Der Ausverkauf der deutschen Naturwälder

Wald & Wirtschaft 1125 Bäume pro Bürger wachsen in Deutschland. Entweder sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht, oder an den Zahlen ist etwas falsch. Ein Kommentar in Wort und Bild
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Der Ausverkauf der deutschen Naturwälder

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Glaubt man dem Bundesforstminister, so geht es dem deutschen Wald ganz hervorragend. Im vergangenen Jahr erklärte der politisch motivierte Apfelverzehrer Christian Schmidt, dass aktuell rund 90 Milliarden Bäume gut ein Drittel des Bundesgebiets bewachsen. Im Vergleich dazu waren es 2002 noch knapp neun Milliarden Buchen, Tannen, Eichen, Fichten und andere Bauholzarten.

Während der bundesweite Blätterwald die Meldung unreflektiert übernahm und beispielsweise der SPIEGEL oder die Badische Zeitung die mysteriösen 90 Milliarden begeistert als gegeben hinnahmen, erregte die Meldung etwa in der Redaktion des BR-Satiremagazins „quer“ neben Stirnrunzeln auch Interesse.

Denn eine Verzehnfachung des Baumbestands erschien doch als eine allzu wundersame Waldvermehrung. Und der Redaktion waren natürlich die vorangegangenen Recherchen ihrer Kollegen aus dem Hause längst bekannt.

Ausverkauf der Naturschutzgebiete

In der Reportage „Die Grenzen der Nachhaltigkeit – Energie aus dem Wald“ vom 13. Januar 2014 folgt ein Team des Bayrischen Rundfunks dem Weg alter Buchen aus bayrischen Naturschutzgebieten in den internationalen Export.

Dabei begleiten und interviewen sie unter anderem Naturschützer und engagierte Bürger, die über Jahre hinweg bereits ungehört Alarm schlagen und die Schäden dokumentieren. Ausgerechnet die Staatsforsten haben offenbar den Export der Filetstücke als lukrative Einnahmequelle für klamme Länderhaushalte entdeckt. Denn besonders China hat einen schier unstillbaren Hunger nach hochwertigem Bauholz. Die Markierungen auf den teilweise weit über 140 Jahre alten Bäumen zeigen in der BR-Dokumentation wie zur Bestätigung eindeutig das Zeichen eines Holzverarbeiters, der ausschließlich für den Export einkauft.

Dieses Thema hatte die ARD-Reihe „plusminus“ bereits zuvor in der Sendung „Alte Buchen nach China – Ausverkauf des deutschen Waldes“ vom 18. Dezemeber 2013 aufgegriffen und beobachtet, wie ausgerechnet geschützte Hölzer gezielt geschlagen und direkt per Kran exportbereit in Container mit der plakativen Aufschrift „China Shipping“ verladen wurden.

Auch Greenpeace Deutschland warnte bereits im Februar 2012 in seinem 40 Seiten umfassenden Bericht „Zerstörung alter Buchenwälder in Bayern – Der Fall Spessart: Wie ein einzigartiger Bürgerwald verschwindet“ vor dem Kahlschlag in besonders schützenswerten Waldgebieten. Dabei thematisieren die Umweltschützer vor allem den systematischen Raubbau an geschützten Bäumen in ausgewiesenen Naturschutzgebieten.

Erst wird ausgedünnt, dann flächenweise abgeholzt

Rund 330.000 Tonnen hochwertiges Bauholz wurden laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2012 in deutschen Wäldern geerntet und exportiert. Der Löwenanteil dessen geht nach China, das in seinem Bauboom auf den Rohstoff Holz angewiesen ist. Ironischerweise geht der starke Import auf neue Umweltschutzgesetze im Reich der Mitte zurück: Denn das kräftige Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hatte die chinesischen Waldbestände derart hinweggerafft, dass China heute mit Wiederaufforstung gegen die Wüstenbildung kämpft. Infolgedessen wurden die Restbestände des chinesischen Waldes unter strengsten Schutz gestellt.

