Der Grenzgänger

Porträt Ahmet Sezer kämpft seit 25 Jahren für ein Migrationsmuseum. Nun steht er kurz davor, seinen Traum zu verwirklichen
Ausgabe 16/2015

Nun, endlich, ist die Zeit reif, zeigt sich der Mann mit den grau melierten Haaren überzeugt. 25 Jahre hat Ahmet Sezer auf diesen Tag hingearbeitet. Nun soll es endlich so weit sein. In wenigen Tagen fällt in Köln der Startschuss für das erste Migrationsmuseum in Deutschland. Als Schirmherrin konnte Sezer die ehemalige Präsidentin des Bundestags, Rita Süssmuth, gewinnen. Wobei „Museum eröffnen“ zu viel gesagt wäre – erst mal soll es darum gehen, mehr Öffentlichkeit und Unterstützer zu gewinnen.

In der Bundesrepublik gibt es im Gegensatz zu vielen anderen Ländern noch kein Migrationsmuseum, wie es sich Sezer vorstellt: „Es soll ein interaktiver Ort sein, der alle Aspekte der Migration gemeinsam und neutral erzählt“, sagt er. „Alle sollen dort zu Wort kommen – auch die Migranten.“ Bisher scheuen die Museen, Migranten als Kuratoren für eine gemeinsame Geschichte zu beteiligen.

Ahmet Sezer hat früh gelernt, dass sich solche Strukturen nicht von allein auflösen. 1977 kam er als 18-Jähriger aus dem türkischen Urfa zum Studium der Sozialwissenschaften nach Münster. Nach dem Studieren wollte er in die Türkei zurückzukehren, doch dann setzte bei ihm, wie bei vielen anderen Migranten auch, ein Umdenken ein: „Nach meiner Hochzeit 1984 wurde mir endgültig klar, dass ich in Deutschland Wurzeln geschlagen hatte.“

Also wollte er die hiesige Gesellschaft mitgestalten und begann, sich intensiver mit Migrationsthemen zu befassen. „Aber die Geschichte der Einwanderer erhielt kaum Aufmerksamkeit. Besonders das Erbe der so genannten Gastarbeiter drohte verloren zu gehen.“ Um dies zu verhindern, gehörte Sezer 1990 zu den Mitbegründern eines Vereins, den er „meine Lebensaufgabe“ nennt: das „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“, kurz Domid. Seither arbeitet der 56-Jährige ehrenamtlich daran, das Museum auf die Beine zu stellen.

Mehr als zehn zum Teil wegweisende Ausstellungen hat Domid seit seiner Gründung initiiert. Den ersten Schritt zu einer Dauerausstellung haben Sezer und seine Mitstreiter getan – sie bauen derzeit ein virtuelles Migrationsmuseum auf. Bei Domid wird laufend gesammelt: mehr als 70.000 Objekte samt den dazugehörigen Geschichten. Dazu zählt ein Ford Transit, der 1,6 Millionen Kilometer Autoput Deutschland-Türkei und zurück auf dem Buckel hat. Der Transit war das Transportmittel der türkischen Gastarbeiter – und Symbol in den Köpfen der Bio-Deutschen. Zu den Geschichten, die die Objekte erzählen, gehört die des bunten Kleids einer Schneiderin aus Togo, das sie einst im Aufnahmelager nähte. Genug Zeit hatte sie – sie verbrachte sechs Jahre dort, ohne arbeiten zu dürfen. Oder die venezianische Gondel, die sich ein portugiesischer Gastarbeiter in die Wohnung stellte, um so deutsch zu sein, wie die Deutschen, die die kitschigen Minigondeln auf ihren Fernsehern postierten. Solche Preziosen füllen hoffentlich bald kollektive Erinnerungslücken – und helfen, den Gegensatz zwischen Deutschen und Migranten zu überwinden „Wir wollen die Geschichte Deutschlands miterzählen“. Migration soll keine Besonderheit sein, sondern der Normalfall.

Allerdings fehlt bisher ein Ort, um all das adäquat zu präsentieren. Das Museum der Migration verfügt bislang lediglich über ein Archiv im dritten Stock eines Kölner Bezirksrathauses und ein Außenlager für den Transit. Das soll sich nun ändern.

„Es ist eine lange Entwicklung bis zum Museum“, sagt Ahmet Sezer. Doch nun habe Domid mit seinen Projekten die nötige Akzeptanz erreicht. Auch habe sich das politische Klima gewandelt. „Seit zehn Jahren beginnt Deutschland endlich, seine Vielfalt zu akzeptieren.“ Spätestens die Arbeitsmigranten der 50er und 60er Jahre hatten die Bundesrepublik faktisch zu einer Einwanderungsgesellschaft gemacht. Die politische Einsicht kam 40 Jahre später.

Auch die Museen waren spät dran. Die erste umfassende Ausstellung zum Thema Einwanderung wurde 1998 im Essener Ruhrlandmuseum gezeigt: „Fremde Heimat – Yaban, Sılan olur“. Initiiert wurde sie von Domid – auf Initiative Ahmet Sezers. „Wir mussten erst mal darum kämpfen, auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden.“ Es hat sich gelohnt: Domid hat sich als Institution etabliert und wird seit 2010 von Nordrhein-Westfalen gefördert.

Das Thema Migration gewinnt auch in der deutschen Museumslandschaft an Bedeutung, die so neue Besuchergruppen erschließen will. Die Politik hat dazu beigetragen, indem sie 2007 im nationalen Integrationsplan von den Kultureinrichtungen eine „interkulturelle Öffnung“ forderte. Drei Jahre später gründete der Deutsche Museumsbund den Arbeitskreis Migration, der Ende Februar 2015 einen Leitfaden zum Thema Migration und Vielfalt veröffentlichte. Dort werden Strategien zur kulturellen Öffnung der Museumsarbeit erläutert.

Doch Papier kann geduldig sein. Zwar sind Migration und Teilhabe für manche Stadtmuseen inzwischen der Normalfall. Aber eine Öffnung in der Breite geht nur langsam voran. Und sie stößt auf Widerstände. „Viele alteingesessene Kulturmacher betrachten Kultur als ihr Eigentum“, sagt Sezer. Es ist die Angst vor einem Verlust von Macht und Deutungshoheit, die eine weitere Öffnung hin zu einem transkulturellen Verständnis verhindert.

Sezer glaubt trotzdem, dass sich Grenzen überwinden lassen. Das hat er direkt vor seiner Haustür erlebt. Die deutsch-holländische Grenze nahe der westfälischen Stadt Gronau, wo Sezer als Integrationsbeauftragter arbeitet, ist schon lange offen. Die Grenzen in den Köpfen sollen ebenso durchlässig werden. Ahmet Sezer wird sich weiter dafür einsetzen. Mit langem Atem, und am besten mit einem Migrationsmuseum.

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