht werden. Extremismus, der gefährlich werden kann entsteht nicht an den Rändern der Gesellschaft, sondern da wo sie blüht und gedeiht, denn dort kann theoretisch am meisten kaputtgehen.

Sarrazin ist Mitglied der SPD und hat mit ihr im Moment so wenig gemein, nicht wahr? Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er seit geraumer Zeit auch dort Unterstützung erhält, wo man sie nicht im ersten Moment erwarten würde, wie das bei Prof. Dr. Sloterdijk der Fall ist. Eben dieser sieht Sarrazins Kritiker als Feiglinge—macht sich gar über sie lustig. Er schreibt:

Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandene Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. *

Sloterdijk benutzt eine ähnlich euphemistische Wortwahl wie Sarrazin: “Unvorsichtig” schreibt er und meint dabei “mutig”. Denn es sei inzwischen Mut nötig, um Dinge, die scheinbar Viele nur denken, laut auszusprechen. Er stellt den Wahrheitsgehalt von Sarrazins Thesen gar nicht mehr in Frage. Voll aufgesaugt in den Schlauch der konservativen Ressentiments, die eintreten, wenn Menschen die Fähigkeit entgleitet, die Gesellschaft der Gegenwart zu verstehen und die Undeutbarkeit der Gesellschaft der Zukunft zu akzeptieren. Eine “Deutlichkeit”? Ja, deutlich war er tatsächlich zu hören. Die Debatte lief jedoch bereits. Dazu war Sarrazin nicht notwendig. Aber noch viel mehr als Sarrazin scheinen für Sloterdijk dessen Kritiker Feiglinge zu sein. Dabei ist es umgekehrt.

Sarrazins Buch ist von Anfang bis Ende eine riesige Ansammlung von Euphemismen: Mit penibler Genauigkeit werden Begriffe wie “Rasse” und “Überfremdung” gemieden. “Rasse” kommt nur schwer angreifbar an einer einzigen Stelle vor. Und gegen Ende des Buches scheinen die Lösungen, die Sarrazin erwähnt, geradezu so, als könnten sie von den Grünen kommen.

Denn Sarrazin ist ein Feigling. Er gibt sich seinen Angstvorstellungen von der Zukunft hin und stillt den Hunger seiner Ressentiments. Aber den 'Mumm', die Schlüsse aus seinen eigenen Thesen zu ziehen, den hat er nicht. Denn da bleibt nicht viel übrig: Die einzige Lösung wäre, Migranten aus dem Land zu werfen. Bis dahin könnte man ihnen verbieten, Kinder zu bekommen. Muslimische Frauen sterilisieren, muslimische Männer kastrieren. Einwanderer müssten Intelligenz-Tests als alleiniges Aufnahmekriterium bestehen, nur bis man die Möglichkeit hat, jemanden per DNA-Check abzuweisen oder einwandern zu lassen.

Das sind die wahren Thesen Sarrazins und die Lösung der Probleme würden sie entlarven. Doch dann müsste sich Sarrazin eingestehen, dass sein Gedankengut sich kaum von dem unterscheidet was Personen wie Udo Voigt tagtäglich von sich geben. Nur, dass Udo Voigt den Anstand hat, viel mehr die Konsequenzen aus seiner Meinung zu ziehen und zu akzeptieren. Aber vor seinen eigenen Lösungsansätzen hat Sarrazin große Furcht. Nur aus dem Grund ist sein Buch ein Hindernislauf des Neusprechs, an dessen Ende altbekannte Vorschläge aus der Mitte der Politik stehen.

Sarrazin ist damit nur ein besonders eitriges Geschwür eines Trends: Die, die seine Ideologie mit vertreten, sind zu feige, die NPD zu wählen. Diese Meinung hat kein Denk- oder Sprechverbot. Sarrazins Meinung ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Es ist nicht verboten Nazi zu sein, nicht einmal die NPD ist verboten. Wie also könnte etwas moderateres als Nazi-Ideolgie verboten sein? Und nebenbei: Was hat das Grundgesetz damit zu tun, ob jemand aus einer Partei oder einer anderen Institution geworfen wird?

Wer die Ansichten Sarrazins teilt, kann längst die entsprechende Partei dazu wählen. Aber das tun Sarrazin und seine Sloterdijks, Henkels und Co. nicht. Und die angeblich so vielen Wähler einer (noch) nicht existenten sechsten Partei rechts der CDU auch nicht. Da sind sie zu fein. Das ist zu muffig. Zu direkt braun. Eine sechste Partei wird erst dann entstehen können, wenn die NPD verboten ist. Deshalb ist es so wichtig, dass es die NPD gibt. Um diese Meinung im Auge behalten zu können. Die NPD ist ein Puffer. Und es bleibt zu hoffen, dass er ausreicht um den Spagat zwischen der moderner werdenden CDU und den Rechtsextremen nicht reißen zu lassen. Denn was dann noch nach einem Verbot hinzukäme, wäre Sympathie für die extremen Rechten, die dann tatsächlich einen Maulkorb verpasst bekämen. Und diese Partei käme dann wirklich aus der rechtskonservativen und -populistischen Seite. Sarrazin wäre jedoch bisher der Einzige, der das Vakuum füllen könnte. Und das wird er nicht tun. Dazu ist er zu feige.

