Das Springeropfer (oder: Der hessische Stil)

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„Wegtreten, Herr Minister!“, so trompetet die BILD-Zeitung und wedelt mit dem Skalp des Verteidigungsministers Jung. Quote geht halt doch vor Loyalität, im Fall des Falles. Aber das weiß eigentlich ja jeder im Geschäft und außerdem trifft es nur die Verlierer.
Es ist auch der hessische Stil der brutalstmöglichen Aufklärung, der da von den explodierenden afghanischen Tanklastern beleuchtet wird. Wir erinnern uns unvollständig: „Ja zu Integration ...“ stand weiland auf den Listen an den Ständen der CDU im hessischen Landtagswahlkampf, die derjenige freudig hingehalten kriegte, der fragte, wo man denn „gegen die Ausländer“ unterschreiben könne. Dann waren da die Parteispenden, als jüdische Vermächtnisse deklariert. Und zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan die ganze Begriffsarbeit, ganz wie bei den Montagsmalern: wer das zu erklärende Wort ausspricht, hat verloren. Da mutet die Darstellung des Ministers, er hätte DEN Bericht zu DER Frage nur abgezeichnet und weitergeleitet, nicht aber gelesen, geradezu schlüssig an. Man kann’s ja mal versuchen, warum denn auch nicht, wenn sein Chef, der Herr Ministerpräsident Koch, dem Jung so oft beigesprungen war, munter weiter im Geschäft ist, trotz längstmöglicher Nase.
Da ist er nun vergeblich auf den Stuhl des Arbeitsministers gesprungen. Wahrscheinlich war es eine sehr konkrete Absprache zwischen Koch und Kanzlerin: Kann Jung sich halten, darf er Minister bleiben, wird aber buchstäblich aus der Schusslinie genommen. Immerhin war Wahlkampf und Themen konnte man da gar nicht gebrauchen, insofern musste Jungs Korpsgeist honoriert werden. Wer war die undichte Stelle, wird man das erfahren? Nun wird er selber geopfert und qua Rotation ersetzt durch ein unbeschriebenes Blatt namens Frau Köhler. Die ist jung, sicherlich lernfähig und eben aus Hessen. Auch Kohls Mädel hat ja mal klein angefangen. Ein Bauernofer ist es nicht, dazu war Jung doch zu einflussreich, eher ein Springeropfer, denn Dame und Turm bleiben im Spiel, selbstredend.
Da springt er nun von der Bühne, besser gesagt er versucht seinen Abgang mannhaft zu gestalten. Mal sehen, wo er wieder auftaucht. Vielleicht kann er ja bald seine Parteifreundin beerben, die Frau Steinbach aus Hessen. Deren Begriff der Versöhnung offenbart einen ähnlich lauteren Stil.

16:02 29.11.2009
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Geschrieben von

Tilmann Müller

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