Wir müssen reden – und zwar zielführend

Kommunikation & Knoten Die Digitalisierung hat unsere Kommunikation wesentlich verändert. Unter der Quantität leidet allerdings die Qualität des Austauschs. Ein Kommentar in Wort und Bild
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In letzter Zeit fällt mir eines an meinen Mitmenschen immer wieder unangenehm auf – ganz gleich ob privat oder beruflich, in Onlinediskussionen oder beim Gespräch im Café:

Die Aufmerksamkeitsspanne und die Fähigkeit zur Empathie scheinen bei vielen Menschen deutlich abzunehmen. Gleichzeitig steigt der Druck spürbar, in weniger Zeit noch mehr zu schaffen – schließlich hat man heute die technischen Möglichkeiten dazu. So wird Multitasking zum Lebensinhalt und zum Messbecher für den individuellen Erfolg.

Eingebetteter MedieninhaltKarikatur: „Schuh hören“; Quelle: www.timoessner.de

Darunter leiden so profane Aspekte wie der Austausch von Informationen im Gespräch ganz empfindlich, und aus einem Gespräch miteinander wird ein zweistimmiger Monolog. Oder einfacher ausgedrückt: Die Menschen reden miteinander, aber sie hören einander nicht zu.

Heute ist jeder ein Manager

Die Digitalisierung hat unsere Kommunikation miteinander wesentlich verändert. Die Fähigkeit zur schnellen Reaktion gestaltet vieles besser und einfacher – man kommt schnell an Informationen, kann auf wichtige Nachrichten antworten und kurz umplanen, wenn etwas dazwischenkommt.

In vielen Bereichen bedeutet die mobile Kommunikation einen Schritt zur verbesserten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und ein wichtiges Werkzeug für die Freiheit der Menschen – der „arabische Frühling“ wurde nicht zuletzt durch die dezentrale unabhängige Kommunikation über die sozialen Medien überhaupt erst möglich.

In Deutschland gehört das Smartphone heute zur Standardausrüstung, ganz gleich ob beruflich und privat. E-Mails lesen, soziale Medien checken, Antworten per SMS oder der schnelle Anruf – die digitalen Medien helfen uns dabei, die Kommunikation über viele Kanäle gleichzeitig zu pflegen und zu managen. Scheinbar.

Smartphone-Sklaven & Bildschirm-Anbeter

Der Gewöhnungseffekt an diese Bequemlichkeit ist so tiefgreifend, dass einige Menschen regelrecht eine Abhängigkeit entwickeln: Von frühmorgens bis spätabends ist das Handy ein ständiger Begleiter, keine fünf Minuten vergehen ohne prüfenden Blick aufs Display, ob Neuigkeiten hereingekommen sind und eine Reaktion erfordern.

Während die Serviceanbieter und ihre Lobbyisten wie das „Informationszentrum Mobilfunk“ (IZMF) oder das „Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ (DIVSI) jubeln und der Entwicklung allgemein nur Gutes abgewinnen können, brachte es Sabine Menkens schon 2012 in der „Welt“ auf den Punkt: „Wir sind zu Sklaven unserer Smartphones geworden.“

Digitaler Dualismus

Denn gleichzeitig wird durch die allgemeine Verbreitung der Technologie das kollektive Tempo erhöht. In dem verzweifelten Versuch, dem Takt des Alltags gerecht zu werden und Schritt zu halten mit Zeitvorgaben und Arbeitsschichten, wird die Quantität der genutzten Kanäle erhöht, worunter jedoch im Gegenzug und geradezu zwangsläufig die Qualität der Kommunikation leidet.

Was der Watzlawick schon wusste

Einer, der sich Zeit seines Lebens viel mit Kommunikation und menschlicher Psychologie beschäftigt hat und dessen Erkenntnisse leider vielen noch völlig unbekannt sind, war der Österreicher Paul Watzlawick.

Ein Bekannter brachte mich vor einiger Zeit auf Watzlawick, seitdem fasziniert mich die tiefgreifende Einfachheit seiner Lehren immer mehr. Der österreichisch-amerikanische Wissenschaftler schaffte es, mit Hilfe einer einfachen Sprache und anhand einiger griffiger Bilder seine Erkenntnisse für jedermann verständlich zu formulieren, teilweise in Form von wissenschaftlichen Lehrsätzen, teilweise als humorvolle Geschichtchen.

Klatschen gegen Elefanten

Eines der bekanntesten Beispiele ist die Geschichte von dem Mann, der ständig in die Hände klatscht. Darauf angesprochen, antwortet er: „Damit vertreibe ich die Elefanten!“ „Aber es gibt hier doch gar keine Elefanten“, erwidert der andere. „Sehen Sie!“, behauptet der Mann. „Es funktioniert!“ Damit wollte Watzlawick verdeutlichen, dass die Wirklichkeit individuell konstruierbar ist oder anders ausgedrückt: eine Frage der Perspektive.

