Krefeld und die Schuldfrage

Brand im Affenhaus Wenn Unglücke, Tragödien, Katastrophen geschehen, ist ein Teil der Verarbeitung des kollektiven Traumas, nach Ursachen, Verursachern, Schuldigen zu suchen. Ein Kommentar
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Wenn Unglücke, Tragödien, Katastrophen geschehen, ist es ein Teil der Verarbeitung des kollektiven Traumas, nach Ursachen, Verursachern, Schuldigen zu suchen.

Kurz zusammengefasst, was wir bisher wissen:
In der Silvesternacht 2019/2020 brannte das Affenhaus im Krefelder Zoo in kürzester Zeit aus und beinahe alle Bewohner des Hauses starben in den Flammen. Das Feuer wurde nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen von drei Personen durch Fahrlässigkeit mit verbotenen „Himmelslaternen“ ausgelöst.

Wer hat Schuld?

Jetzt diskutieren auf Twitter & Co wieder allerlei Stimmen, die zwar wenig fachlich-juristische Ahnung, aber eine starke emotionale Meinung haben. Ich bin auch kein Jurist, aber viele Fragen kann man mit etwas ruhig Blut und einer Suchmaschine selbst beantworten oder zumindest auf ein sachliches Niveau herunterkühlen.

Der Gesetzgeber?

Die Himmelslaternen sind bereits verboten und das ist offiziell – man kann dem Gesetzgeber nicht vorwerfen, „nicht genug getan zu haben“.

Der Händler?

Die Brandverursacher hatten beim Kauf offenbar keinen Hinweis erhalten, dass die Himmelslaternen verboten sind. Stellt sich also die Frage, inwiefern der Händler „mitverantwortlich“ ist. Zu dieser Frage habe ich von professioneller Seite bisher noch nichts gelesen und will als Laie nicht spekulieren, halte sie aber für interessant zu klären.

Die Feuerwehr?

In der Silvesternacht hat die Feuerwehr unzählige Einsätze zu absolvieren, es herrscht teilweise Ausnahmezustand auf den Straßen. Ein Zoo ist groß, Gebäude, Zäune und die schiere Fläche machen einen blitzschnellen Einsatz unmöglich.

Zitat aus der ZEIT: „Die Feuerwehr berichtete, Anwohner hätten um 0.38 Uhr über den Brand informiert. Die Einsatzkräfte seien wenige Minuten später vor Ort gewesen, doch bei ihrem Eintreffen habe das Affenhaus bereits voll in Brand gestanden.“

Der Zoo?

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die ersten haarsträubenden Theorien die Runde machten. Man kann über das Prinzip Zoo geteilter Meinung sein. Fest steht: Kein Zoobetreiber zündet freiwillig seine Gebäude oder die Tiere darin an; auch nicht, um Spenden abzugreifen.

Tatsächlich hatte der Krefelder Zoo (wie viele andere Zoos, Tierparks und Tierschutzorganisationen auch) bereits vor Weihnachten und damit lange vor dem Brand um „Spenden statt Böller“ aus Rücksicht auf die Tiere gebeten.

Die Tierpfleger?

Wenn ein Kind Opfer einer Straftat wird, ist der reflexartige Ruf nicht weit: „Wo waren die Eltern?“ So kursierte auch in Verbindung mit Krefeld dieser Vorwurf an die Tierpfleger. Das ist zutiefst zynisch. Tierpfleger opfern Jahre ihres Lebens für die Bewohner, sie gehen eine intensive Beziehung mit den Tieren ein, die durchaus mit einem Eltern-Kind-Verhältnis vergleichbar ist. Aber auch Tierpfleger haben nachts und an Feiertagen frei. Keiner von uns würde sein Kind oder Haustier anzünden – warum sollten ausgerechnet Tierpfleger es tun?

Die Böllergegner?

Eine der blödesten wilden Theorien lautete, die Befürworter eines Böllerverbots hätten den Krefelder Zoo aus politischer Motivation heraus angezündet. Tja, was soll man dazu sagen, außer: Man muss schon ein ziemlich perverses, hassverblendetes Menschenbild haben, um auf solche Gedanken zu kommen – zumal sehr schnell bekannt wurde, dass Zeugen Himmelslichter gemeldet hatten.

