Ebola in Afrika: das Verhängnis der Armut

Epidemie und Impfen In Afrika ist die gefürchtete Ebola-Seuche erneut ausgebrochen, das Virus fordert in kürzester Zeit über 1400 Tote. Nun fürchten sich viele Deutsche vor einer Epidemie
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Ebola in Afrika: das Verhängnis der Armut
Das Ebola-Virus

Bild: Center for Disease Control (CDC) via Getty Images

Wenn das Ebolavirus zuschlägt, ist es in der Regel tödlich:
Neun von zehn Erkrankten sterben laut der WHO, die Inkubationszeit – also die Zeit, bis die Krankheit ausbricht – beträgt je nach körperlicher Verfassung der Menschen zwischen zwei und einundzwanzig Tagen. Die Krankheit bricht seit 1976 immer wieder kurz epidemisch aus und verschwindet wieder. Einige tausend Todesopfer forderte die Ebola-Seuche seither. Beim jüngsten Ausbruch, der am 02. Dezember letzten Jahres in Guinea begann, liegt die Überlebensrate erfreulicherweise weit höher: Etwa 47 Prozent der Infizierten besiegen das Virus.

Die WHO gibt bis auf Weiteres Reisewarnungen für Guinea, Liberia, Nigeria und Sierra Leone aus. Zudem informiert die Gesundheitsorganisation Reisende über Vorsichtsmaßnahmen, mit denen man sich weitgehend schützen kann. Immerhin wird der Erreger nur bei direktem Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen, eine Tröpfcheninfektion etwa durchs Niesen ist offenbar nicht möglich.

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Bildquelle: http://www.who.int/csr/disease/ebola/infographic/en/

Ärzte an ihren Grenzen
Unterdessen sind neuesten Meldungen zufolge bereits 240 medizinische Helfer vor Ort erkrankt, etwa die Hälfte der infizierten Pflegekräfte fielen ebenfalls dem Virus zum Opfer. Übermüdung und unzureichende Schutzmaßnahmen sind die häufigsten Gründe dafür, dass sich auch erfahrene Ärzte und Krankenpfleger infizieren.

Am gestrigen Mittwoch landete in Hamburg ein betroffener Patient zur Behandlung in einer Eppendorfer Spezialklinik. Beim Krankentransport wurde die Quarantäne strikt eingehalten und die Fachklinik im Hamburger Eppendorf ist mit einer speziell isolierten Station für Tropenkrankheiten bestens ausgestattet.

Die zweite Ebene der Epidemie
Die Panik vor Ebola verbreitet sich indes schneller als die Krankheit, und so spuken im Fahrwasser tatsächlicher Fakten auch allerlei wilde Spekulationen durch die Nachrichtenwelt.

Da erscheint dann eine besondere Form der kollektiven Hypochondrie die Menschen zu erfassen und allerorten fühlen sich Leute berufen, erste Anzeichen einer Infektion bei sich zu entdecken oder noch schlimmer: Sie lassen sich die Seuche zu Kopf steigen.

Trittbrett-Berichte und Wahnsinns-Reporter
Besonders gefährlich und in keiner Weise hilfreich sind etwa Beiträge wie jüngst in der „Welt“, die einen Bezug zwischen dem Ebola-Ausbruch, der Ukraine und dem russischen Biowaffen-Programm herstellen.

Ein anderes Boulevard-Blatt aus dem Hause Springer verweist auf die vielen tausend Flüchtlinge, die jährlich an den Südküsten Europas stranden und beschwört bereits Wellen aus Epidemie und Armut herauf, die uns in Deutschland zu überschwemmen drohen.

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Keine Panik!
Ich möchte alle Beteiligten an der öffentlichen Diskussion daher an dieser Stelle höflichst zu Besonnenheit aufrufen – es sterben jährlich in Deutschland weitaus mehr Menschen an der Grippe und wir sind hier oben in Europa in der Regel wohlgenährt und verfügen über recht gute sanitäre und medizinische Einrichtungen. Damit will ich die Bedeutung der Seuche sicherlich nicht verharmlosen – sondern lediglich daran erinnern, dass auch Vogelgrippe, BSE und Schweinegrippe uns bisher nicht ausgerottet haben.

Ebola in Afrika: die Hybris der Armut
Zudem sei anzumerken, dass es durchaus Wirkstoffe gegen Ebola gibt. Sie bestehen allerdings noch in der Testphase und sind nicht für den breiten Einsatz bei Epidemien entwickelt. Und das hat zwei einfache, ökonomische Gründe: Die Sterberate ist mit ein paar tausend Menschen über mehrere Jahrzehnte zu gering und die Leidensgruppe verfügt nicht über die entscheidende Kaufkraft. Das mag jetzt zynisch klingen – und das ist es auch.

Noch zynischer wurde es, als zwei US-amerikanische Ärzte sich mit dem Virus infizierten – und prompt mit dem kanadischen Gegenmittel ZMapp behandelt wurden: Kent Brantly und Nancy Writebol wurden Anfang des Monats mit Symptomen der Ebola-Krankheit eingeliefert und sind seit dem 20. August offiziell über den Berg.

Der bekannte US-amerikanische Comedian Jon Stewart brachte es in der „Daily Show“ am 05. August auf den Punkt: „Offenbar gibt es doch ein Ebola-Serum … für Amerikaner.“

Alle sind gleich – nur Reiche sind gleicher
Ein Beitrag der WDR-Reihe „Monitor“ vom 21. August scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Darin beschreibt Philipp Frisch von „Ärzte ohne Grenzen“, dass der zahlungskräftige Markt für Ebola-Medikamente fehlt: „Zum Einen sind die Fallzahlen im Vergleich zu anderen Krankheiten gering […] zum Anderen sind die Menschen, die davon betroffen sind, auch meistens arm.“

Der Marburger Virologe Stephan Becker unterstreicht, dass etwa sechs Impfstoffe in den Schubladen der Entwickler lägen und bereits im Tierversuch getestet wurden. Inzwischen hat sich sogar Japan eingeschaltet und angekündigt, ein einsatzfähiges Gegenmittel in fortgeschrittener Phase mit Hochdruck weiter voranzubringen.