Anleitung zum Unglücklichsein

In der Geschichte vom Hammer beschreibt Watzlawick sehr alltagsnah, wie Menschen sich selbst in negative Gedanken oder Reaktionsmuster hineinsteigern. Ein Mann will ein Bild aufhängen, ihm fehlt aber der Hammer, um den Nagel in die Wand zu schlagen. Er geht zum Nachbarn rüber, um sich einen Hammer zu leihen. Auf dem Weg beginnt er zu grübeln: Ob der Nachbar ihm den Hammer überhaupt leihen würde? „Er schaut immer so komisch, gestern hat er nicht einmal gegrüßt, womöglich will er gar nichts mit mir zu tun haben?“ Noch in Gedanken kommt der Mann beim Nachbarn an, der auf das Klingeln die Tür öffnet. Da ruft der Mann seinem verdutzten Nachbarn ins Gesicht: „Dann behalten Sie ihren blöden Hammer doch einfach für sich!“

Die fünf Axiome über zwischenmenschliche Kommunikation

Als Axiom bezeichnet man einen Lehrsatz, der keines Beweises bedarf. Schon die griechischen Philosophen legten viel Wert auf stimmige Axiome – ein prominentes Beispiel dafür ist der Grundsatz „Alles fließt“ (Panta rhei) des Simplikios, ein anderes das „Ich denke, also bin ich“ (Cogito ergo sum) von Descartes.

Paul Watzlawick fomulierte fünf Axiome, welche die menschliche Kommunikation erklären und ihre Paradoxie zeigen sollen:

1. Man kann nicht nicht kommunizieren

2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung

4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten

5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

Klingt kompliziert? Ist aber eigentlich ganz einfach. Nummer eins kennt jeder aus dem Wartezimmer beim Arzt oder aus Bus und Bahn: Man setzt sich hin, nimmt das Handy heraus oder schlägt eine Zeitschrift auf. Obwohl man nichts gesagt hat, wissen alle anderen im Raum, dass man kein Interesse an einem Gespräch hat.

Axiome im Netz

Die nächsten Axiome lassen sich wunderbar anhand von Nutzerverhalten bei bspw. Facebook beschreiben. Durch Gestik, Mimik und Tonfall wird eine Aussage mit einem Wert belegt und wiederum vom Empfänger bewertet. Das geschieht entweder mit einer positiven Reaktion (Bestätigung), einer Verwerfung oder Nicht-Reaktion auf Aussagen, die als negativ empfunden werden, oder in Form einer negativen Reaktion (Entwertung).

Watzlawick unterscheidet dazu im Axiom Nummer vier zwischen digitaler und analoger Kommunikation oder vereinfacht gesagt: Er stellt das ausschließlich geschriebene Wort dem „Gesamtpaket“ aus Sprache, Mimik und Gestik gegenüber.

Kastrierte Kommunikation und medialer Overflow

Fehlen Gestik und Mimik, wie etwa im E-Mail-Verkehr oder im Online-Chat, werden selbst einfachste Aussagen schnell missverstanden. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung schlägt einem unvermittelt verbale Kälte bzw. Hass der übelsten Sorte entgegen, der Inhalt wird komplett vom Beziehungsaspekt überlagert.

Während man sich in den sozialen Medien gepflegt asozialisieren kann, bleibt das im privaten und beruflichen Leben nicht so lange folgenlos. Trotzdem neigen erschreckend viele Menschen dazu, ihren Social-Media-Schreibstil in den Job mitzunehmen. Dabei kann man in jedem x-beliebigen Ratgeber das Offensichtliche nachlesen:

„Berufliche Angelegenheiten müssen streng von Privaten getrennt werden. Auch wenn eine Antipathie zwischen den Geschäftspartnern besteht, so ist diese in der geschäftlichen Korrespondenz fehl am Platz.“

Einerseits sind die Abläufe bei Facebook und Co. mangels Mimik und Gestik einfacher gestrickt als eine persönliche Unterhaltung. Andererseits kommt im Internet die schiere Masse an nutzbaren Informationen hinzu – mit einer Bandbreite von unterhaltsamen Katzenvideos bis zu wissenschaftlichen Abhandlungen.

Aus der Vielzahl von Eindrücken ergibt sich zwangsläufig der Wunsch, die eigenen Erlebnisse kundzutun. Folgerichtig steigt das Mitteilungsbedürfnis auf allen Seiten – und die Frustration, wenn die Interaktionen ausbleiben. Schließlich wünscht sich jeder einen aufmerksamen Gesprächspartner, egal ob schriftlich oder verbal, virtuell oder von Angesicht zu Angesicht.

