30 Jahre Schmieröl

Berlin Die Kunst-Werke waren von Beginn an ein Mythenmonster. Noch immer kann man sich dort gut verlieben
30 Jahre Schmieröl
Geld hatten sie keines, aber Ideen: Eine Handvoll Student*innen machten aus der einstigen Margarinefabrik einen Echoraum der Diskurse

Foto: Urherber*in unbekannt

Berlin, das wissen wir, seit Karl Scheffler es vor über 100 Jahren so fabelhaft auf den Begriff gebracht hat, ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein. Umso wichtiger sind hier Geburtstage als Momente kurzen Innehaltens. Während der diesjährigen Berlin Art Week, gilt es gleich mehrere davon zu feiern: Die Kunstwoche selbst bringt zum zehnten Mal mit Unterstützung der Senatsverwaltung die wichtigsten Akteur*innen der hiesigen Kunstszene zusammen. Der Club der polnischen Versager, die letzte verbliebene Alternativ-Institution in Mitte, von der niemand so recht weiß, ob es sie auch wirklich noch gibt, wird schon 20. Und die Kunst-Werke feiern ihr 30-jähriges Bestehen.

Ereignisse wie die Art Week machen gut deutlich, dass es beim Kunstgucken natürlich niemals nur um Kunstwerke geht. Institutionen möchten gerne eine Erzählung um sich haben, und nach Corona wissen wir umso klarer: Dafür braucht es Menschen, Gesprächssituationen, Blicke und Vergnügen. Die Museen brauchen Menschen, um letztlich Mythos zu schaffen, der Mythos braucht soziales Schmieröl – ein großer, grandioser Teufelskreis. Und der Hof der Berliner Kunst-Werke ist in diesem metaphernschweren Sinn ein extrem öliger Ort. Jeder war dort schon einmal, hat in dem von dem Künstler Dan Graham ausgedachten Café Bravo einen Kaffee getrunken, abends einen Wein, mittags gegessen, einfach nur geredet. Sogar Michael Stipe von R.E.M. und Rihanna habe ich schon einmal dort sitzen sehen. Aber darum geht es jetzt nicht. Wenn man von der Auguststraße in den immer etwas dunklen Hof biegt, verlässt man auch den heute praktisch ausschließlich von badischen und bayrischen und in Trachtenjankerl gehüllten Adelsfamilien bevölkerten, reinlich sanierten Bezirk Mitte. Dort im Hof lässt sich noch immer eine gewisse Verwunschenheit antreffen. Irgendwas funktioniert hier noch. Aber wie das mit dem Mythos eben ist, so ganz versteht man es doch nie. Die Geschichte der Kunst-Werke, die im Volksmund einfach KW genannt werden und hinter denen sich der Trägerverein die KW Institute for Contemporary Art und die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst verstecken, ist eine glorreiche: 1991 standen fünf Student*innen mit großen Ideen im Hof einer ruinösen alten Margarinefabrik. 2.400 Quadratmeter, Geld hatten sie keines. Einer von ihnen war der später weltberühmte Kurator Klaus Biesenbach. Sie richteten die legendäre Ausstellung 37 Räume aus, rund um die zerschossene Spandauer Vorstadt herum, und seitdem funktioniert die alte Margarinefabrik als Echoraum der Diskurse der großen Stadt, von der Zwischennutzung, dem Partizipatorischen und auch der Gentrifizierung, in dessen Verdacht der schnell extrem erfolgreiche Kunstverein selbst von Beginn an stand. Die Leute schimpfen gerne darüber, wie Berlin den Bach runtergeht und über die Kommerzialisierung der Kunstwelt sowieso, die genau hier in Mitte, von all dem ausgehend, ihren Anfang nahm. Aber dann geht man in die KW, und dann geschehen eben Geschichten.

Schwelle zum Hof

Ich zum Beispiel, der Autor dieses Textes, war vor meinem ersten Besuch Anfang der 2000er Jahre im Grunde noch nie in einem zeitgenössischen Museum gewesen. Aber sofort danach wollte ich Kontakt. Nun habe ich in meinem Postfach gesucht und die erste E-Mail, die ich an das Haus geschrieben habe, ist aus dem Jahr 2005. Ich bitte darin um einen Job. Ich bekam ihn. Als Student bewachte ich fortan die Ausstellungen, als sogenannter Guard. Stundenlang stand man herum, glühte im Angesicht der Kunst voller Erkenntnisse oder schlief im Stehen. Dann sah ich eine wunderschöne Frau. Sie war ein Guard wie ich! Wir bekamen sofort ein Kind. Im Hofcafé schrieb ich meine ersten Texte, öfter traf ich dort auch Gesprächspartner für Interviews. Die Beziehung ging zu Ende. Und ich mied die KW eine Zeit lang. Dann begann ich wieder hinzugehen. Ich traf eine wunderschöne Frau. Sie war Kuratorin der KW! Heute sind wir verlobt. So ist es manchmal mit Orten. Man findet sie zufällig und bleibt. Man findet immer noch ein bisschen mehr Leben, immer ein weiteres Puzzleteil seines eigenen riesigen Superpuzzles.

Ach so, ja, und Kunst gab es dort natürlich 30 Jahre lang auch zu sehen. Man muss zwar im Grunde nie, aber man kann natürlich die Schwelle zum Hof hinein ins Museum überschreiten. Aber was sollte ich Ihnen da erzählen? Wo anfangen? Zum Jubiläum haben die KW nun einen beweiskräftigen, 500 Seiten starken Katalog produziert, in dem man stundenlang blättern kann und eine Menge versteht über Berlin und wie das alles wurde, was es ist. Über die Stimmung der Gründerjahre, dieser anarchischen, subkulturigen, transitorischen, offenbar sehr lustigen 90er Jahre. Auch darüber, wie man ein kleines Ausstellungs- und Atelierhaus zu einer der international renommiertesten Institutionen des Landes macht und es doch ziemlich gut hinkriegt, als Museum ohne eigene Sammlung wendig und offenbar ewig jung zu bleiben. Und man versteht auch, dass dies wohl wirklich eine ziemlich einmalige Geschichte ist.

Am 18. und 19. September feiern die Kunst-Werke mit einem Jubiläumswochenende und 37 Räume REVISITED

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06:00 17.09.2021

Ausgabe 38/2021

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