Welt im Reagenzglas

Corona Wie steht es um die Experimentiergesellschaft fünf Wochen nach ihren ersten Anzeichen?

Die Tage war ich beim Zahnarzt, mir war eine Plombe herausgefallen. „Das könnte daran liegen“, sagt der Zahnarzt, der wie an jedem normalen Tag einen Mundschutz trug, „dass sie mit den Zähnen knirschen. Das machen wir jetzt alle vermehrt.“

„Sie meinen“, antwortete ich, „weil wir so nervös sind, knirscht ganz Deutschland nachts mit den Zähnen?“

„Die ganze Welt.“

Die Welt knirscht mehr als sonst. Und scheint sich ein bisschen langsamer zu drehen. Viele möchten, dass jetzt alles wieder wird wie vorher. Wie immer. Die Idee der Normalität ist in der Menschheitsgeschichte eher neu. Wir beschäftigen uns nun mit dem Riss, der durch sie durchgeht. Viele denken plötzlich vermehrt und demütig darüber nach, was eigentlich normal ist und vielleicht besser normal sein sollte.

Mein Zahn ist wieder heile. Ich stelle mir vor, dass man die knirschende Menschheit bis ins Weltall hören kann.

Auf dem Weg nach Hause durch die veränderte Welt: Berlin Alexanderplatz, ein paar Jungs kicken einen Fußball in hohem Bogen über die riesige, menschenleere Betonplatte. An den Wohnhäuserwänden stehen Pappkartons mit Aussortiertem, die Leute misten aus, von dem sie sich lange nicht trennen konnten, jetzt zu verschenken. Auf der Straße achten alle aufeinander. Choreografiert und artifiziell wirken ihre Bewegungen, wie in einem Film von Jacques Tati. Es ist so irre still, die Luft riecht frisch und gut. Ein Rabe sitzt auf einer noch zuckenden Taube und isst ihren Kopf. Die Tauben sind schwach. Wir geben nichts mehr. Wir sitzen zu Hause. Über den Dächern der strahlend blaue Frühlingshimmel. „Auch im exzessiven Frühling des März 1945 zeigten die Bombengeschwader ihre Kondensstreifen auf einem strahlend blauen Himmel“, erinnert sich Alexander Kluge kürzlich in einem Interview. „Der unsichtbare Gegner, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist nicht so sehr davon verschieden. Die Viren koexistieren in diesen Tagen mit einem ähnlich blauen Frühlingshimmel.“ Beginnt also bald unsere Stunde null, unser Neuanfang nach Corona? Wie wird das aussehen?

Nachdem das Virus Deutschland fest im Griff hatte, scheint es, als habe das Land als eines der wenigen mittlerweile das Virus in den Griff bekommen. Die New York Times spricht gar von einer „deutschen Anomalie“. Die deutschen Übermenschen, denken sie, wenn sie am Morgen auf die Statistiken des Worldometers schauen, sie sterben einfach nicht. Fußball ist nicht mehr, werden sie eben Corona-Weltmeister. In Berlin schenken sie ihren Künstlern 5.000 Euro, Nothilfe, Überweisung am nächsten Tag. Wo gibt’s denn so was? Corona zeigt uns auch, wie gut wir es haben. Trotzdem wollen wir den Italienern nichts abgeben. Fünfzig Kinder will der Staat aus einem Flüchtlingslager aufnehmen. Deutschland, sagen alle Experten, das bestausgerüstete Land der Welt. Die Rüstung, der Schutz, die Abwehr. Alle warten jetzt darauf, wie der Spiegel schreibt, Deutschland endlich wieder „hochzufahren“.

Zu Hause rufe ich einen Freund an. Seit Wochen sitzt er einsam in seiner Pariser Wohnung, totaler Lockdown. Langsam dreht er durch. Durchs Fenster filmt er leere Straßen, patrouillierende Polizei. „Ich denke, ich werde nach all dem hier ein neuer Mensch sein“, sagt er. Vor drei, nein fünf Wochen habe ich hier geschrieben, dass das Virus uns in ein Experiment zwingt, an dem die ganze Welt teilnimmt. Womöglich handelt es sich sogar um das größte gesellschaftliche Experiment der letzten paar Hundert Jahre. Wie ist der Stand? Bietet der Ausnahmezustand wirklich nachhaltige Möglichkeiten der Verwandlung?

Alte Diskussionen

In den vergangenen Jahren wurde diskutiert, ob uns die künstliche Intelligenz so weit verändern wird, dass eine neue Lebensform herauskommen könnte. Diese Diskussion wirkt gerade sehr alt, weil sich daraus keine Antworten für die Krise ableiten lassen. Experimentiergesellschaft: Von einem Augenblick auf den anderen leben wir in einer alternativen Wirklichkeit, in der Staaten und Menschen rumprobieren, ohne sichere Schlüsse aus ihren Beobachtungen ziehen zu können. Wir sitzen sauber getrennt in Reagenzgläsern und sehen, wie sich unsere Farben verändern.

