Heute wissen Kids wirklich alles besser

Serien In der Welt von „Sex Education“ haben zum ersten Mal alle Generationen die gleichen Probleme

In der ersten Staffel der britischen Netflix-Serie Sex Education wurde der scheue Otis wider Willen zum genialen Sextherapeuten seiner Schule, auch, weil seine Mutter im echten Leben denselben Beruf ausübt, vermeintlich klarkommt, aber in Wirklichkeit eben überhaupt nicht.

Nun, in den neuen Folgen, will Otis kein Sextherapeut mehr sein, er hat Bock auf Praxis. Seit dem dramatischen Finale von Staffel 1 ist er endlich des Masturbierens mächtig und geht dem nun entsprechend intensiv nach. Er hat Lust auf mehr. Weil Otis es aber sehr schwierig findet, zu leben, klappt das nicht so recht. Er ist dann, logisch, doch wieder Sextherapeut. Und es wird wieder auf zärtlichste und zeitgenössischste Art die Komplexität des menschlichen Zusammenlebens diskutiert. Die größte Frage allerdings, die die Serie stellt, lautet: Warum lassen wir uns unsere Probleme so gerne von Kindern erzählen? Genau wie die Serien Euphoria, Derry Girls oder Big Mouth wendet sich auch Sex Education vom Setting, Thema und Alter der Protagonisten vermeintlich an ein pubertierendes Publikum, wird aber bevorzugt von 30- und 40-Jährigen geschaut. Warum sind wir so süchtig nach den Kids? Und warum passiert das gerade jetzt, wo überall von der zukünftigen Vergreisung westlicher Konsumgesellschaften berichtet wird?

Vor Kurzem ging die Kritik noch in eine andere Richtung. Der Philosoph Robert Pfaller schrieb ein warnendes Buch darüber, dass die Erwachsenensprache verschwinde. Erwachsene spielen mit Handys, reden wie Pubertierende, schicken sich Emojis und sehen mit ihren wasserdichten, leuchtenden Jacken und Helmen aus wie Kindergartenkinder auf einem Ausflug. In Sex Education ist es genau umgekehrt. Kinder reden und benehmen sich, wie Erwachsene das gerne würden. Otis ist viel zu schlau. In seinen wässrigen himmelblauen Augen lösen sich ständig wie von Zauberhand gesellschaftliche Grundwidersprüche auf. Sein bester, schwuler, schwarzer Freund benimmt sich emotional so reif wie alle anderen Protagonisten rhetorisch geschickt. Dem zugute kommt noch, dass die Serie an einem sowohl nostalgischen wie utopischen „Nicht-Ort“ spielt, einem „Everywhere-ville“ (die Regisseure), das sich „sowohl britisch als auch amerikanisch anfühlt, in dem die Protagonisten 80er-Jahre-Kleidung tragen und es doch Smartphones gibt“. Der Ort ist weitgehend frei von Rassismus und Homophobie und auch von Hierarchien zwischen Jung und Alt. Sex Education führt so eine Welt vor, in der alle Familienmitglieder zum ersten Mal dieselben Probleme haben. Kinder müssen viel zu früh ihre Lebensplanung vorlegen, Eltern überlegen sich noch im Rentenalter, ob sie sich scheiden lassen. Alle zweifeln ständig an allem. Kinder wissen da plötzlich Rat.

Und zwar aus demselben Grund, aus dem auch Greta und ihre Klimakinder neuerdings in großem Stil als Rat- und Taktgeber der Erwachsenen firmieren – weil sie über einen unverstellten Blick verfügen, den man früher einmal „naiv“ nannte, der aber heute zum fundamentalen „Gamechanger“ wird, weil er noch nicht von schlechten Erfahrungen und festem Wissen verwirrt ist. Die zweite Staffel läuft so – tausend haarsträubende und extrem unpeinlich erzählte Sex-Episoden anbei – auf die Frage zu, ob Otis Mutter (grandios gespielt von Gillian Anderson, die 51-jährige Kultschauspielerin aus Akte X) oder der unbefleckte Otis der bessere Therapeut ist. Die Serie lässt das vorerst offen, in der Realität fängt die Diskussion gerade erst an.

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