Erinnerungsbombenleger

ZPS Kunst darf alles, auch täuschen. Aber darf sie es auch, wenn es um den Holocaust geht?
| Ausgabe 49/2019 2

Aus dem Wort „Denkmal“ lässt sich problemlos ein Imperativ machen: Denk mal! Das Aktionskunst-Kollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) hat, nachdem es dem Thüringer AfD-Rechtsaußen Björn Höcke vor zwei Jahren einen Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals praktisch vors Haus stellte, in dieser Woche erneut ein solches Denk-Mal gesetzt. Gegenüber dem Berliner Reichstag steht nun eine Stele, in der sich die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands befinden soll. Die Nazi-Täter haben die Überreste der Opfer in die Landschaft gekippt, das ZPS will sie nun über zwei Jahre lang „an 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine“ aus dem Boden gegraben haben. Am Samstag soll die „Gedenkstätte mit Knochenasche“ in Berlin einbetoniert werden. Philipp Ruch und das ZPS möchten damit an die konservativen Parteien erinnern, die Hitler möglich gemacht haben, und klagen namentlich die CDU an, die heute in Thüringen der AfD das Tor öffnen wolle.

Natürlich errichtet das ZPS Denkmäler nur vermeintlich, um an Opfer zu erinnern, eigentlich geht es darum, grelle Zeichen zu setzen – nicht für viele Tote, sondern gegen einige Lebende. Nachdem die ersten Reaktionen auf die Aktion zustimmend ausfielen, wird nun massiv die Instrumentalisierung der namenlosen Opfer kritisiert. In einem Tweet des Zentralrats der Juden heißt es: „Die Aktion ist aus jüdischer Sicht problematisch, weil sie gegen das jüdische Religionsgesetz der Totenruhe verstößt. Sollte es sich tatsächlich um Asche von Schoa-Opfern handeln, dann wurde die Totenruhe gestört.“

Hätte man das nicht vorher klären sollen? Ja, müssen? Kunst darf alles. Auch täuschen. Aber darf sie als Spieleinsatz Millionen Tote eines Massenmordes benutzen? Dieses Mal beruft sich das ZPS auch auf seriöse Wissenschaftlichkeit, wenn es um die Echtheit der Asche geht. Auch das kann noch als Spiel der Kunst gedeutet werden. Aber die Aktionskunst des ZPS steht mit einem Bein immer schon außerhalb der Kunst. Ihr „aggressiver Humanismus“ muss sich primär auch an strengen moralischen Maßstäben messen lassen. Nun provoziert sie, führt aber zugleich in ganz trübe Gewässer und Fake-News-Welten.

Das kann doch nicht wahr sein. Der fragwürdige Umgang mit dem Material gilt nicht nur für die Stele, sondern auch für das Buch An die Nachwelt, das parallel erscheint und tief erschüttert. Eine Chronik aus letzten Worten von Menschen, die sich den deutschen Henkern gegenübersahen. Es darf keinen Zweifel an der Echtheit dieser letzten Worte geben! Auf Nachfrage des Freitag nach einem Quellenverzeichnis heißt es von der Pressestelle des ZPS: „Das Quellenverzeichnis liegt mir gerade noch nicht vor.“

Philipp Ruch hat den Holocaust einmal als den „moralischen Glutkern dieser Republik“ bezeichnet. Diesmal hat er sich verhoben. Höcke gehört ihm, okay, die CDU und die AfD, aber eben nicht die Asche. Darf es sich der Erinnerungsbomben-Leger anmaßen, sich, ohne die Nachkommen der Opfer zu befragen, zum Bildhauer seines eigenen glühenden, bernsteinfarbenen Stoffes (so sieht die Stele aus) zu machen? Oder wird er so zum Täter wider Willen?

Der junge, jüdische Künstler Leon Kahane sagt, er habe Ruch, der auf Facebook sein Freund war, am Dienstag auf die Wall gepostet: „Könnt ihr zur Abwechslung mal Juden fragen, was die so davon halten?“ Daraufhin habe Ruch den Post und ihn als Freund gelöscht. Philipp Ruch sollte sich – nicht nur dafür – dringend erklären. Das hat er heute getan. Seit Mittwochnachmittag steht eine Entschuldigung auf der Webseite vom Zentrum für Politische Schönheit. Die Widerstandssäule ist abgedeckt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 2