Die Brandverursacher

Drei Personen haben sich als Brandverursacher gemeldet. Sie hatten vom Brand erst durch die Pressekonferenz der Polizei erfahren. Die Himmelslichter hatten sie bei einem Händler gekauft. Die große Frage lautet: Sind sie „schuldig“? Und an der Stelle wird’s juristisch.

Dazu nur eines: Es gibt einen großen Unterschied zwischen moralischem Rechtsempfinden und der juristischen Einschätzung von Schuld. Die „Schuldfrage“ werden Juristen klären.

Besonders interessant finde ich in diesem Fall das hohe Maß an Verantwortungsbewusstsein bei den Brandverursachern. (Ein Jurist würde hier auf das Wörtchen „mutmaßlich“ pochen, bis das Urteil vor Gericht gesprochen ist.)

Gehen wir davon aus, dass die drei Personen tatsächlich die Brandverursacher sind. Versetzen wir uns in ihre Lage: Statt Böllern oder Feuerwerk entscheiden sie sich für Himmelslaternen zu Silvester. Nehmen wir an, dass sie tatsächlich nichts vom Verbot wussten; das ging bis vorgestern vielen anderen auch so.

Am Neujahrstag schauen sie, feiertagsbedingt übernächtigt oder gar verkatert, die Pressekonferenz der Krefelder Polizei im Fernsehen. Es ist von Himmelslaternen die Rede. Millionenschaden für den Zoo, schlimmer noch: 30 Tiere sind verbrannt. Die Nachricht macht international die Runde.

Ihnen wird klar: Das waren wir. Die Nachbarn, die Stadt, ganz Deutschland ist verdammt wütend auf sie. Man kann sich ausmalen: Es droht von Schadensersatz bis Lynchmob alles, was die Gesellschaft zu bieten hat. Man stelle sich das Ausmaß von Schuldgefühl und Angst vor, angesichts des Ausmaßes des Verursachten.

Trotzdem nehmen sie sich zusammen und tun das einzig Richtige: Sie melden sich bei der Polizei und stehen zu dem, was sie verursacht haben. Wer von uns hätte dieses Rückgrat? Die meisten von uns melden sich nicht einmal am Tresen, wenn sie in der Bar ein Glas zu Bruch gehen lassen. Die Polizei hat dieses Verantwortungsgefühl und den Mut der drei jedenfalls ausdrücklich gelobt. Und auch ich ziehe meinen Hut von den dreien; das muss ein schwerer Gang gewesen sein. Alles Weitere wird seinen juristischen Gang nehmen.

Was übrig bleibt?

Die Erörterung der „Schuldfrage“ ändert nichts am Geschehen und macht es nicht ungeschehen. Nach allem, was wir wissen, sieht es nach einem jener Fälle im Leben aus, die wir als tragischen Unfall hinnehmen müssen – auch wenn es angesichts des Ausmaßes verständlicherweise schwer fällt: Ein großes Unglück muss eine große Ursache haben, sonst fühlt es sich irgendwie falsch an. Das ist nachvollziehbar, aber unlogisch.

Die Erfahrung, das Leben und die Unfallstatistiken zeigen: Unfälle passieren, weil es Unfälle sind; Unbeabsichtigte Folgen von fahrlässigem Verhalten. Oft agieren Verursacher nach bestem Wissen und Gewissen und machen es trotzdem falsch – und manchmal haben kleine Ursachen unvorstellbar große Auswirkungen.

Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass ein Menschenleben im Bruchteil einer Sekunde ausgelöscht wird, weil ein Ball auf die Straße rollt. Und es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass ein ganzes Affenhaus und 30 Tierleben darin in wenigen Minuten verbrennen und zu Tode kommen, weil jemand zu Silvester ohne böse Absicht eine Kerze und etwas Seidenpapier in den Himmel steigen lässt.

13:16 03.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Essner

Flensburger Jung, zweisprachig aufgewachsen, dritter Sohn von Literaten.Karikaturist und freier Redakteur in diversen Publikationen on- und offline.
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