"Was ist männlicher als ein Bart?"

Im Gespräch Die Kampagne "Movember" animiert Männer, sich Bärte wachsen zu lassen. Damit soll auf Krankheiten wie Prostatakrebs aufmerksam gemacht werden, erklärt Gründer JC Coghlan

Ab November ist der Oberlippenbart, der „Moustache“, nicht mehr nur hippes Fashion-Statement. Die „Movember“-Kampagne will den Bart nutzen, um auf Männerkrankheiten aufmerksam zu machen, speziell auf Prostata- und Hodenkrebs. Dabei funktioniert die Kampagne wie ein Spendenlauf. Wer sich einen Bart wachsen lässt, soll Spenden sammeln und über Männerkrankheiten aufklären.

Im letzten Jahr sammelte die Kampagne in weltweit 21 Ländern 113 Millionen Euro ein, in Deutschland waren es rund 150.000 Euro. Gleichzeitig gab es auch Kritik: Die Empfehlungen der Kampagne widersprachen denen einiger Gesundheitsbehörden. Daraufhin änderte die Kampagne ihre Empfehlungen. JC Coghlan, einer der vier Gründer der Kampagne aus Australien, erklärt im Interview, wieso Rektaluntersuchungen männlich sind, wohin die Spenden gehen und eine Bartkampagne Frauen nicht ausschließt.

der Freitag: Warum habt Ihr Euch entschieden, eine Kampagne für Prostata- und Hodenkrebs zu starten?

JC Coghlan: Am Anfang stand der Schnurrbart. Wir wollten ihn wieder sprießen lassen, weil er in Australien fast verschwunden war. Außer bei 60-Jährigen. Dazu kam, dass einfach nicht genug über Männerkrankheiten gesprochen wurde. Das wollten wir ändern. Wir fanden heraus, dass Prostatakrebs eine der häufigsten Todesursachen ist. Und als wir in immer mehr Märkte vorgedrungen sind, haben wir festgestellt, dass Hodenkrebs auch ein großes Thema ist. Dann kam die Idee beide Anliegen zu verbinden.

Warum musste es der Bart sein? Warum nicht ein anderes Zeichen?

Warum nicht? Was ist männlicher als ein Schnurrbart?

Es gibt allerdings Behandlungen für an Prostatakrebs Erkrankte, die Haarwachstum am Körper und im Gesicht verhindern. Schließt das nicht die Betroffenen von Eurer Kampagne aus?

Nein. Ich habe gute Freunde, die Prostatakrebs haben. Und die haben fantastische Bärte! Ja, Hormonbehandlungen führen dazu, dass Männer femininer wirken. Aber sie genießen es, sich einen Bart wachsen zu lassen, weil es ihnen einen Teil ihrer Männlichkeit zurückgibt.

Aber was ist mit denen, die sich keinen Bart mehr wachsen lassen können?

Es gibt Männer, die auch ohne Behandlung keinen Bart haben. Wir nennen sie die „Lame Mos“. Sie versuchen sich krampfhaft einen Bart wachsen zu lassen, aber es klappt nicht. Diese Männer verehren wir am meisten. Sie versuchen es, haben aber nur blonde, dünne Härchen auf der Oberlippe. Das sind Helden.

Sind Frauen nicht auch ausgeschlossen von der Kampagne – obwohl sie durch ihre Partner mindestens genauso betroffen sind. Gerät ihre Rolle dabei nicht in den Hintergrund?

Nein. Es stimmt, dass Frauen genauso betroffen sind. Hinter jedem großartigen Schnurrbart steht eine großartige „MoSista“. Sie organisiert die Truppen. Die 1.1 Mio Teilnehmer weltweit sind auch ein großer Verdienst der Frauen. Sie organisieren die Jungs, sammeln Spenden. Ich würde sagen, Movember würde ohne die Frauen nicht existieren.

Das klingt nach einem sehr traditionellen Rollenverständnis.

Ja. Das ist es auch. Ich habe eine Frau und drei Töchter. Ohne deren Unterstützung gäbe es das alles nichts. Deswegen will ich alle "MoSistas" ermutigen sich zu registrieren. Genauso machen es Männer ja auch für Brustkrebs.

Es gab viel Kritik, weil die Movember-Empfehlungen stark von den Empfehlungen der britischen Gesundheitsbehörde abwichen, zum Beispiel bei den Vorsorgeuntersuchungen.

Wir arbeiten weltweit. Die verschiedenen Gesundheitsbehörden sind sich alles andere als einig darüber, welche Vorsorgeuntersuchungen in welcher Häufigkeit sinnvoll sind. Deswegen überprüfen wir diese Empfehlungen jedes Jahr. Es geht uns vor allem darum, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich über die jeweiligen Empfehlungen in ihrem Land informieren sollen.

Wir wollen nicht alle auffordern, zum Arzt zu gehen. Aber jeder sollte seine Werte kennen und die Krankheitsgeschichte seiner Familie. Wir wollen niemandes Zeit mit unnützen Vorsorgeuntersuchungen verschwenden. Aber wenn mehr Leute über ihre Krankheitswahrscheinlichkeit informiert sind, gehen zwar weniger Leute zum Arzt – dafür aber aus den richtigen Gründen.

Studien zeigen, dass vor allem Latinos sich seltener zum Beispiel einer digitalen Rektaluntersuchung, einer Vorsorgemaßnahme, unterziehen, weil sich das nicht mit ihrem Ideal der Männlichkeit vereinbaren lässt. Eure Kampagne zielt ganz stark auf Männlichkeit. Steht das nicht im Widerspruch zu den Zielen Eurer Kampagne?

Das ist eine faule Ausrede. Frauen machen auch alle möglichen Dinge durch, um sich testen zu lassen. Bei der digitalen Rektaluntersuchung hat ein Arzt, ein Profi, circa fünf Sekunden lang seinen Finger in Deinem Rektum, um zu sehen ob Du Prostatakrebs hast oder nicht. Wer sich davor drückt, ist nicht männlich genug, um das hinzubekommen.

Auf Eurer Kampagnen-Website steht, ihr wollt das beste Spenden-Kosten-Verhältnis haben. Auf Eurer Seite habe ich dazu aber nichts gefunden.

Weltweit hatten wir im letzten Jahr eine Rate von 11 Prozent. Wir haben ziemlich viel Geld in Deutschland investiert.

Auf Eurer Website weist Ihr 96.000 Euro aus, die Ihr in Deutschland investiert habt. Das sind rund zwei Drittel der gesammelten Spenden. Wo ist der Rest?

Wir werden noch mehr Geld in Deutschland ausgeben. Außerdem haben wir einen Global Action Plan, in den wir zehn Prozent der Summe aus jedem Land abziehen und in ein bestimmtes Projekt stecken. Das haben wir dieses Mal in Deutschland investiert. Dementsprechend sind noch einmal 127.600 Euro nach Deutschland geflossen. Das ist insgesamt wesentlich mehr als die in Deutschland eingesammelten 150.000 Euro.

Das klingt gut. Auf Eurer Website finden sich diese Zahlen allerdings nicht.

Es ist noch nicht alles veröffentlicht, aber wir investieren weiter.

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14:44 24.10.2013
Geschrieben von

Timo Stukenberg

Kölner Journalistenschüler und VWL-Student. Lieblingsthemen: Gesundheit und Datenjournalismus.
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Ausgabe 32/2020

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