Schnurz rulez

Hype TikTok ist aktuell die angesagteste App der Welt. Vielleicht auch die traurigste? Ein Selbstversuch
Timo Feldhaus | Ausgabe 47/2019 4
Schnurz rulez

Illustration: der Freitag

Sollten Sie noch nie von TikTok gehört haben, dann kennen Sie höchstwahrscheinlich die süßen Zwillinge Lisa und Lena nicht, auch nicht dieses tanzende Frettchen, das alle so lieben, und Sie haben verpasst, was Will Smith mit kleinen Teigtaschen anstellen kann. Sie sind dann nicht einer von einer Milliarde Nutzer*innen. Vielleicht brauchen Sie sich darüber aber auch nicht weiter grämen, denn: „TikTok ist schon kein Trend mehr“, behauptet zumindest meine Tochter, zwölf Jahre alt. Sie weiß fast immer alles besser als ich. Stimmt ihre Einschätzung auch hier?

Ich selbst gehöre nicht mehr ganz zur Generation X und bin ein bisschen zu alt, um ein richtiger Millennial zu sein, aber TikTok soll doch die aufregendste App der Welt sein. In jedem Fall gehört sie zu den wertvollsten. Auf 75 Milliarden Dollar beläuft sich der Schätzwert der App, die vor allem von Teenies benutzt wird und deren Erfinder ByteDance eine Tech-Company aus Peking ist und somit das erste soziale Netzwerk, das global eine so immense Größe hat und nicht aus dem Silicon Valley gesteuert wird. Ist TikTok gefährlich? Die US-Regierung sieht sich jedenfalls bedroht und prüft gerade, ob China die Karaokeapp zu Spionagezwecken benutzt.

TikTok funktioniert so, dass Teenies weltweit 15-sekündige Clips von sich selbst online stellen. Oft wird einem Lied durch Lippensynchronisation die Ehre erwiesen, dazu getanzt oder ein Streich gespielt. Man kann kommentieren, teilen und natürlich liken. TikTok soll sehr, sehr süchtig machen.

An dem Tag, an dem ich das TikTok-Land zum ersten Mal betrete, stopfen zwei Jugendliche ungefähr fünfhundert Mentos in ein mit Cola gefülltes Aquarium, sodass eine Fontäne in einem riesigen Strahl gen Himmel schießt. Ich sehe, wie psychedelisch es aussieht, wenn man Rasierschaum in einen Croc-Schuh sprüht, dann hineintritt und der Schaum durch die Öffnungen nach außen quillt. Candy von Doja Cat ist gerade sehr beliebt, denn ganz viele junge Mädchen lassen ihn laufen und machen eine Mini-Playback-Show dazu. Jeder kennt hier die Geschichte des Rappers Lil Nas X, dessen Sommerhit Old Town Road zuerst nur ein TikTok-Meme war und danach länger als jedes andere Lied jemals zuvor auf Platz eins der US-Charts stand. Viele, das merkt man sofort, wollen auch selber gerne berühmt sein und bemühen sich um das entsprechende Following. Es gibt aber auch die, die nicht ganz so lustig, nicht ganz so dünn, aber dafür irgendwo am Arsch der Heide dieses eine Lied nachmachen, nachts, neben dem Kuhstall. Es wird auf TikTok Alltagskultur mit einer unverstellten Entspanntheit und Lässigkeit vorgetragen, die man so vielleicht noch nie gesehen hat: maximal sinnlos, langweilig, dann plötzlich wieder zum Schießen – und fast alles natürlich, total pubertär. Ich bin extrem gehyped, weil immer so viel passiert, aber wohl auch, weil man ganz allein steht vor diesem Meer aus Memes. Denn das ist wohl das Radikalste an der App, es geht hier nicht mehr um deine Freunde. Anders als bei allen anderen sozialen Netzwerken richtet sich jeglicher Inhalt immer potenziell an das komplette Publikum. Der Schritt zu TikTok bedeutet auch der Schritt raus aus der Filterblase, die alle Leute, die nicht deine Freunde sind und nicht deiner Meinung, tendenziell von dir fernhält.

„Facebook? Voll peinlich!“

Möchte man mit grobem Besteck durch die sogenannten Generationen wühlen und ihnen anhand ihrer bevorzugten sozialen Räume einen Charakter zuweisen, dann waren es wohl die Babyboomer, die sich noch im gemütlichen Sport- und Schützenverein trafen, die Generation X fand sich dann erstmals im damals noch viel utopischeren und weniger kommerziellen Internet zusammen, sie entdeckte alsbald Facebook für sich und dort ein neues Verhältnis zur eigenen Identität und dem, was sich da mit ihr machen ließ. Zusammen mit den nachfolgenden Millennials professionalisierten sie das Private und kuratieren sehr ernsthaft bis heute das auf Hochglanz polierte Selbst. Meine Tochter weiß: „Facebook? Voll peinlich!“

Ihre Generation interessiert sich jetzt wieder für Spaß. Den Eindruck gewinnt man sofort, wenn man sich mit scrollendem Daumen durch das TikTok bewegt. Singen, Tanzen, Witze, in oft sehr ausgefuchsten Lo-Fi-Filmproduktionen mit brachialen Schnitten und Effekten machen sie sich über sich selbst und andere lustig. Dass das wild und anarchisch wirkt, hat sicher auch damit zu tun, dass die Nutzer zwischen 14 und 20 Jahre alt sein sollen. Den Leuten scheint hier auf den ersten Blick vieles wohltuend schnurzegal.

