Czernivzi Express

Robinson Fünf Millionen Ukrainer sind als Altenpflegerinnen, Putzfrauen, Bauarbeiter oder Erntehelfer im Ausland unterwegs. In ihren Heimatorten lassen sie Lücken entstehen und öffnen Sehnsuchtsräume. Eine Reportage über die Unmöglichkeit des Ankommens

Natalija Petrova fächelt sich Luft zu. Es ist die Luft, die in Czernivzi im späten August in den Straßen steht, durch den Fächer gewirbelt, in Bewegung gebracht, in einen kühlen Luftzug verwandelt, dann wieder eins mit der trägen Hitze. Zwei Hunde schlafen auf dem Asphalt.

Natalija ist zu Besuch in ihrer Stadt. Hier, im Westen der Ukraine, wo die Häuser wie in Österreich zu Kaiserzeiten aussehen, die Busfahrpläne jedoch kyrillisch sind, ist seit 1991 eine Zeit "dazwischen" angebrochen. Ukraine heißt Grenzland - Grenzland zwischen Russland und Europa und ein Grenzland zwischen heute und morgen, zwischen dem was ist und dem, was werden könnte. Nur westlichen Touristen erzählen die Erker und Gesimse von Czernowitz von einem Gestern, das wahrer als das Heute ist. Für Natalija heißt die Stadt Czernivzi. Und ihre Gassen mit den schlafenden Hunden, die sie seit ihrer Kindheit kennt, sind ein Versprechen auf später. Für das Versprechen wird sie in drei Tagen in ein Flugzeug steigen.

Natalija hält den Fächer zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger und lässt ihn wie den Flügel eines eiligen Insekts auf und nieder sirren. Sie ist 58 Jahre alt, Berufschullehrerin und Mutter von zwei Töchtern. Vor sieben Jahren ist sie aufgebrochen. Sie erzählt davon, als sei sie in See gestochen. "Du fährst los und weißt nichts", sagt sie. Nicht, wie lange die Reise dauert, wo es lang geht. Du hast keine Vorstellung, wie es dort ist, wo du ankommst." Nur, dass du einer Frau 1000 Dollar bezahlt hast, die ein Touristenvisum, eine Fahrt mit dem Bus und eine Wohnung organisiert hat. Sieben Jahre lang hatte sie die Fahrt geplant, zwei davon hat sie gezaudert, fünf davon wie ein Eichhörnchen gespart. Dann hat sie vielleicht ein, zwei oder sieben Dutzend Mal denselben Streit mit dem Ehemann gestritten, aber da stand die Entscheidung schon fest. Man kann sie sich vorstellen, wie sie nicht abrückt von ihrem Entschluss; sie ist eine feste Frau, mit hellen Augen, mit ausgeprägten Kieferknochen und einem warmen Händedruck. Natalija hatte sich entschlossen, den Mann und die Töchter zu verlassen. Für die Töchter und für den Mann.

Jetzt steht sie vor dem Haushaltswarengeschäft "Foxtrott", wo die Kleinbusse starten und hält ein Wörterbuch in der Hand: Ukrainisch-Spanisch 25 000 Stichwörter. Sie sieht einen Tag lang Felder an einem Autofenster vorüber gleiten, sie schläft, den Kopf an das Fenster gedrückt, erwacht auf ihrem Sitz, schläft in der nächsten Nacht schon routinierter, die Beine angezogen. Eine Frau wie Natalija ist nun ein Mensch, der den Raum eines Velourssitzes einnimmt. Am Freitag erreichen sie Bologna, dort werden die Reisenden neu verteilt. Nach einigen Stunden fahren sie wieder, bis Sevilla. In Sevilla fühlt sie sich zum ersten Mal allein. Sie denkt: Ein Jahr. Und weiß, dass sie in der ersten Zeit von den einzigen, die in vertrauter Sprache sprechen, ausgenommen werden wird wie eine Gans. 150 Dollar zweiwöchentlich muss sie für ein Zimmer bezahlen. Vermittlungsgebühren für eine Arbeit fallen an. Bezahlt wird im voraus, nur die Vermittler kennen den Arbeitsplatz. Sie hat eine seltsame, unbegründete Angst, was für ein Broterwerb das sein würde und ist beruhigt, als sie das Haus einer alten Dame betritt, deren Böden sie zu wischen und deren Einkäufe sie zu erledigen hat. Sie erhält die Möglichkeit, bei der Dame zu nächtigen, und um Geld zu sparen, zieht sie sofort dort ein. Es ist dämmrig in den Räumen, weil die Vorhänge der Hitze wegen geschlossen sind. Spaniens Sonne sieht Natalija als kleine Lichtpunkte durch dickes Leinen sickern. Am Abend des ersten Tages denkt sie, dass nun ein Tag vergangen ist, der erste, es bleiben 364 Tage in den dunklen Zimmern der fremden Frau.

