Wenn die Ziegen husten

Afghanistan, NATO Offizier mit Sprachmittler beim Dorfältesten: „Irgendwelche Probleme?" Antwort: „Nun ja, also das Problem das wir haben ist, dass die Ziegen husten.“
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Angenommen man ist Offizier eines Aufklärungszuges, steht in Afghanistan mit einem Sprachmittler vor dem Dorfältesten und fragt: „Haben Sie irgendwelche Probleme? Können wir Ihnen helfen?“ Und der Dorfälteste sagt: „Nun ja, also das Problem das wir haben ist, dass die Ziegen husten.“

Eventuell passt das nicht ins Raster. Also fragt man weiter nach feindlichen Aktivitäten in der Umgebung, der Wasserversorgung, der Schule, der Qualität der Verbindungsstraße über den nahegelegenen Hügel usw.

Alles in Ordnung, keine Probleme, abgesehen von dem Husten, wie gesagt.

Nun ja, also in erster Linie muss es einem wohl um den Auftrag der NATO gehen – somit um die Frage nach den Aufständischen, um die Frage nach der „Sicherheit“. Daneben geht es wohl um die Frage, wie man vielleicht einige Hilfsgelder so vergeben kann, dass schnell eine sichtbare Unterstützung mit einem internationalen Fähnchen darauf realisiert ist, damit aus implizierter Sympathie der Empfänger mit dem Geber Sicherheit für dessen Soldaten entsteht.

Etwa so: „Hier baut die Bundesrepublik Deutschland für das afghanische Volk mittels der zivil-militärischen Kooperation in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit eine Kfz-Werkstatt mit drei Dauerarbeitsplätzen.“

Sicherheit durch kommunikative Beziehung. Hinweise auf Sprengfallen, „eingesickerte“ Aufständische etc. Im Gegenzug Minenräumung, Bekämpfung der Aufständischen, weitere Hilfsgelder.

Die Möglichkeit, sich Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit für diese taktischen Schritte im Rahmen des Militäreinsatzes zunutze zu machen, wurde im Jahr 2011 in der Zeitschrift „Peripherie“ (Ausgabe 122/123) mit dem Titel: „Im Namen der Sicherheit“ reflektiert.

Im Artikel „Von Kundus nach Camelot und zurück: militärische Indienstnahme der `Entwicklung´“ von Marcel M. Baumann und Reinhart Kößler heißt es, dass die NATO-Doktrin „Civil-Military-Cooperation“ das Risiko eines eindimensionalen Denkens birgt.

Außerdem wird – und das schon seit dem Einsatz im Kosovo und in Bosnien – die völkerrechtliche Trennung zwischen „militärisch“ und „zivil“ immer diffuser und in gemeinsamer Koordination mit zivilen Entwicklungszusammenarbeitern werden diese zu einem legitimen Ziel des militärischen Gegners.

Denkt man die Situation als Netzwerkanalyse, liegt die konzeptionelle Eindimensionalität darin, dass sich etwas, das sich auf das „Netz“ Afghanistan richten sollte, am „Knoten“ des Stationierungsortes von NATO-Soldaten hängen bleibt: sowohl unsere Aufmerksamkeit für die Unternehmung als auch die Legitimität, etwas anderes zu tun, zum Beispiel „nur Entwicklung“.

Die Dimension, um die es letztlich geht, ist somit die Sicherheit der eingesetzten Soldaten und die Möglichkeit einer Umsetzung ihres Auftrages, der, wenn er Entwicklung enthält, einem psychologischen Double-Bind entspricht.

Was dessen Realisierbarkeit anbelangt, kann mit Blick auf die jüngsten Berichte aus der Mission Resolute Support in Afghanistan nur von einer „Als ob“-Auftragserfüllung die Rede sein.

Angenommen jedoch, dieser Ansatz hat ausgereicht, adressierbare afghanische Institutionen zu schaffen, die in der Lage sind, die derzeitige Situation irgendwie zu meistern, ist es dann nicht an der Zeit sich ehrlich von der "Sicherheit" zu verabschieden und eine rein „zivile" Kooperation zu beginnen? Und wenn das nicht geht, um wessen Sicherheit geht es dann?

Im übertragenen Sinne, die Antwort des Dorfältesten für wahr zu halten, das wesentliche Problem sei eigentlich nur, „dass die Ziegen husten“. (Ursprünglich erschienen als Meinungsbeitrag innerhalb der AG der PL in der SPD-Bundestagsfraktion)

13:39 03.01.2019
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Geschrieben von

Tim Rohardt

Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter
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Tim Rohardt

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