Man wird aber auch nostalgisch. Erinnerungen werden wach an die ersten verrückten Tage von Youtube, das 2005 online ging und wo ständig Dinge passierten, die man nicht erwartet und sich nicht einmal vorgestellt hatte. Fremde Leute, die überall auf der Welt seltsame, kranke Sachen machten. Sowohl bei TikTok als auch bei Youtube sind Pranks, Fails und Erklärvideos sehr beliebt. Man sieht junge, unbekannte Handwerker, die mitten im Rohbau stehen und tanzen, Polizistinnen, die in Würzburg was singen, Getränkemarktmitarbeiter, die sich gemeinsam einen Sketch ausgedacht haben. Haufenweise normale Leute, die alberne Sachen machen. Denen, das ist immer am schönsten, man dabei zusehen darf, wie ihnen auf angenehme Art die Pointe verrutscht. Ein bisschen wie Privatfernsehen. Und ein bisschen ist das auch eine neue wilde Volkskunst.

Aber wie ungeregelt ist das eigentlich wirklich? Und was soll das ganze #deutschland im TikTok? Während ich mich hier rumtreibe, ist das beliebteste Hashtag #okboomer, unter dem man sich fast durchgehend völlig harmlos gegen die Alten positioniert. Als weitere „angesagte“ Hashtags werden direkt danach #60sekundendeutschland, dann #dreamsfordeutschland angeboten, erstaunliche 14,5 Millionen Mal wurde scheinbar #bestofdeutschland unter den Videos verzeichnet. Kommen die 14- bis 20-Jährigen alleine auf die Idee, ihre ganze Deutschlandliebe hier auszudrücken? Wer initiiert so was?

Der Guardian berichtete gerade, dass ByteDance seine Moderatoren anweist, Material zu zensieren, das der chinesischen Regierung nicht gefallen könnte. Homosexualität darf hier auch nicht ausgedrückt werden. In Deutschland folgen gefühlt auf ein Video aus Nordamerika fünf aus Deutschland, aus Indien eins, aus China kam keins. Dafür kommt dann der Youtuber Rezo um die Ecke, und auch längst zu Recht vergessene TV-Comedians wie Maddin Schneider oder Matze Knop.

Witze über Greta

Und mit ihnen und vielen anderen Sketchen und schrecklichem #comedy-Zeug auch ein Gefühl aus alter Zeit, das in einem Schwung die Generation Greta und ihre superkorrekten Fridays-for-Future-Genossen*innen, die ja alterstechnisch auch zur Generation TikTok gezählt werden, einfach vergessen macht. Denn hier verhalten sich alle ständig überhaupt nicht korrekt. Sie machen sich über Greta lustig, sie machen sich über Schwule lustig, Weiße appropriieren ständig schwarze Musikkultur. Auf TikTok zertrümmern eine ganze Menge Leute die ihnen zugewiesene Generationsidentität. Eine junge deutsche Mittelschicht gibt sich stattdessen selbst das Bild, das früher das Privatfernsehen genauso von Deutschland gemalt hat: Hier liebt man Comedy, schlechte Witze, bekloppte Wetten und Wettbewerbe.

Am Ende habe ich selbst zwei Videos hochgeladen, sie haben vier Likes bekommen und ich habe sie schnellstens wieder gelöscht, denn man möchte nicht der sein, von dem ein paar junge Leute, die ich im Museum anspreche, sagen: „TikTok, no way, das machen jetzt nur noch Dreißig- oder Vierzigjährige, die imitieren, was Kids früher gemacht haben – voll peinlich.“

Meine kleine Schwester war vor dreißig Jahren fünf Jahre alt und fragte mit großen Augen, wie anstrengend das für die Bands im Radio sein muss, dass sie permanent am anderen Ende des Radios ihre Musik reinspielen. Heute ist wirklich immer jemand da, der einer Milliarde Menschen fünfzehn Sekunden seiner Existenz fast live zur Verfügung stellt. Das Gefühl absoluter Authentizität und totaler Gegenwart bleibt natürlich magisch. Im New Yorker stand kürzlich, das Phänomen TikTok bedeute eine logische Reaktion auf und eine absurde Flucht aus den Massenmedien, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind.

Umso verblüffender, dass sich die chinesische Superapp in Deutschland in ein Update von TV total verwandelt, in dem nun endlich jeder Stefan Raab sein darf.

Seit dieser Ausgabe ist Timo Feldhaus Redakteur im Feuilleton des Freitag

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06:00 26.11.2019

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