In diesem Jahr fällt nicht nur Natalija den Entschluss, in See zu stechen. Von etwa 24 Millionen arbeitsfähigen Ukrainern sind heute rund fünf Millionen im Ausland unterwegs. In den frühen 90er Jahren beginnt der Exodus. Er hat Konjunktur, als die ersten Auswanderer in den Zielorten der Arbeitsmigration Strukturen für die Nachkömmlinge geschaffen haben. Weil Arbeitsvisa so gut wie nicht zu haben sind, wird stets ein Touristenvisum in den Schengenraum beantragt, das je nach politischer Großwetterlage gewährt wird oder nicht. Wird es nicht gewährt, hat der Reisende mehr Startkapital aufzubringen, weil bewährte Unternehmen nun gegen Bezahlung Visa beschaffen oder eine Reise ohne Papiere möglich machen. Nach wenigen Wochen unschuldigen Aufenthalts, gleiten einige Millionen Natalijas in die Zone der Illegalen. Das "illegale" Leben ist keineswegs unmöglich. In Gegenden wie Italien und Spanien sind Polizei und Behörden korrupt, weshalb sie im Gegensatz zu Deutschland beliebte Ziele sind. Von der Unterbringung bis zur Entrichtung von Bestechungsgeldern ist alles bestens organisiert. Doch Natalija ist nicht wirklich vorhanden. Sie kann arbeiten, essen, schlafen. Aber nicht wählen, sich krankenversichern oder heiraten. Sie könnte auch keinen Eintrag ins Sterberegister bekommen. Solange kein Unglück geschieht, vermisst sie nichts davon, denn Natalija Petrova ist nicht Bürgerin von Sevilla - sondern von Czernivzi. Manches in Czernivzi geschieht nur durch sie. Es wäre nicht, ohne sie. Die ältere Tochter hat ein Studium begonnen, Natalija ist wichtig, und sie ist stolz. Doch alles, worauf sie stolz ist, geschieht ohne sie.

In Sevilla hingegen ist Natalija gegenwärtig, doch sie hinterlässt keine Spuren. Wenn die fremde Frau stirbt, wird Natalija - deren physische Präsenz im Alltag ungleich wichtiger ist, als die der leiblichen Tochter - aus dem Familiengedächtnis ausgelöscht. Sie wird aus den dunklen Räumen verschwinden, als ob es sie nie gegeben hätte. Die Illegalen leben wie Somnambule in einer Zone, die einen Grenzbereich zwischen Anwesenheit und Abwesenheit markiert.

Fragt man Natalija nach dem Leben in Sevilla, sagt sie, was es nicht sei: Sie sei nie erniedrigt worden. Ein Armband, das ihr gefiel, hat sie nicht gekauft, denn sie spart das Geld. Sie feiert nicht die Geburtstage der Töchter. Sie kehrt nicht nach Czernivzi zurück, als die 365 Tage verstrichen sind.

Während Natalija Petrova in Czernivzi sich mit ihren Händen das Kleid zurecht streicht, lädt Vadim in Berlin am Alexanderplatz gigantische Koffer und Taschen in den Kofferraum eines Kleinbusses. Durch die Scheibe der Heckklappe ist der Fernsehturm zu sehen. Eine zierliche Frau hebt ein siebenjähriges Mädchen auf die Rückbank und klettert selbst auf den Sitz nebenan. Das Kind guckt einen Augenblick irritiert, es müsste nicht mehr von der Mutter getragen werden. Die Mutter hat ein sehr helles Gesicht, schmal, fast kantig, von dunklem Haar gerahmt. Sie blickt auf eine Weise aus dem Fenster, ohne einen Punkt zu fokussieren, die dem Mädchen sagt, dass es jetzt besser keine Fragen stellt. Die Frau winkelt die Beine an, die in glänzenden Sporthosen stecken, wühlt zerstreut in einer Tasche und legt dem Mädchen eine Strickjacke um. Es ist ein warmer Nachmittag, und das Mädchen sieht nun doch fragend seine Mutter an.