Die wahren Mutigen sind die Kritiker, die Gegner Sarrazins. Die, seiner rechts-populären Aussage nach, es gäbe eine Diskrepanz zwischen der veröffentlichten Meinung und einer unveröffentlichten Meinung, die er nun “endlich” ausspricht, gar in der Unterzahl zu sein scheinen. Denn wie immer bei rechten Ideologen, ist der Kritiker der “Gutmensch”, der “Sozialromantiker”. Und die Argumente scheinen zittrig und schwach gegenüber der geballten “Fakten” Sarrazins. Dabei geht es um genau das: Der Mensch ist keine Zahl. Kein Element von Statistiken. Er ist ein unkontrollierbares freies Radikal mit nicht messbarer Kreativität, einem unbeschreiblichen Intellekt und einem Wesen, das über das Erbgut hinaus geht. Sarrazins Flucht in die Zahlen ist nicht nur feige, sondern auch gefährlich. Er missbraucht Darwin, wie es schon seit Jahrzehnten keiner mehr mit dieser Popularität getan hat und definiert seine Weltanschauung und sein Menschenbild klar auf der Basis von Ökonomie. Frank Schirrmacher hat dazu einen Artikel geschrieben, dem kaum mehr was hinzuzufügen ist. Daraus:

Ein Kernsatz des Buches lautet: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ,survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“

Das sind unerhörte Sätze. Und Sarrazin weiß das. Es ist schlichtweg unseriös, wie fahrlässig er mit seinen Quellen umgeht. Der schnelle Leser wird die These von der angeblichen überproportionalen Vermehrung der Dummen und den Hinweis auf Darwin im besten Fall als These zur Kenntnis nehmen. Ganz anders aber würde er hier aufmerken, wenn er wüsste – und das verschweigt Sarrazin ihm –, wie Darwin diesen Prozess nennt: „Es ist überraschend, wie schnell eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Entartung einer domestizierten Rasse führt. Doch abgesehen vom Fall des Menschen ist niemand so töricht, seine schlechtesten Tiere zur Zucht zuzulassen“.

Das ist nicht der einzige Artikel von Frank Schirrmacher zu diesem Thema, nebenbei bemerkt.

Sarrazin ist ein Feigling, der sich nicht traut, seine eigenen Thesen zu schlussfolgern, der sich der Gegenwart verweigert und stets mit altbekannter Attitüde rechtspopulistischer Schreihälse seine Kritiker vorführt und die hilflosen Journalisten verspeist, während die klugen Journalisten entweder gleich den Stift beiseite gelegt haben oder den Mut aufbringen, ihm außerhalb der Reichweite des Reißer-Journalismus etwas entgegenzusetzen.

Wird Deutschland muslimisch?

Nein. Selbst wenn man sich auf Sarrazin einlässt werden auch im islamischen Glauben die religiösen Zersetzungsprozesse immer stärker werden. Wie das im Christentum eben auch war und ist. Eine Radikalisierung von streng Gläubigen ist dafür der Beweis. Evangelikale und Islamisten sind gleichermaßen die Ausgeburt einer Modernisierung und Emanzipation von Glauben und Religion. Denn diese erheben Anspruch auf eine unumstößliche Moral ohne auf den Wandel von Moral und Werten einzugehen. Wissenschaft macht uns nicht glücklicher oder sicherer, aber es lässt uns wissen, aus welchem Grund wir Angst haben.

Ideal wäre also ein Staat an den sich kein religiöses Adjektiv legen lässt. Bis 1945 waren wir scheinbar das “christliche Abendland”, ab 1945 scheinbar das “christlich-jüdische” Abendland. Dabei sollten wir das christlich-jüdisch-muslimisch-buddhistisch-hinduistisch-mormonisch-…-… Man sieht worauf das hinausläuft. Auf “Land”. Ohne Vorzeichen. Und um das noch weiterzutreiben: Gar “Land” sollte falsch sein. Das Modell “Nationalstaat” ist ein Brückenmodell, denn unsere technologischen Strukturen lassen immer größere Verwaltungsbereiche zu. Stämme haben sich abgeschafft, Herzogtümer, König- und Kaiserreiche und früher oder später auch Nationalstaaten. Die USA und die EU sind erste Modelle dafür. Und die technologischen Strukturen rund um das Internet, werden dies noch in viel größerem Ausmaß möglich machen.

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02:16 02.10.2010
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