Menasse: Die Hauptstadt

Europa, Rezension Die Hauptstadt - der Roman von Robert Menasse stellt aktuelle Fragen - aber welche?, Rezension im Rahmen des politischen Salon Berlin
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Ein großartiger Roman. Im Urlaub von einem Bekannten rübergereicht, weil mir der Krimi nicht gefiel, der als Schmöker dienen sollte. Zuviel Splatter ohne Sinn; natürlich nach der Hauptstadtbreitseite der vergangenen 8 Jahre meines Daseins auf dieser Welt mit spitzen Fingern angefasst und in neutraler Stimmung begonnen. Eher gelesen, wie etwas, das für die Arbeit relevant ist – das aber nach ein paar Seiten vergessen.

Am Anfang ein paar Zeichnungen der beherrschenden Figuren (Bürokraten mit einem Hang zu Alkohol und Einsamkeit) ein Toter und ein reales Schwein, das sich in der Nähe des Tatorts aufhält. Nach und nach erscheinen die Gedankengänge, die diese Geschichte tragen // und von einem verunsicherten Europa erzählen. Die Darsteller wandern über Friedhöfe, sitzen in ihren Lieblingsgaststätten, meistens beim Bier und einer regionalen Spezialität – Brüssel ist die Hauptstadt - oder sie stehen rauchend am Fenster – oft allein, einsam aber umgeben von den großen Fragen.

Die Erschöpfung der europäischen Idee, des Bürokraten Idealismus und Karrierestreben zu vereinen - davon ist in mehr als einem Erzählstrang die Rede.

Schweine, Flüchtlinge, Gleichgültige und Nationalisten greifen in den Raum der Integration: fundamentalistische Interessen, Ruhmsucht, falsche Propheten und der zähe Versuch einer Entwicklung entgegenzutreten, die scheinbar unaufhaltsam das Gute unter sich begräbt.

Wer tritt dem entgegen? Ein ehrpusseliger Professor, der irgendwann am Höhepunkt seines Vortrags eine neue europäische Stadt gründen will – allerdings in Ausschwitz, was des Zuhörers Amygdala zum Tiefpunkt erklärt - obwohl doch die Logik ihm so zwingend erscheint.

Ein Kommissar im Widerstand, also Nachfahre eines Großen aus der belgischen Ressistance – dem aber aufgrund körperlicher Beschwerden nicht viel gelingt, außer den Leser mit der Erkenntnis zu versorgen, dass wer in der Vergangenheit Gladio verantwortet hat, in der heutigen Zeit vielleicht auch etwas mit dem Mord in der Nähe des Schweins zu tun haben könnte – zumindest dann, wenn alle Ermittlungsakten auf einmal verschwinden.

Wer einmal im politischen Betrieb unterwegs war, sieht die vielen liebevollen Details welche Menasse in seine Geschichte einwebt. Der Professor, der bei einem Empfang einer hochrangigen (alle sind hochrangig - klar) Beratergruppe nicht weiß, wie er seine (gute, alte) Ledertasche halten soll und gleichzeitig den Teller mit den Häppchen, - das kommt immer vor.

Junge Leute in Anzügen wie Fischhäute, die sich auf jeden Informationsbrocken stürzen und im Rausch Gerüchte streuen und das damit einhergehende Geräusch als Resonanzschwingung ihrer Bedeutung fehldeuten.

Eines immerwährenden Gemurmels übler Nachrede, auf das am Feierabend einen Wein zu kippen kaum ausreicht, die bösen Geister zu zähmen.

Der Geist der Macht, des mehr machen wollen – was immer vergessen wird – vielleicht wenigstens nicht immer allen klar ist:

die Bürokraten, die Paragraphenlutscher, Wasserträger, Politschnuffis in der Administration halten den Laden am Laufen und haben Ideen, Ideale und Mut – so wird es hier dargestellt und nicht nur suggeriert. So ist es auch.