Vadim wirft die Heckklappe zu. Er setzt seine Sonnenbrille auf und lässt den Wagen an, ein Sammeltaxi, das seit vielen Jahren informell zwischen Berlin und Czernivzi pendelt. Er rollt in den Stadtverkehr auf dem Alexanderplatz. Vadims Wagen gleicht einer Postkutsche, die Menschen und Fracht aller Art befördert. Seine Fahrgäste ziehen sie dem Flugzeug vor, weil sie günstiger ist und weder Art noch Umfang des Gepäcks beschränkt. Vadim überbringt Kinderdreiräder ebenso wie Autoersatzteile, Briefe und Päckchen mit Grüßen in die Heimat. Und wer Überweisungsgebühren bei Western Union sparen will, übergibt Vadim bares Geld. Des Geldes wegen durchqueren Vadim und zwei andere Kleinbusse Polen im Konvoi.

In 25 Stunden wird Vadim in Czernivzi sein, um am übernächsten Tag wieder Taschen und Pakete in den Kofferraum zu laden. Er lebt davon, dass ein Fünftel der Männer und Frauen seines Landes unterwegs ist, in der Hoffnung auf etwas, das immer vor ihnen liegt.


Natalija winkt einen Kellner heran, sie lässt den Fächer in der Hand zusammenschnappen und bezahlt. Der Kellner sagt "thank you", sie lässt den Irrtum auf sich beruhen.

Natalija ist nicht nach Czernivzi zurückgekehrt, nach dem Jahr 2000, in dem sie den Familienschatz zusammentragen wollte.

Nach elf Monaten hatte sie einen Brief erhalten, in dem ihr Mann schrieb, er sei krank. Er verzichtet auf den Satz, sie solle sich keine Sorgen machen, denn es ist ernst. Die Frage ist nur, ob Natalija zurückkehrt, oder ob sie bleibt. Natalija bleibt. Weil sie illegal ist, könnte sie sich höchstens ohne Papiere in die Ukraine schleusen lassen - aber dann käme sie nicht nach Sevilla zurück. Sie bleibt, weil die Töchter künftig allein auf ihren Verdienst angewiesen sind und weil sie nicht aufgeben will, wofür sie bisher gearbeitet hat. Die bessere Zukunft für die Töchter ist schließlich bereits im Aufbau begriffen. Natalija bleibt und pflegt eine südspanische Frau, statt ihren Mann zu pflegen. Sie bleibt und arbeitet für die Kosten der Beerdigung. Dann arbeitet sie weiter, und versucht, nicht nachzudenken.


In einem Plattenbau in einem Außenbezirk von Czernivzi öffnet eine junge Frau die Tür. Sie ist hoch gewachsen und schmal, das dunkle Haar hat sie heute nach hinten gesteckt, statt der Sporthosen trägt sie Jeans. Sie bittet in die Wohnung, bemerkt, dass der Zustand des Treppenhauses erbärmlich sei und spricht noch immer darüber, als sie durch die Zimmer führt, die wie eine Wolke in rosa und apricot über dem Viertel zu schweben scheinen. Seit die Wohnungen privatisiert sind, kümmert sich keiner mehr um die gemeinschaftlichen Räume, alle Mühe und Sorgfalt manifestiert sich im eigenen Reich. Holztäfelungen, Verkleidungen vor jedem Rohr, Armaturen in der staubfreien Küche, die aussehen, wie eben erst anmontiert. Oksana Martynjuk setzt Wasser für Tee auf, blickt durchs Fenster über eine Grünanlage mit Spielplatz und spricht - über Deutschland, wo ihr Bruder lebt, über Malaga, wo ihr Mann Mischa ist, über Amerika, wo die Schwiegereltern hingegangen sind. Deutschland-Malaga-Amerika, in Oksanas Erzählung verdichten sich die Orte zu einem. Das andere Land, in dem einer ist, der hier fehlt. Für Oksana ist es ein Bild, das sie nachts vor dem Einschlafen sieht. Im Andersland trifft sie Mischa, mit dem sie eine Ehe verbindet, die von der Sehnsucht und der unbeschädigten Vorstellung lebt. Ihre Zeit, als sie am Morgen gemeinsam am Küchentisch saßen, dauerte nicht länger als ein Jahr. Mischa schloss sein Medizinstudium ab, Julija wurde geboren. Dann besorgte Mischa ein Touristenvisum, brach auf und Oksana hörte seine Stimme drei Jahre lang nur am Telefon. Er tut sich schwer, die Spanier lachen über ihn. "Russen" seines Schlags stümperten zu Hauf auf den hiesigen Baustellen herum: Ein Doktor, der nicht mal eine Kelle halten kann! Mischa wechselt mehrmals die Baustelle und erlangt schließlich einige Geschicklichkeit im Fliesenlegen. Wer es in Spanien soweit bringt, dass sein Arbeitgeber für ihn ein Arbeitsvisum beantragt, weil er gebraucht wird, kann aus dem illegalen Leben auftauchen. Es gelingt. Mischa kann nun einmal im Jahr über Spaniens Grenzen reisen, und in den großen Schulferien trifft er nun Oksana und Julija in Berlin. Berlin im August. Oksana hat ein Visum, um den Bruder zu besuchen, sie sitzen im Café und sehen aus wie ein Pärchen, das Sommerurlaub macht.