Ich lese die letzten Seiten des Romans Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh. Es ist ein sensationelles Buch, das davon handelt, wie eine junge Frau ein Jahr lang alleine in ihrem Zimmer verbringt. Es spielt in den Jahren 2000 und 2001 und wird in den Besprechungen sicherlich mit Bret Easton Ellis verglichen, so brutal, dunkel und zynisch sind die Gedankengebäude, die sich zwischen den Seiten auftun. Durch harte Medikamente betäubt, schottet sich die Protagonistin von der Welt ab, begibt sich freiwillig in Quarantäne und vollzieht eine „radikale Weltreichweitenverkürzung“, wie der Soziologe Hartmut Rosa kürzlich unsere Situation beschrieben hat. Sie will ein neuer Mensch werden, sich verpuppen, durch Schlafen. Ganz am Ende scheint es zu gelingen. Sie kann wieder Gefühle empfinden. Dann rasen zwei Flugzeuge ins Word Trade Center.

Durch die Terroranschläge des 11. September erlebte eine ganze Generation von Westlern als Gesellschaft erstmals das Gefühl von Verwundbarkeit. Die Reaktion des Bürgermeisters Giuliani war uramerikanisch, er sagte damals direkt nach dem Anschlag seinen Stadtbewohnern: „Show your confidence. Show you’re not afraid. Go to restaurants. Go shopping.“ Wir müssen nun anders mit unserer Angst umgehen. Kaum ein Raum war in den letzten Jahren umkämpfter als der öffentliche Versammlungsort. Nun ist er leer, ein Nullpunkt. We are in this together – heißt es nun. Aber sind wir das wirklich? In den Vereinigten Staaten sterben viel mehr Menschen mit afroamerikanischer Abstammung an den Folgen des Virus. An einem einzigen Tag erreichen mich Texte und Äußerungen der Philosophen Agamben, Žižek, Harari und Sloterdijk, alle kreisen um ein einziges Thema, alle deuten in die riesige Corona-Entropie hinein. Während die Regierungen wieder miteinander zu zanken beginnen. Bestimmend sind in der aktuellen Phase der Krise die Realisten und Pessimisten. Trotz einer neuen Debatte über das Grundeinkommen in Spanien sprechen sie davon, dass die Welt nach der Pandemie sich von der vorhergehenden nicht radikal unterscheiden wird. Covid-19 würde kaum einen Wendepunkt bedeuten, sondern die alten Kräfteverhältnisse festigen und sogar beschleunigen. Die Armen noch ärmer, die Reichen reicher. Experimente sind nicht vorgesehen, die muss man sich leisten können. Obwohl die Pandemie mehr Menschen berührt als jeder Weltkrieg davor, scheint es keine Idee einer Stunde null zu geben. Der Himmel mag derselbe sein. Aber kein Neuanfang ohne Zusammenbruch und Zerstörung gesellschaftlicher Institutionen – und diese werden wohl intakt bleiben. Das politische System, die Verwaltung, die Parteien, die Schulen. Bald ist wieder Fußball. Bald wird Deutschland wieder Weltmeister.

Neue Sensibilität

Dabei macht fast die ganze Weltbevölkerung gerade eine gemeinsame Erfahrung. Der Wunsch, sich dabei irgendwie zu verwandeln, scheint verbreitet. Wir sind als Gesellschaft, aber auch als Individuen fragiler, offener und verletzlicher. Unsere Sinne sind geschärft, wir beobachten genauer, wir hören intensiver, wir fühlen stärker, sind „angegriffen“ von den Dingen und fühlen uns, vielleicht auch weil wir Abstand halten müssen und sogar Angst vor ihnen haben, auf ganz ursächliche, zärtliche Art hingezogen zu den Mitmenschen. Wir schauen uns selbst genauer als vielleicht je beim Sein zu. „Diese Sinneswelten und Tänze sind Experimente zur Erprobung eines neuen Kollektivs“, glaubt Joseph Vogl. Wie lässt sich neu über Sinnlichkeit und Solidarität nachdenken? Wir möchten eine neue Sensibilität entwickeln. Wie die genau aussieht? Keiner weiß es.

Es ist wieder ein Morgen. Blick aus dem Fenster, der Gemeinschaftsgarten ist abgesperrt wie ein Unfallort. Die ganze Welt ist Risikogebiet, sagt Merkel. Die Spatzen singen so laut wie noch nie. Ich höre, wie meine Tochter aufs Klo wackelt, ich höre leise einen starken Strahl in die Schüssel schießen und freue mich. Wir sind uns nah dieser Tage, sehr nah. Ihre Pubertät beginnt so langsam und die erfordert eigentlich einen kleinen Abschied, ein Abstandhalten und Distanz. Doch plötzlich haben wir Zeit. Wir lernen viel miteinander – und dabei übereinander und voneinander. Es nicht immer einfach, nein. Aber so nah waren wir uns Jahre nicht mehr. In Hongkong wurde ein Graffiti gesichtet. Es ist in Chinesisch und heißt übersetzt: „ Wir können nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war von Anfang an das Problem.“

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06:00 19.04.2020

Ausgabe 27/2020

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