Offener Brief an Herrn Matschie

Unbeantwortet Vor Wochen schrieb ich einen offenen Brief an Christoph Matschie, um ihn aufzufordern, sich für das Bleiberecht geflüchteter Roma-Familien einzusetzen. Ohne Antwort
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Vor einiger Zeit lernte ich durch meine Arbeit in Jena Roma-Familien kennen, die aus verständlichen Gründen aus Serbien und dem Kosovo geflohen waren. Wie üblich wurde das Asylverfahren schnell abgeschlossen, der Asylantrag abgelehnt. Nun sind die 6 Roma-Familien, die in Jena in einer Notunterkunft untergebracht sind, von der Abschiebung bedroht und werden immer wieder aufgefordert "freiwillig" auszureisen.

Vor 4 Wochen schrieb ich daher einen offenen Brief an Herrn Minister Matschie und bekam bis jetzt keine Reaktion darauf. Dies ist nicht nur für mich sehr unbefriedigend, vor allem die Lage der Asylsuchenden bleibt weiterhin ungeklärt. Außerdem hörte ich, dass Herr Matschie sich angeblich für Kulturenvielfalt einsetzt.

Tina Keserovic
und MitunterzeichnerInnen

An
Herrn Minister Matschie MdL für die Stadt Jena

Bleiberecht für geflüchtete Roma-Familien in Jena

15. Mai 2013

Sehr geehrter Herr Minister Matschie,

mein Name ist Tina Keserovic, ich bin Schauspielerin am Theaterhaus Jena. Ich wende mich an Sie, da einige Menschen in Jena in großer Not sind. Durch die Arbeit und das Leben hier in Jena habe ich Familien kennen gelernt, deren Sprache und – leider besorgniserregende – Situation ich verstehe. In Jena-Ost in der Schulstraße leben derzeit sechs Roma-Familien aus Serbien und dem Kosovo, die in der Notunterkunft für Asylbewerber untergebracht und akut von Abschiebung bedroht sind. Ich fordere von Ihnen als Vertreter der Stadt Jena und seiner Bevölkerung, sich im Thüringer Landtag und in der Landesregierung für das Bleiberecht dieser sechs Familien einzusetzen. Ich möchte die Jenaer Bevölkerung nicht durch Zwangsmaßnahmen zerrissen wissen, die Menschen mit Gewalt in die Verhältnisse zurückführen, aus denen sie aus verständlichen Gründen geflohen sind.

Diese Familien haben in Deutschland um Zuflucht gebeten. Das Asylverfahren wurde jedoch im – im Ergebnis äußerst fragwürdigen – Schnellverfahren abgeschlossen, die Familien wurden nicht als Asylberechtigte anerkannt. Nun werden sie vor die „Wahl“ gestellt, auf die nächtliche Abschiebung durch die Polizei zu warten oder „freiwillig“ auszureisen. Laut der Bescheide des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lägen offensichtlich keine Gründe vor, diese Menschen zu schützen.

Die Wahrheit ist jedoch eine andere. In Serbien und Kosovo werden Roma nicht nur sozial ausgegrenzt und gezwungen in katastrophalen Wohnverhältnissen zu leben, sie sind zudem allgemeiner und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Es passiert nicht selten, dass Roma auf offener Straße von rechtsextremen Gruppen attackiert werden und keinerlei Hilfestellung bekommen, weder von ziviler Seite noch von der Polizei – genau diese konkrete Erfahrung teilen auch Familien aus der Schulstraße. Roma haben des Weiteren regelmäßig keine Chance auf reguläre Arbeit und Kinder keinerlei Bildungsaussichten. Auch wenn das Bundesamt zum Beispiel der Familie Radu-

Tomin per Schreiben auflistet, welche Krankheiten man in Serbien heilen könne, ist mir bekannt, dass die medizinische Verpflegung sogar für dieübrige serbische Bevölkerung schwierig zu erhalten ist; für die diskriminierten Roma ist die Versorgung weitaus eingeschränkter.
Serbien und Kosovo werden in Asylverfahren als sichere Herkunftsländer eingestuft. Verschiedene internationale Organisationen beschreiben die Situation der Roma im Balkan jedoch als katastrophal und fordern ein Bleiberecht für alle geflüchteten Roma aus Serbien und Kosovo. Daher bitte ich Sie nun, im Sinne unserer humanitären Verantwortung die Ihnen möglichen Schritte zu unternehmen, damit die Familien ein Bleiberecht erhalten.

Für den Fall, dass Sie sich selbst einen Eindruck der betroffenen Familien verschaffen wollen, haben mir die Familien mitgeteilt, dass Sie gerne bereit sind, Sie in die Unterkunft in der Schulstraße einzuladen, um gemeinsam über ihre Situation zu sprechen.

In Erwartung einer positiven Reaktion verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Tina Keserovic

MitunterzeichnerInnen

AG Jugendarbeit Aktionsnetzwerk gegen Rechts Björn Bicker, Autor

Prof. Dr. Florian Bleibinhaus, Friedrich-Schiller-Universität Jena Benjamin Bunk
Die Linke.SDS Jena
Moritz Eggert, Komponist

Dr. Annette Franz
GRÜNE JUGEND Thüringen
Madeleine Henfling
Stephan Herold
Sandra Hüller, freie Schauspielerin
Insel Jena
Jusos Jena
Elke Klinger, Art-Kon-Tor Jena
Prof. Dr. Verena Krieger, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Ellen Könneker
Kerstin Lenhart, Regisseurin
Martin Michel, Mitglied Jenaer Stadtrat
Ersan Mondtag, freier Regisseur
Dr. Ute Müller
Anna Maria Reinking, Soziologin
Referat für Menschenrechte im Studierendenrat der Friedrich-Schiller-Universität Jena Sashi Singh, Dipl.-Psych.
Patrick Steigleder
Christian Stückl, Intendant Münchner Volkstheater
Peter Scharffenberg
Anton Schneider, Schauspieler/ Rapper
Annett Siebert
Johan Simons, Intendant Münchner Kammerspiele
The Voice Refugee Forum Jena
Theaterhaus Jena
Theaterscheune Teutleben
WinD-Gruppe Jena
Harald Zeil

17:53 04.06.2013
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Geschrieben von

Tina Keserovic

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