Oksana erzählt, blickt aus dem Fenster und sieht aus, als sei es ein Zufall, dass sie noch hier in Czernivzi in einer kleinen Küche steht. Ein modernes Schneewittchen mit meerblauen Augen, die man puppenhaft nennen würde, hätte das Gesicht nicht so scharfe Konturen. Wenn Oksana altert, wird sie eine steile Falte zwischen den Augenbrauen bekommen. Was wird sie bis dahin tun? Auf die Frage nach ihrem Leben, antwortet sie, wie es einmal sein wird, wenn Mischa zurück ist und sie wegziehen werden - vielleicht vor die Stadt ins Grüne. Vielleicht weiter fort.

Natalija hat versprochen, Czernivzi zu zeigen. Ihre Tochter besitzt ein Auto. Die Ältere, sagt Natalija stolz, die vor kurzem geheiratet hat. Sie gibt Gas, der Wagen beschleunigt. Im Rückspiegel ist ihre getönte Brille zu sehen, an den kräftigen Nacken schmiegen sich hellrote Steine einer Halskette, die zum Sommerkleid passt. Sie bemerkt den Blick. "Korallen," sagt sie und steuert weiter durch den dichten Verkehr. In Spanien vermisst sie das Autofahren.

Eigentlich wollte sie nur zwei weitere Jahre bleiben, als ihr Mann verstorben war. Mittlerweile lebt im siebten Jahr in Sevilla, erzählt sie. Im Jahr 2004 wurde sie "legalisiert" , seither kann sie nach Hause reisen.

"Da!" deutet Natalija nach vorn. "Ein italienisches Kennzeichen. Man könnte meinen, die Stadt wimmle von Touristen. Ein Irrtum!" lacht sie. "Das sind alles Altenpflegerinnen auf Heimaturlaub."

Weshalb sie all das auf sich nähmen, wollen wir wissen. "Weshalb", wiederholt Natalija, legt die Frage einen Augenblick beiseite und weist auf einen Platz mit Brunnen, den reich dekorierte Häuser wie Geburtstagstorten säumen. Hier könne man schön sitzen und Kaffee trinken. Sie täte das nie. Aber ihre Töchter erzählten davon. Dann kommt sie auf die Frage zurück: "Die ersten haben sich auf den Weg gemacht, als die Ukraine unabhängig war und die Wirtschaft zusammenbrach. Wir hatten eine Hyperinflation, unser Geld auf russischen Sparkonten war wertlos. Wir waren arbeitslos oder verdienten nicht genug zum Leben. Braucht es noch mehr Gründe?" Sie drosselt das Tempo. "Rechts ist das Theater" unterbricht sie sich, "Das Schmuckstück von Czernivzi." Auf der Treppe sitzt eine Gruppe Mädchen in teuren Jeans und Turnschuhen. Eine telefoniert, eine andere verabschiedet sich und läuft los. Am Straßenrand wartet ein Taxi auf sie. Natalija murmelt etwas, beschleunigt wieder, schaltet, kuppelt und überholt einen Bus, reduziert das Tempo, schweigt.. "Ich zeige Ihnen etwas anderes", sagt sie plötzlich. Dann fahren wir weiter bis die Hauptstraße zu einer Ausfallstraße wird und die Stadt sich in der Ebene verliert. Baustellen wechseln sich mit Grasland ab. Es folgen mehr und mehr Baustellen, dazwischen fertige Neunbauten, die seltsam verlassen im Bauland stehen, oft fehlen die Wege zwischen Staße und Haus. Einfamilienhäuser mit schwarzen Dächern, Bungalows, Schlösser aus rohem Ziegel mit Zierelementen und Türmen. Natalija bremst und zieht die Handbremse an. "Wir sind da" sagt sie, öffnet die Autotür, steigt aus und blinzelt in die Sonne. Sie lässt ihre Handtasche aufschnappen und fördert einen Fächer zu Tage. Es ist ein schönerer, bunterer als der hölzerne von gestern. "Zarenhäuser nennen wir sie." bemerkt sie und blickt die Burg, die sich in nächster Nähe aus dem Erdreich erhebt, halb anerkennend, halb abschätzig an. Ein leichter Wind weht ihr feinen Sand ins Gesicht.