So bleibt der holzhungrigen Baubranche nichts anderes übrig, als den begehrten Baustoff in anderen Teilen der Welt einzukaufen. Ob in Russland oder Deutschland, wichtig ist, dass es alte und damit große Bäume sind, denn sie eignen sich besonders gut als Bauholz.

Jahrhundertealt und großgewachsen – und daher besonders begehrt

Da jedoch ausgerechnet die für Bauholz besonders gut geeigneten alten Buchen und Eichen sowohl in Deutschland als auch in Russland unter Naturschutz stehen und sowohl die lokale Bevölkerung als auch nationale Umweltschutzverbände ein wachsames Auge auf „ihre“ Wälder haben, gehen die Forstbetriebe gewissermaßen heimlich vor – so gut das eben möglich ist, wenn man reihenweise tonnenschwere Bäume aus dem Wald zieht.

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Karikatur: „Nachhaltige Forstwirtschaft“; Quelle: www.timoessner.de

Dabei werden ausgewählte Gebiete erst von Hand oder mit kleinen Maschinen ausgedünnt und damit schon einmal in einem ersten Arbeitsschritt für den Kahlschlag vorbereitet. Meist im Winter, wenn der Boden gefroren ist – und wohl auch bedeutend weniger Spaziergänger im Wald unterwegs sind –, wird dann mit schwerem Gerät komplett geräumt, werden die wertvollen großen Bäume gleich hektarweise „abgeerntet“ und direkt für den Export per Schiffscontainer vorbereitet. Das dauert je nach Fläche wenige Tage – oder nur Stunden.

Rohstoff Holz

Deutschland ist bekanntermaßen ein rohstoffarmes Land. Bis auf Kohle, Kies und Kalk gibt der Boden nicht viel her. Holz gilt daher als einziger verfügbarer nachwachsender Naturrohstoff des Landes.

Dieser Rohstoff ist heiß begehrt und erfreut sich nach einer Flaute vor einigen Jahren wieder wachsender Beliebtheit. Das hat mehrere Gründe. So wurden die Einfuhrbestimmungen von geschützten Holzarten etwa aus den tropischen Regenwäldern in die EU stark reguliert. Im Vergleich zu vielen anderen Bereichen nehmen einige Mitgliedsstaaten dabei die Kontrolle sehr ernst. Besonders Deutschland hat deutlich aufgerüstet, und inzwischen verfügen wir hierzulande über DNA-Testlabore, die sich auf die eindeutige genetische Bestimmung von Holzarten spezialisiert haben – dabei werden sogar Unterunterarten zweifelsfrei identifiziert.

Strafe für Musiker, Razzia gegen Gibson

Vor einigen Jahren mussten Musiker in Deutschland befürchten, dass bei Konzerten Kontrolleure des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz auftauchen und ihre Instrumente konfiszieren würden. Dabei drohte ein Staatsanwalt in Kiel mit saftigen Geldbußen um 15.000 Euro für Musiker, die ihre Kunst auf geschützten Tropenhölzern zum Besten gaben.

In diesem Zusammenhang kam auch der Gitarrenhersteller Gibson in den USA schwer unter Beschuss, was 2011 sogar in einer Razzia durch das FBI endete. Heute verarbeitet die Traditionsfirma nur noch FSC-zertifiziertes Holz – doch auch da gab es bereits Kritik wegen Verdachts auf Korruption bzw. „gekaufte“ Zertifikate.

Vor dem Hintergrund der verschärften gesetzlichen Lage, der verstärkten Kontrollen und dem Druck der Kunden haben sich Hersteller von Möbeln, Wohnaccessoires oder Musikinstrumenten und andere Holzverarbeiter vermehrt auf die Verarbeitung lokaler Holzarten konzentriert.

Heizen mit Holz

Einen anderen Grund für den verstärkten Handel mit Holz neben dem Export als Bauholz oder als lokale Ersatzquellen für Edelhölzer aus fernen Ländern liefert die Energiewende. Im Zuge der steigenden Energiepreise und des verzögerten Ausbaus der bundesweiten Stromtrassen zur Nutzbarmachung von regenerativer Energie aus Nord- und Ostdeutschland suchten die Menschen nach alternativen Energiequellen und fanden die Lösung teilweise im nachwachsenden Rohstoff Holz.