Schließlich sind es Viele, viele die irgendwas wollen, weil sie wissen was man sollte und wie es ist.

Am Ende entscheidet hier und da nur einer, ein ehemaliger Säbelfechter und zwar durch geschickte Züge auf einem Schachbrett mit 28 Mitgliedstaaten, ihren Botschaften, nationalem und eigentlich europäischem Personal, hunderten EU-Parlamentariern und der großen Imagination dessen, was die Präsidenten wollen könnten – einerseits der des Parlaments, der des Rates oder was auch geht: „die Präsidentschaft“, welche wie das Amt des Bundesratspräsidenten in Deutschland von Land zu Land wandert; in Jahresfrist Vorhaben, Initiativen, Schwerpunkte und Formate – daneben Bündnisse, informelle und solche mit eigenen Konferenzen und Namen, Visegrad-Staaten, Weimarer Dreieck, Normandie-Format, Balkan-Kommission.

Ganz großes Staatstheater, bis zur Frage der industriellen Schweinemast, den Absatzmärkten und der Möglichkeit bilateral zu verhandeln – was Menasse in meinen Augen fälschlich darstellt: demnach wäre die Handelspolitik nicht vollständig vergemeinschaftet – jedenfalls nicht für den Export von Schweineleber nach China.

Einem Ex-Polit-Schnuffi wie mir fällt das auf und gleichsam, dass ich mir auch nach zwei Jahren TTIP/CETA-Diskussion nicht mal in dieser Frage sicher bin. Zu überraschend war die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass ein 1500 Seiten starker Handelsvertrag ALLES regelt, die nationale Souveränität der Mitgliedsstaaten wie die Tatsache ihres Übertrags auf „die Gemeinschaft“ parallel, übereinander, nebeneinander – mit Vorbehalt und ohne, direkt, indirekt, im Annex, qua Wiener Vertragsrechtskonvention oder nach EU-Anwendungsvertrag, als Zuständigkeit des Rates oder der Kommission, durch Entsandte, Bestellte, Berufene oder auf Vorschlag – durch Kommissionen, Bilaterale Arbeitsgruppen, Dialogformate oder qua Rotation des Vorsitzes, auf Empfehlung, mit der Möglichkeit zu widersprechen, zu wählen, einzuberufen, aufzuheben, zu ver- und befristen…

Initiativen … verschieben (Zukunft schaffen) oder beerdigen (Vergangenheit erhalten).

Es ist ein Werk voller ineinander verschränkter Variablen, „wenn man sie sieht“, so wie die Gemeinschaft selbst und so auch das des Menasse, bis der letzte Überlebende der Ursache des ganzen Projekts vier Minuten vor dem Professor mit der Ledertasche die U-Bahnstation Moolenbeck betritt.

Da sollte der Mann mit dem Koffer in der U-Bahn schon nicht mehr leben, aber der Tote zu Beginn starb für das Thema „Kollateralschaden“ und sein Mörder wird nicht bestraft (lässt man ihm ausrichten).

Menasse streift den Inhalt der notwendigen Diskussionen mit seinen Figuren scheinbar nur – und tatsächlich greift er für mein Empfinden dennoch ziemlich tief rein.

Wollen wir Europa re-nationalisieren?

Wollen wir mehr oder weniger Zentrale?

Wollen wir uns ähnlich sein?

Wollen wir Norden und Süden immer vergleichen?

Wollen wir neue Städte bauen?

Wollen wir, dass Verdächtige im Zweifel sterben?

Wollen wir denken, dass das Europa von heute anziehend wirkt?

Denken wir, dass das alles so für den inneren Frieden reicht?

Müssen wir wirklich noch an 1945 denken oder an 1933?

Denken wir an Sarajevo 1992 wie Aleppo 2017?

Sind wir noch zu retten oder zieht das von selbst vorbei?

13:54 28.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tim Rohardt

Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter
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Tim Rohardt

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