Während man in Czernivzi wie im Fieber neue Häuser baut, verfugt Mischa Martynjuk, Mediziner aus Czernivzi, Fliesen auf einer Baustelle an der Costa del Sol. Oksana räumt unterdessen Teller aus einem Einbauschrank ihrer Küche und nimmt Komplimente entgegen, wie schön die Wohnung renoviert sei, wie komfortabel und geschmackvoll, man könne es sogar jetzt in der Augusthitze aushalten, weil die Fenster gen Norden weisen. Oksana lächelt, streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn und meint, es sei alles nur ein Provisorium. Bis Mischa wieder bei ihnen sei. Dann reicht sie Gebäck und sagt den überraschenden Satz: "Schauen Sie, diese Steckdosen, ich habe sie selbst angebracht." Seit Mischa fort ist, hat sie allerhand Männerarbeiten gelernt. An Starkstrom wage sie sich nicht heran, und sie würde auch keine Steigleitungen legen. Aber "die kleinen Sachen" seien kein Problem. Ihre lackierten Fingernägel glänzen, als sie Tee in Gläser gießt. Bei den Schwiegereltern, sagt sie, ist der Vater allein zurückgeblieben, ein Rechtsanwalt, der Krawatten binden aber kaum eine Suppe selbst aufwärmen konnte. Er ist zum exzellenten Koch geworden. Was blieb ihm. Er aß einfach zu gern. Seit unsere Menschen fehlen, sagt Oksana, sind uns an den Leerstellen zusätzliche Arme und Beine gewachsen. Es gibt ein Wort für die Jugend, die ohne Eltern heranwächst, die früher reift, die sich teuer kleidet und, überfordert mit allem, oft über die Stränge schlägt. Die "Goldjugend" nennt man sie. Und wird ihnen damit nicht gerecht. Weil sie Mütter oder Väter ersetzen, kleine Geschwister erziehen, eine teure Ausbildung absolvieren, wissend, dass eine Mutter dafür den spanischen Sommer hinter dichten Gardinen verbringt, und die Hoffnung der Familie ruht auf ihnen. Es gibt Dörfer, in denen nur noch Alte und Kinder leben. Die Großmütter verjüngen sich und werden Mütter, während die älteren Jungen die Hausherren sind.


Luft fächelnd, im Sommerkleid, eine Hand auf die offene Wagentür gelehnt, sieht Natalija Petrova wie eine Seniora aus, die eben die Baufortschritte der neuen Finca begutachtet. Sie schlägt die Wagentür zu und setzt ihr halbhohes Schuhwerk vorsichtig auf die Erde, die aufgerissen und umgewühlt langsam wieder von Gräsern und Disteln erobert wird. Das Haus wirkt dunkel und kühl, trotz der Sommerhitze, die Fenster sind Höhlen ohne Glas. "Hören Sie?", fragt sie. - Nein, nichts. "Genau. Es ist Donnerstag, und auf dieser Baustelle arbeitet kein Mensch."

Es gibt in diesem Land zwei Träume, sagt Natalija. Einer ist, sich eine Zukunft zu bauen. Ihre Landsleute sind in dieser Beziehung archaisch, das Haus aus Stein ist nach der wirren Zeit zum Fetisch geworden. Der zweite Fetisch ist die Zukunft der Kinder. Was den Alten nicht gelingt, die den Sprung in die neue Zeit nicht schaffen, muss ihnen gelingen. "Die Jugend haben Sie auf dem Theaterplatz gesehen. Die Häuser sehen Sie hier."

