Was blüht uns jetzt?

Corona Unser Autor startete vor einem Jahr optimistisch in das soziale Experiment, zu dem uns das Virus zwang. Ein Update

Oh schau, die Schneeglöckchen blühen, die Leute sind aus dem Häuschen und flanieren in Massen durch die Parks. Das fühlt sich nach den vergangenen klaustrophobischen Monaten an wie eine neue Welt. Oder eben: die alte Welt.

Die Sonne bringt eine jähe Erkenntnis: Es reicht. Auch viele, die wie ich alle Lockdowns überzeugt mitgetragen haben, schwanken. Es wird nicht mehr funktionieren. Und das hat Gründe. Mit dem Frühlingserwachen kommt die Corona-Müdigkeit. Selbst in der Tagesschau wurde das Wort kürzlich verwendet, als stünde es schon im Duden. Der Vorfrühling trifft auf eine Gesellschaft, die extrem erschöpft ist. Und darum vermehrt Zeichen des Ärgers trägt.

Vor genau einem Jahr habe ich, kurz vor dem ersten Lockdown, an dieser Stelle einen Text geschrieben, der optimistisch fragte, ob der Ausnahmezustand auch nachhaltige, positive Möglichkeiten der Verwandlung biete. Das Virus zwinge uns in ein großes Experiment, an dem die ganze Welt teilnimmt. Meine Idee war: Vielleicht werden wir nach ein paar Wochen Quarantäne von einer tief eingebrannten Arbeitsethik abrücken und in Zukunft sehr viel mehr Zeit mit unseren Kindern verbringen wollen. Der Flugverkehr kommt zum Erliegen – die Umwelt darf verschnaufen –, die Märkte liegen lahm – das Wirtschaftssystem wird hinterfragt. Was ist ein Jahr später aus dieser Hoffnung geworden?

Keiner und keine, den oder die diese zwölf Monate nicht herausforderten. Mütter und Väter mussten ihr Leben ebenso ändern wie ihre Kinder, Sportler, Künstlerinnen, Pflegerinnen, Fleischarbeiter verloren Jobs oder Träume oder beides. Oft fühlte man sich wie in einer Versuchsanordnung, in der durch Wiederholungen und Störvariablen unser Verhalten untersucht und ausgewertet wurde. Vieles musste fast jeder entbehren, einige haben Schäden davongetragen. Mehr als jeder Zweite kann abends nicht mehr einschlafen. Häusliche Gewalt hat stark zugenommen. Die Krise vergrößert die soziale Ungleichheit.

Es reicht also. Ein Freund erzählt von der Verzweiflung des Mannes, der einmal im Jahr seine Heizung abliest. Seine zwei Mitarbeiter hätten gekündigt, weil sie es nicht mehr ausgehalten hätten, in die fremden Wohnungen zu gehen, zu schrecklich, was dahinter passiert, Scheiße an den Wänden. Nach einer Phase der Solidarität und Sensibilität scheint jeder in sein Schneckenhaus zurückgezogen. Die alleinerziehende Mutter mit den zwei Kindern im Homeschooling. Die zur Mutlosigkeit neigende Single ohne Freunde und Familie. Der Obdachlose, um den sich ein Freund regelmäßig kümmert. Er sagte zu ihm: „Corona? Wir haben andere Probleme.“ Kaum einer hat Corona. Aber jeder hat andere, alte, neue Probleme. Der Obdachlose meinte: „Ich hätte einfach gerne eine Umarmung.“ Eine andere Hilfe kann er sich nicht mehr vorstellen. Gibt es nach einem Jahr Corona noch eine Utopie?

So müde, weil ständig dicht

Auch das: Irgendwo zwischen Lockdown light und halbhart ging das Zeitgefühl verloren. Man schaut täglich manisch auf den Impfzähler, und da bewegt sich fast nichts. Schien die Situation sich gerade etwas zu bessern, kommen von überall auf der Welt Mutanten, als wäre die Wirklichkeit eine Verfilmung von Franz-Kafka-Erzählungen, in denen hinter jeder Tür, durch die man es mit viel Anstrengung geschafft hat, eine neue vor einem zuschlägt. Magischer Realismus, in Düsterdunkelschwarzweiß. Das Jahr 2021. In dem alles besser werden sollte und nichts wurde. Es bleibt der 1. März, da öffnen die Friseure wieder.

Angela Merkel sagte kürzlich in einem Interview, sie würde die Corona-Krise lieber nicht als Experiment verstehen. Verständlich, dass die Regierungschefin das nicht tun möchte. Aber es geht nicht um Sprachspiele, sondern darum, dass Deutschland auch deswegen so müde ist, weil es ständig nur noch dichtgemacht wird. Und sonst nichts passiert. Und es seltsam still ist.

Wieso zum Beispiel gibt es keine größere Debatte darüber, das Schuljahr zu wiederholen, wie es die Journalistin Jana Hensel kürzlich gefordert hat? Die Kinder lernen nicht genug, vor allem die, die zu Hause über wenig Ressourcen verfügen. Die Schere wird größer. Niemand spricht darüber. Franziska Giffey scheint seit Monaten abgetaucht. Wo ist die No-Covid-Strategie geblieben, die Idee also, das Land ein paar Wochen wirklich dichtzumachen, um es dann wirklich wieder zu öffnen? Wieso gibt es keine große Debatte darüber, die Impf-Patente allen verfügbar zu machen?

Womöglich sind das alles zu verrückte, unrealistische Ideen. Offenbar gilt sogar in der Jahrhundert-Pandemie, die jeden Menschen dieser Welt betrifft, dass es immer noch einfacher erscheint, sich das Ende dieser Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus, wie der Kulturtheoretiker Mark Fisher einmal gesagt hat.

Es geht uns eben doch noch sehr gut. Das ist wohl die Antwort auf Fisher. Das eigene Selbstbild bekommt zwar Risse. Deutschland lässt sich im Angesicht von Corona-App-Fail, Schnelltest-Langsamkeit, Schulchaos und nie ankommender Novemberhilfen kaum mehr als effizienter Innovationsstandort verkaufen.

Während die Bürger Verzicht leisten, wirkt die Bundesregierung seit Wochen, ja Monaten wie sediert. Wir haben uns von ihrer Dumpfheit anstecken lassen. Auch die EU döst. Sie scheint völlig hilflos. Keine Initiative, kein Satz aus Brüssel, der hängen geblieben wäre. Dabei weiß im Moment jeder, dass kein Land der EU allein durch diese Krise kommt, solange nicht alle durchgeimpft sind.

Ein Jahr Experimentiergesellschaft, vielleicht schlummert da ja etwas, das wir noch nicht sehen können. Vielleicht sind die Schneeglöckchen eine Art Vorboten.

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06:00 27.02.2021

Ausgabe 38/2021

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