Die Königin von Indiewood: „Causeway“ mit Jennifer Lawrence

Kino In „Causeway“ kehrt Jennifer Lawrence zurück ins sozialrealistische US-Kino abseits der Blockbuster – und genauso auch zurück zur rohen Intensität ihrer frühen Rollen
Ausgabe 44/2022

Wir haben sie vermisst: Nach ihrem fulminanten Debüt als Hauptdarstellerin im Indie-Drama Winter’s Bone und der Oscar-prämierten Performance in der cleveren Romcom Silver Linings verschwand Jennifer Lawrence zunehmend hinter den Masken und Effekten des Blockbusterkinos. Zwar schien ihre charmante Art auch als Katniss Everdeen in der Tribute von Panem-Reihe oder als gestaltwandelnde Mutantin Mystique bei den X-Men hervor – aber wer sie im brillanten Winter’s Bone als taffe 17-Jährige im US-Hinterland ein Eichhörnchen jagen, häuten und verspeisen sah, wusste bereits, dass mehr als nur eine comic-hafte Superheldin in ihr steckte.

Nach einem letzten Ausflug ins X-Men-Universum war 2019 erst mal Schluss mit Rampenlicht: Lawrence fühlte sich ausgebrannt und zog sich zurück ins Familienleben. Vergangenes Jahr trat sie dann in Adam McKays Klimakrisensatire Don’t Look Up auf und will nun laut eigener Aussage mit Causeway endlich zu der rohen Intensität früher Rollen zurückkehren.

Causeway, das Filmdebüt der Theaterregisseurin Lila Neugebauer erzählt eine dramatische Alltagsgeschichte, bemüht sich dabei jedoch um unaufgeregte Authentizität. Der Film folgt der US-Soldatin Lynsey, die nach einem Bombenangriff in Afghanistan eine Hirnverletzung davongetragen hat, auf ihrem Weg zurück ins Leben. Die Erzählung beginnt mit Lynseys Therapie, in der sie vom Greifen leichter Gegenstände bis hin zum Toilettengang alles neu lernen muss. Die schauspielerische Darstellung einer solch immensen körperlichen und geistigen Beeinträchtigung, die sich bei Lynsey in plötzlichem Gedächtnisverlust und schwerer Depression ausdrückt, kann leicht danebengehen. Doch Lawrence trägt diese eröffnenden Minuten meisterhaft – ihr Spiel ist zurückhaltend und berührend. Auch als sich die Protagonistin zurück im heimischen New Orleans mit der alkoholkranken Mutter auseinandersetzen muss, interpretiert Lawrence ihre Figur mit einer sympathischen Mischung aus Zerbrechlichkeit und wildem Trotz. Es liegt also keineswegs an ihr, dass die Rückkehr ins sozialrealistische US-Kino mit Causeway nicht recht gelingen will, sondern am hybriden Charakter des Films, der beispielhaft für den Zustand des heutigen amerikanischen Films abseits vom Blockbuster-Olymp steht.

Ein seichter Oscar-Köder?

Der britische Filmwissenschaftler Geoff King interpretiert die US-Filmlandschaft als Spektrum zwischen den ökonomischen Extremen von Hollywoodfilmen mit Millionen-Budgets, die inhaltlich, inszenatorisch und politisch für den Mainstream stehen, und Indie-Filmen, die billiger, dafür aber unabhängig produziert werden und vom uniformen Mainstream abweichen können. Causeway eignet sich als anschauliches Beispiel für die Mitte dieses Spektrums, die King als „Indiewood“ bezeichnet und mittlerweile vor allem von den Prestigeprojekten der großen Streamingdienste gebildet wird. Diese Filme scheinen zwar den unkonventionellen Indie-Spirit zu versprühen, gehen aber zugunsten von Publikumswirksamkeit erzählerische und formelle Kompromisse ein.

Solche Kompromisse sind in Neugebauers Film durchweg spürbar; sie mindern leider den Genuss am durchaus ungewöhnlichen erzählerischen Interesse des Films an Solidarität und Freundschaft abseits von familiären oder romantischen Beziehungen. Im Zentrum des Plots steht nämlich Lynseys Zufallsbekanntschaft mit dem afroamerikanischen Automechaniker James (Brian Tyree Henry), der ihr zunächst aus Mitleid hilft, bald aber Gefallen an dem unbeugsamen Charakter der traumatisierten Frau findet.

Eingebetteter Medieninhalt

Als Lynsey einen strapaziösen Job als Poolreinigerin annimmt, fährt James sie ganz selbstverständlich zur Arbeit sowie zu ihren zahlreichen Arztterminen. Dann stellt sich langsam heraus, dass auch er eine körperliche und emotionale Verwundung mit sich herumträgt, die er mit zu viel Alkohol bekämpft. Als sich die beiden einmal zusammen betrinken, offeriert er Lynsey volltrunken, doch bei ihm einzuziehen; das ehemalige Familienhaus käme ihm nach der Trennung von seiner Frau ohnehin zu leer vor und ein wenig Gesellschaft und gegenseitige Unterstützung im Alltag wäre doch schön.

Man muss hier erneut betonen, wie selten solche Demonstrationen aufrichtiger Solidarität zwischen Figuren am Rande der Gesellschaft im US-Kino tatsächlich sind. Ein früheres Beispiel ist eben Winter’s Bone, in dem Lawrence als junges Mädchen die Pfändung ihres Hauses in den Ozarks mithilfe der verschworenen lokalen Community aus Crystal-Meth-Produzenten verhindern kann. Im Gegensatz zu Winter’s Bone aber vergräbt Causeway diesen durchaus radikalen politischen Kern seines Plots zunehmend unter melodramatischen Entwicklungen. Der seichte Mittelweg, den der Film einschlägt, bringt ihn zeitweise nah an die gefürchtete Kategorie des „Oscar-Köders“ – die abschätzige Bezeichnung für Filme, die mit einer kalkulierten Mischung aus oberflächlicher Sozialkritik und Melodrama auf den Oscar-Gewinn abzielen.

Zwei Gründe retten Causeway davor, einen solch zynischen Eindruck zu hinterlassen. Da ist zum einen die Arbeit des legendären Setdesigners Jack Fisk, eines regelmäßigen Kollaborateurs von Terrence Malick und David Lynch. Gemeinsam mit Kameramann Diego García sorgt Fisk dafür, dass die Working-Class-Viertel von New Orleans hier tatsächlich zum Leben erwachen und nicht bloß bunter Hintergrund bleiben. Zum anderen überzeugt Jennifer Lawrence, die trotz ihres Superstar-Status noch immer in der Lage ist, Teil eines Ensembles aus weniger bekannten Akteuren zu werden und einer Figur Leben einzuhauchen. Es scheint also durchaus möglich, dass Causeway einen neuen Abschnitt in der Karriere der 32-Jährigen einleitet und wir sie auch in Zukunft in gebrochenen und doch unzähmbaren Rollen bestaunen dürfen.

Causeway Lila Neugebauer USA 2022, 92 Minuten

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