Es ist nur ein Teil der Wahrheit, dass die Ukrainer nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft aus Not begannen, die Grenzen zu passieren. Um auf dem Basar zu handeln oder um dort zu arbeiten, wo man für den Lohn etwas kaufen kann. Wir waren in Bewegung geraten, sagt Natalija. Als sie selbst im Jahr 2000 aufgebrochen ist, träumte sie davon, noch einmal im Leben Geld zu verdienen. Ja, richtig, genau, Geld zu verdienen. Das Geldverdienen bedeute mehr, als nur etwas zu haben. Sie lässt den Fächer zusammenschnappen, um ihn mit der gleichen Bewegung wieder auszubreiten. Es bedeute, etwas zu gelten. Der Lohn sagt, deine Arbeit wird wertgeschätzt - und wenn nicht die eigene Arbeit, die in Sevilla hinter zugezogenen Vorhängen niemand sieht, dann vielleicht die der Kinder. Ein Luftzug regt sich, Natalija fegt Baustaub von ihrem Kleid.

Nach der wirren Zeit, sagt sie, teilte sich die Gesellschaft von Czernivzi in zwei Arten von Menschen. Es gab Menschen, die von der Zukunft sprachen. Und es gab solche, die es nicht taten. Was rennt ihr dem Geld hinterher, sagten sie. Wenn man bescheiden sei, brauche man weder auf dem Basar zu handeln, noch ins Ausland zu gehen. Eine Kluft öffnete sich zwischen den einen und den anderen. Die "Bescheidenen" schienen plötzlich ein wenig älter auszusehen. Und manchmal dachte man, sie gingen sogar langsamer, wenn man sie auf der Straße traf.


Wir fahren wieder. Die gebaute Zukunft von Czernivzi fliegt hinter den Autoscheiben vorüber, und die Stille ergibt einen seltsamen Klang, wenn man an die Geschichten denkt, die Czernivzi tausendstimmig zu erzählen scheint, Odysseen, die ins Nirgendwo führen. Oksana Martynjuk hat mehre tausend Dollar in eine Ehe mit einem deutschen Clown auf Hartz VI investiert - nur weil sie nach Malaga reisen wollte, um Mischa zu sehen. Und heute, da Spanien die Familienzusammenführung erlaubt, ist sie offiziell geschieden, von ihrem Mischa, der in Malaga noch immer Fliesen legt. Und ein älterer Herr aus Czernivzi, der Verwandte in Deutschland hat, erzählte von drei Jungen, die er eines Abends in Nürnberg an einer Telefonzelle traf - die vor Schmutz starrten und ukrainisch sprachen. Sie hatten sich nach Deutschland schleusen lassen, um auf eigne Faust Arbeit zu suchen - und hatten zwei Wochen lang im Wald genächtigt. Jetzt ging das Geld zur Neige, und sie wollten nach Hause telefonieren. Die Jungs seien heil nach Hause gekommen, fügte der Herr hinzu. Aber - und nun erzählte er eine neue Geschichte ohne glimpfliches Ende. Und dann eine, die überhaupt kein Ende nahm. Wie die von Mischa und Oksana Martynjuk.

Natalija lenkt den Wagen der Tochter, für den sie selbst gearbeitet hat. Auf dem Theaterplatz brennen schon die Laternen, die "Goldjugend" lagert noch immer auf Bänken, modisch zwischen Hip-Hop und Silbersandalette schwankend, Zigaretten und Becks-Gold-Flaschen in der Hand. Der Abend senkt sich, Czernivzis Häuser verblauen und wir rollen einen sanften Hügel der Stadt hinunter. Oben thronen die Residenz und die älteren Häuser der Reichen, die schlichteren Wohnlagen liegen in der Niederung. Natalijas Heim ist ein kleines Einfamilienhaus aus den 30er Jahren am Rand der Stadt. Die Fenster leuchten heimelig. "Die Fensterrahmen haben wir als erstes renoviert.", erklärt sie, ganz Herrin des Hauses. Ihr eigener Traum vom Haus aus Stein, bescheidener als die "Zarenhäuser", ist längst noch nicht fertig. Das Dach muss neu gedeckt werden. Und sie, Natalija, ist ja allein. Die Hochzeit der Tochter hat viel Geld gekostet, so ist das, es fällt immer etwas an.