Ursache und Wirkung

Womit wir bei Axiom Nummer drei wären. Watzlawick zieht als Beispiel ein Ehepaar heran: Sie nörgelt, dass er sich zurückzieht. Er zieht sich zurück, weil sie nörgelt. Das resultiert in einem Teufelskreis, dessen Ursachen nie angegangen werden, was zur steigenden Frustration bei allen Beteiligten führt.

Eingebetteter MedieninhaltKarikatur: „Frauen allgemein“; Quelle: www.timoessner.de

Die Kunst besteht bekanntermaßen darin, den Teufelskreis zu durchbrechen. In den sozialen Medien erkennt man stattdessen überdeutlich, was wir aus dem Alltag bereits kennen: Grüppchenbildung nach Sympathien, mit einer selbstverständlichen Verschworenheit gegen jeweils andere: Man sucht sich ein soziales Umfeld, welches die eigene Meinung bestätigt, statt sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Watzlawick nennt dies im Axiom Nummer fünf die „symmetrische Kommunikation“.

In dem Punkt verhalten wir uns ganz ähnlich wie das oben genannte Ehepaar: Werden wir mit Antithesen zu den eigenen Aussagen konfrontiert, ziehen wir uns auf sicheres Terrain zurück und finden Bestätigung in der gleichen Sprachführung und der leitenden Meinung unserer jeweiligen Subkultur.

Die sozialen Medien erleichtern es einem leider, diese anderen kontroversen Meinungen komplett herauszufiltern und sich ausschließlich mit Informationen und Meinungen zu umgeben, die das eigene Weltbild festigen. Das ist in einem Gespräch in der „wirklichen Welt“ nicht so einfach – es sei denn, man hält sich die Ohren zu und singt dagegen an.

Tipps für die Debatte

Darum bedenken Sie bei jeder Form von Kontakt mit anderen Menschen einige einfache Grundregeln. Die kann jeder lernen, und insbesondere im Online-Chat haben viele Menschen offenbar dringend Nachholbedarf – das kann man dieser Tage leider besonders eindrucksvoll in der regelrecht überschäumenden Flüchtlingsdebatte nachlesen.

Nehmen Sie sich Zeit!

Die erstbeste, hastig in die Tastatur gehackte Antwort ist nicht gleich die beste. Bei genauerem Nachdenken ergibt sich manchmal ein anderes Verständnis oder eine bessere Formulierung – welche dann vielleicht weniger Wut, aber eine zielführende Wirkung erzeugt.

Bleiben Sie freundlich!

Die wenigsten Menschen möchten Sie gezielt ärgern. Das gilt besonders für Menschen, die Ihnen persönlich nahestehen oder ein Interesse daran haben, dass die Kommunikation konstruktiv verläuft – etwa im beruflichen Umfeld.

Lassen Sie sich nicht provozieren!

Ruhig zu bleiben ist in der Regel die bessere Alternative – auch wenn Sie sich gerade angegriffen fühlen. Es hat wenig Sinn, wenn Sie in einer aufgebrachten Stimmung wütenden Nachrichten mit gleicher Münze antworten. Warum sollten Sie sich falsch verhalten, nur weil andere es tun?

Letzten Endes läuft es auf die einfache Faustformel hinaus: „Deine Freiheit endet da, wo sie die Freiheit anderer verletzt.“ Behandeln Sie andere Menschen einfach so, wie sie selbst gern behandelt werden möchten – ganz gleich, ob im Internet, im Beruf oder auf der Straße.

Filmtipp: „Dsknectd – Vernetzt und doch einsam“

Filmtipp: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Filmtipp: „Anleitung zum Unglücklichsein“

Quellen:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article108283729/Wir-sind-Sklaven-unserer-Smartphones-geworden.html

http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

http://www.raabverlag.ch/blog-news/geschaeftlich-persoenlich-kommunikation-geschaeftspartner

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/depressionen-psychische-krankheiten-sind-kein-tabu-mehr/10992296.html

http://www.who.int/mental_health/management/depression/who_paper_depression_wfmh_2012.pdf

http://www.foerderland.de/organisieren/news/artikel/wie-das-internet-unser-kommunikationsverhalten-veraendert-teil-1-gefangen-im-tunnelblick/

23:13 27.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Essner

Flensburger Jung, zweisprachig aufgewachsen, dritter Sohn von Literaten. Karikaturist und freier Redakteur in diversen Publikationen on- und offline.
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Timo Essner

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