Inzwischen heizt jeder vierte Haushalt in Deutschland zumindest teilweise mit Holz, wobei in der Regel Holzpellet-Heizungen die bisher beliebten Öl- oder Gaszentralöfen ersetzen. In Zeiten steigender Energiepreise und günstiger Pelletpreise lässt sich damit durchaus Geld sparen, und Holz ist als Energiequelle bei der Verbrennung rechnerisch CO2-neutral: Es gibt nur die Menge an CO2 ab, die es zuvor beim Wachstum aufgenommen hat.

Holzdiebstähle in Privatforsten nehmen zu

Nun haben die Herbst- und Winterstürme, besonders Christian und Kyrill, zwar erst kürzlich für ausreichend Bruchholz gesorgt, um moderate Preise für Brennholz zu garantieren – teilweise stöhnten die Händler bereits über Kellerpreise, und die Aufräumarbeiten sind in einigen Teilen des Landes bis heute noch nicht abgeschlossen.

Die Nachfrage von Privathaushalten lässt allerdings die Preise insgesamt steigen und übt somit zusätzlich Druck auf den Holzmarkt aus. So werden seit einigen Jahren vermehrt Holzdiebstähle gemeldet – besonders aus kleinen Wäldern oder Forstgebieten in privater Hand. Die privaten Besitzer sind in der Regel nicht so gut organisiert und personell wie technisch nicht so umfangreich ausgestattet, um ihren Wald rund um die Uhr im Auge behalten zu können. Doch selbst die Staatsforsten beklagen zunehmend regelrecht dreiste Fälle von Holzklau. Denn waren es bislang nur relativ kleine Mengen, die man noch unter Eigenbedarf verbuchen konnte, so verschwinden jetzt immer wieder komplette Lkw-Ladungen aus den weitläufigen Wäldern. In Bayern wurde ein Fall bekannt, bei dem der Privatwald eines Mannes wohl an nur einem Wochenende ratzekahl abgeholzt wurde – während der Besitzer im Urlaub war.

Hightech gegen Holzdiebe

Was private Waldbesitzer und die Staatsforsten mit den Umweltschützern vereint, ist die Kampfansage gegen den Raubbau – wenn auch aus unterschiedlicher Motivation. Die Mittel sind jedoch die gleichen: Per GPS wird der Bestand systematisch erfasst und besonders wertvolle Bäume eigens mit GPS-Peilsendern präpariert. So kann man mittels Luftbildern den Bestand jederzeit überprüfen und bei plötzlich auftauchenden Lücken weltweit verfolgen, wo der fehlende Baum sich befindet.

Dabei liefern sich Forstbetriebe und Umweltschützer ein bizarres Wettrennen, denn beide erstellen eigene Karten – die einen, um ihren Bestand zu schützen und vermutlich besser bewirtschaften zu können; die anderen, um den Naturwald zu schützen und für die Allgemeinheit zu erhalten.

Wundersame Baumvermehrung: die neue Zählweise macht’s möglich

Nun mag man sich fragen, warum der massive Holzeinschlag in deutschen Wäldern plötzlich so ein Thema für die Forstwirte und Fachleute ist – schließlich hat sich der Baumbestand in den letzten zwölf Jahren ja wundersamerweise verzehnfacht. Dazu muss man wissen, dass die plötzlich aufgetauchten 90 Milliarden Bäume nicht auf den Klimawandel zurückzuführen sind, sondern schlichtweg auf eine neue Erhebungsmethode – oder anders ausgedrückt: Lügen mit Statistiken.

Nach der traditionellen Zählweise musste ein Baum, um als Baum gezählt zu werden, auf einer Höhe von 1,30 Meter mindestens sieben Zentimeter Durchmesser aufweisen. Die Faustregel lautete: Auf Brusthöhe kann man seine Hand nicht mehr um den Stamm schließen.

