Film-Feinkost aus dem Nachbarland

filmPOLSKA Im April 2016 findet in Berlin das 11. filmPOLSKA-Festival statt. In einer Woche, die sich dem polnischen Film widmet, werden Film-Perlen aus dem Nachbarland präsentiert.
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Am Mittwoch, den 20. April fiel in Berlin am Abend der Startschuss für ein Festival. Wer in unserer Hauptstadt lebt, sie kennt, oder schon von ihr gehört hat, weiß, dass das nichts Außergewöhnliches ist. Kulturelle Hoch-Events frequentieren Berlin in dichter Folge. Jedes Festival liefert aufs Neue einen Grund zum Feiern, die elfte Ausgabe des filmPOLSKA macht da keine Ausnahme.

Im altehrwürdigen Berliner Babylon-Kino fand der Auftakt statt. Eine Spielstätte, die schon zu DDR-Zeiten Filmkunst an die Öffentlichkeit brachte, wenngleich die damals etwas feiner selektiert war. Am Abend der Festival-Eröffnung diente das Babylon als Knotenpunkt der deutschen und polnischen Gemeinden Berlins. Veredelt mit der Anwesenheit von Jerzy Skolimowski, dem polnischen Film-Veteran, der schon an Polanskis Debüt schrieb und seinen neuen Film “11 Minuten” persönlich vorstellte. Das jüngste Werk des Filmemachers verkettet die Schicksale einer Handvoll Fremden zu einem rasanten Geflecht und zeugt vor allem vom visuellen Einfallsreichtum, der in Polen seit Jahrzehnten Standard ist. Noch ehe der Film über die Leinwand flackerte, ehrte das Festival all jene mit Preisen, die sich für Kultur im Allgemeinen und insbesondere polnische Kultur starkmachen.

Katarzyna Wielga-Skolimowska und Kornel Miglus vom Polnischen Institut Berlin und die Preisträger des Abends

In Sachen Wahrnehmung besteht bezüglich polnischer Kultur in Deutschland großer Nachholbedarf. Ein Umstand, den auch Knut Elstermann, der durch den Eröffnungsabend führte, beklagte. Die Export-Produkte unserer Nachbarn genießen nicht annähernd die Aufmerksamkeit, die wir ihren britischen, französischen oder skandinavischen Pendants schenken. Die dünnen Besucherzahlen deutscher Bundesstarts von Filmen wie “Ida” belegen das. Dabei ist Polen von allen Ländern, die ihren Status als Kulturstandort nach den politischen Wendungen des 20. Jahrhunderts neu entdecken mussten, eines der Spannendsten. In den Filmgeschichtsbüchern sind mit Namen wie Roman Polanski und Krzysztof Kieślowski bereits große Einträge vorhanden. Neben ihnen gibt es zahlreiche junge Talente, die sich mit den großen Fragen des Seins beschäftigen und ihre Erkenntnisse in die Welt hinaustragen. Einer der Programmschwerpunkte des 11. filmPOLSKA setzt sich mit Entdeckungen des zeitgenössischen polnischen Kinos auseinander und zeigt eine Auswahl von Perlen, denen der kurze Weg über die Grenze ermöglicht wurde.

Knut Elstermann im Gespräch mit Jerzy Skolimowski

Retrospektiven, ausgewählte Dokumentarfilme und Kurzfilm-Reihen ergänzen das Programm des Festivals. Bei näherer Betrachtung stellen sich Festivals wie das filmPOLSKA als viel mehr heraus, als eine bloße Zusammenstellung anspruchsvollen Filmmaterials. In einer Zeit, in der vielerorts geistige und tatsächliche Mauern errichtet werden, ist eine Veranstaltung wie diese das potenteste Gegenmittel. In dem Zusammenkommen, dem Austauschen von Visionen und dem Teilen von Erfahrungen versteckt sich der Schlüssel für ein offenes und verständnisvolles Miteinander. Ein Miteinander, das Kategorien wie Alter, Herkunft oder Geschlecht übersteigt und Augen wie Geister füreinander öffnet.

Letztlich ist die Faszination für fremde Kulturen und Weltsichten nichts Anderes als die Faszination für das Leben selbst – in allen seinen Formen und Farben. Unter dem Leitsatz “Über Filme schreiben ist über die Welt schreiben” wird es die Aufgabe von mir und neun meiner Kollegen sein, diese Faszination zu teilen und unsere Eindrücke des 11. filmPOLSKA zu Papier zu bringen.

Wahrlich ein Grund zum Feiern.

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Ursprünglich hier erschienen.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des 3. deutsch-polnischen Programms für junge Filmkritiker/innen und –journalist/innen der 11. Ausgabe von filmPOLSKA

13:51 23.04.2016
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