Epidemie als Chance?
Und so zeigt sich der eigentliche Zynismus dieses Komplexes in der profitorientierten Forschung: Wo Armut herrscht, sind armutsbedingte Krankheiten nicht fern. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssten die Pharma-Unternehmen Medikamente im Niedrigpreis-Bereich entwickeln.

Erst mit dem Ausbruch einer Epidemie wird es wirtschaftlich, die Patienten zu versorgen – indem man im gleichen Zuge die bisher ungetesteten Präparate direkt an der armen Zielgruppe testet: Ein Feldversuch mit einer statistisch relevanten Testgröße an Menschen, die durch ihren Leidensdruck bereit sind, buchstäblich jedes Mittel auszuprobieren.

„Es ist doch besser, alles zu versuchen. Alles ist besser, als die Menschen einfach sterben zu lassen. Wenn wir dafür die Labormäuse sein müssen, dann ist das eben so!“, sagt Khadija Sesay von der Bürgerinitiative Open Government Initiative (OGI) in Sierra Leone.

Vorsicht Spenden!
In der Zwischenzeit hat sich wie bei so vielen Themen dieser Tage ein wirrer Wust aus Informationen, Halbwissen und ahnungslosen Meinungen ergeben, dass es kaum noch möglich ist, die echten Fakten herauszuschälen. In dem verzweifelten Versuch, immer aktueller zu sein als die Konkurrenz, wird manch eine Meldung ungeprüft in die Welt geschleudert. Erschwerend hinzu kommen die unvermeidbaren Spendenaufrufe dubioser Trittbrettfahrer und andere mehr oder minder elegante Methoden, um aus dem Leiden anderer Menschen Profit zu schlagen.

Darum bitte ich den geneigten Leser um besonnene Vorsicht und warne ausdrücklich davor, unüberlegt zu spenden. Es gibt eine Reihe von seriösen Hilfsorganisationen, die eine gute wichtige Arbeit vor Ort leisten. Eine Liste der geprüften, zertifizierten Organisationen mit Informationen und einer Einschätzung zur Seriösität finden Sie bei der Spenderberatung des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen.

Freiwillige vor? Aber nur vom Fach!
Die einschlägigen Hilfsorganisationen wie Terre des Hommes und Ärzte ohne Grenzen sind bereits vor Ort, kennen die Lage und wissen, wie Hilfsgüter logistisch optimal verteilt werden können. Derzeit fehlt es vor allem an medizinischem Fachpersonal. Es wird allerdings dringend davor gewarnt, als Freiwilliger in die Region zu reisen: Idealismus hat in einem Seuchengebiet wenig zu suchen, hier muss man Erfahrung und Fachwissen mitbringen!

Wer darüber hinaus etwas Sinnvolles tun möchte, sollte sich direkt an das Bundesministerium für Gesundheit (BMG, www.bmg.bund.de) und das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF, www.bmbf.de) wenden.

Aktiv helfen: für die Zukunft verhindern
Die zuständigen Bundesminister Gröhe und Wanka sollten sich als Entscheidungsträger an höchster Stelle gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Dr. Broich, dafür einsetzen, die humanitäre Forschung zur Seuchenprävention nachhaltig zu fördern.

Damit könnten weitere Epidemien noch vor ihrem Ausbruch verhindert werden und Deutschland weltweit einen wichtigen Beitrag für die Bekämpfung von armutsbedingten Krankheiten leisten.

DAS wäre ein wirklich sinnvoller Beitrag für die internationale Entwicklungshilfe, ein Meilenstein der medizinischen Forschung, ein Riesenmarkt mit Zukunft – und nicht zuletzt eine wichtige Geste als verantwortungsbewusster Sozialstaat!

Link-Tipp:
Spenderberatung des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen
http://www.dzi.de/spenderberatung/

Video-Tipps:
Beitrag der WDR-Reihe „Monitor“ vom 21. August 2014
http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/ebola176.html

Quellen:
http://www.ardmediathek.de/tv/Mittagsmagazin/Ebola-in-Westafrika/Das-Erste/Video?documentId=23142826&bcastId=314636
http://www.youtube.com/watch?v=0QIWZ7HxuHc
http://www.who.int/csr/disease/ebola/en/http://www.aerzte-ohne-grenzen.de/diseases/ebolahttp://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/E/Ebola/Uebersicht.html
http://www.rp-online.de/panorama/wissen/experten-warnen-vor-ebola-panikin-deutschland-aid-1.4464180http://www.welt.de/politik/ausland/article131459175/Russland-hat-Ebola-zur-Waffe-gemacht.htmlhttp://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ebola-us-arzt-kent-brantly-nach-zmapp-behandlung-genesen-a-987305.html
http://www.tagesschau.de/ausland/ebola-patient-reportage-101.htmlhttp://www.ardmediathek.de/tv/Weltbilder/Westafrika-Hoffnung-für-Ebola-Infiziert/NDR-Fernsehen/Video?documentId=22912336&bcastId=3906326

16:34 28.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Essner

Flensburger Jung, zweisprachig aufgewachsen, dritter Sohn von Literaten. Karikaturist und freier Redakteur in diversen Publikationen on- und offline.
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