Bei der neuen Erhebungsmethode werden Schösslinge bereits ab einer Gesamthöhe von 20 Zentimetern als Baum gezählt. Anders ausgedrückt: Wenn Sie Ihren Rasen einen Monat lang nicht mähen, sind Sie offiziell Waldbesitzer. Dabei kann sich der Baumbestand nach der neuen Zählung mit einem harten Winter oder einem besonders hungrigen Reh plötzlich dramatisch ändern.

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Karikatur: „Geldanlage Garten“; Quelle: www.timoessner.de

Gräbt man etwas tiefer, dann findet man tatsächlich auch die echten Zahlen nach der traditionellen Zählweise. In der Baumbestandserhebung gehen tatsächlich monatelang Förster oder vom jeweiligen Landesministerium Beauftragte durch den Wald und zählen die Bäume in Gruppen. Dem Bundesinventurleiter Dr. Heino Polley zufolge wuchsen demnach 2014 nur noch 7,6 Milliarden Bäume in Deutschland – das bedeutet also gegenüber einer angeblichen Verzehnfachung einen tatsächlichen Schwund von fast 20 Prozent.

Holzwirtschaft ja – Export niemals

Damit spielt Bundesminister Schmidt der Forstwirtschaft regelrecht in die Hände – kein Wunder also, dass die Betriebe keinen Einspruch gegen die offizielle Zahl von 90 Milliarden Bäumen erheben. Obwohl sie sich der Realität vor Ort bewusst sind und die langfristigen Schäden für die Gesundheit der Naturwälder einschätzen können, sehen sie derzeit offenbar nur den kurzfristigen Gewinn. Dabei reicht ein Blick in das Hauptabnehmerland, um die Folgen des Raubbaus live zu beobachten und sich vom einzig richtigen Lösungsansatz inspirieren zu lassen.

Dieser muss auch hierzulande lauten: den Raubbau sofort stoppen, unter strengste Strafen und Kontrollen stellen, zerstörte Flächen wieder aufforsten und die Wälder schonend für den Eigenbedarf bewirtschaften – ansonsten droht der radikale Ausverkauf unwiederbringlicher Baumbestände für einen Bauboom, der fernab der hiesigen Wirtschaft geschieht.

Video-Tipp: ARD plusminus vom 18.12.2013:
„Alte Buchen nach China – Ausverkauf des deutschen Waldes“ (ca. 7 Min.)
https://www.youtube.com/watch?v=gMimB0_oXck

Video Tipp: BR Reportage vom 13.01.2014:
„Die Grenzen der Nachhaltigkeit – Energie aus dem Wald“ (ca. 45 Min.)
https://www.youtube.com/watch?v=-5uzGtrgbXE

Video Tipp: ZDFzoom Reportage vom 28.04.2015:
„ZDFzoom: Woher kommen unsere Billigmöbel?“ (ca. 29 Min.)
https://www.youtube.com/watch?v=UZQETWDN5IA

Quellen:

https://www.bundeswaldinventur.de/index.php?id=2

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/holzklau-108.html

http://www.naturwelt.org/der-wald/ausverkauf-unserer-buchenw%C3%A4lder/

http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/unter-unserem-himmel/energie-aus-dem-wald-die-grenzen-der-nachhaltigkeit-100.html

http://www.schweinfurt.bund-naturschutz.de/brennpunkte-vor-ort/nationalpark-steigerwald.html

http://www.schweinfurt.bund-naturschutz.de/fileadmin/kreisgruppen/schweinfurt/Steigerwald/PM-118-14-BN_kritisiert_Falschinformationen_der_BaySF_zu_Ebracher_Schutzgebiet_W.pdf

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/deutscher-wald-baeume-werden-aelter-und-vielfaeltiger-a-996104.html

http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/waldinventur-weisst-du-wie-viel-baeume-stehen--92581493.html

http://www.gal-bamberg.de/index.php?id=1554

http://www.gmuender-tagespost.de/10188698

http://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/fuehrung/organisation/lwf_geschaeftsfelder_baysf/index_DE

19:44 09.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Essner

Flensburger Jung, zweisprachig aufgewachsen, dritter Sohn von Literaten. Karikaturist und freier Redakteur in diversen Publikationen on- und offline.
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Timo Essner

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