Sie schließt auf. "Mein Reich", lächelt Natalija, die am Montag zurück nach Sevilla fliegen wird. Im Schlafzimmer, das früher ihres war, nächtigen jetzt die ältere Tochter und ihr Mann.

Im Wohnzimmer bittet sie zu Tisch, verschwindet und taucht wenig später mit einem Tablett wieder auf. In winzigen Porzellantässchen mit blauem Dekor schwappt je ein Espressopfützchen.

Das Service, erzählt Natalija, ist das Geschenk einer Bekannten, die in Italien putzt. Alina Makarenko ist mit Natalija zur Schule gegangen, sie ist in einem ähnlichen Alter, man hat ein Auge aufeinander, vergleicht, was die eine, was die andere tut. Alina hat zwei Kinder wie Natalija. Vor 1991 hatte sie es nur bis zur Verkäuferin gebracht. Als die Karten neu gemischt wurden, war sie eine der ersten, die auszogen. Die Ersten waren die Erfolgreichen, die mit dem Handel noch unbeschreibliche Gewinne machten und im Ausland im Vergleich zu hiesigen Löhnen wahre Schätze hoben. Fünf oder sechs Jahre habe es gedauert, bis die Makarenkos zum ersten Mal erwähnten, sie hätten nun das Geld beisammen. Jetzt wollten sie bauen. Natalija hält inne. "Das ist nun zehn Jahre her." sagt sie. "Wissen Sie, warum so viele Häuser nie fertig werden? Warum so viele Grundstücke nie gekauft worden sind und Boutiquen nie gegründet und ... was man sonst so an Träumen hat?"

Sie nippt am Kaffee. Als Makarenkos dachten, sie seien am Ziel, geschah das Unbegreifliche - das auf den zweiten Blick nicht unbegreiflich ist. Als sie den Preis für ein Grundstück fast bezahlen konnten, stieg der Preis. Weil so viele Ukrainer zur gleichen Zeit den gleichen Traum träumten - und zur selben Zeit die nötige Summe gespart hatten - blieb der Traum ein Traum. Und weil in allen Familien irgendjemand in Westeuropa arbeitet, gleichen sich die Preise allmählich den westeuropäischen an. Alles, was Glück und Zukunft verheißt, ist mittlerweile so teuer wie dort. Ein Einfamilienhaus im Speckgürtel von Czernivzi kostet inzwischen an die 200 000 Dollar. Während das Durchschnittseinkommen bei umgerechnet 185 Euro liegt.

Wenn Natalija mit ihrer Tochter telefoniert und fragt "Was macht Alina Makarenko, baut sie bald ihr Haus?" lacht sie und sagt "Ja, morgen." "Alina würde nie sagen, dass sie gescheitert wäre" sagt Natalija. "Stattdessen erzählt sie, was ihr Sohn tolles macht" Und sie hängt noch ein Jahr dran, in Italien.


Natalja wird in drei Tagen am Terminal stehen und einchecken. Sie weiß, dass sie in Sevilla bleiben wird. Wenn die Tochter sagt, "Mama, noch ein Jahr, dann bist du wieder bei uns." sagt sie "ja", damit die Tochter versöhnlich lächeln kann. Sie lächelt mit, aber der Grund ist ein anderer: Vor ein paar Tagen hat sie zum ersten Mal seit sieben Jahren Schmuck gekauft. Für sich selbst. Eine Korallenkette.


Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Czernivzi hat 240.000 Einwohner und ist wegen seiner Lage nahe der rumänischen und polnischen Grenze ein Verkehrsknotenpunkt der informellen Sammeltaxen der Arbeitsmigranten und noch immer ein Zentrum des Handels auf dem Basar.

Die Zahl der Arbeitsmigranten beruht auf einer Erhebung der Nationalen Bank der Ukraine, derzufolge 4,93 Millionen Menschen jährlich 21,3 Milliarden Dollar aus dem Ausland in die Ukraine überweisen. Die Ukraine hat 46,7 Millionen Einwohner, wovon rund 14 Millionen Rentner und rund 8 Millionen Kinder sind.

Die Reportage ist ein erstes Ergebnis einer Recherche über die Folgen der Arbeitsmigration in Osteuropa, gefördert durch das Stipendium "Grenzgänger" der Robert Bosch Stiftung.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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