Die andere Stadt

Alltag Nicht nur auf dem Land verzaubert der Winter die Welt. Die magischsten Winterlandschaften liegen in der Stadt

Eine Winterlandschaft, sagen manche, gibt es im Schwarzwald oder im Erzgebirge, wenn die Fichten verschneit sind und der Wald plötzlich hell statt dunkel erscheint. Einen "Märchenwald" nennen es die Leute. Eine Winterlandschaft sei auch das platte Land, wenn die Felder noch weiter wirken, weil das Weiß die Grenze zum Horizont undeutlich werden lässt. Eine Winterlandschaft sei, wenn der Schnee die Geräusche schluckt und man daher davon spricht, dass "die Welt wie verzaubert" sei. In einer Stadt markiere der Winter nicht mehr als die Heizperiode. Der Schnee ist zu Matsch gelatscht und mit dem gräulichen, schwärzlichen und bräunlichen Dreck eins geworden. Es riecht nach Nässe und nicht nach Schnee, keine Stille, keine Fuchsspuren - was könnte da verzaubert sein. Wer das sagt, ist nie im Januar einen weiten Weg von der Kneipe nach Hause gewandert, die frierenden Hände in den Manteltaschen, und hat bemerkt, dass die Straßen und Plätze andere sind. Eine Stadt im Winter ist nicht nur ein paar Grade kühler, dunkler oder feuchter als in der warmen Zeit. Die Stadt im Winter ist eine vollkommen andere Stadt.

Es gibt Orte der Sommerstadt, die in der Winterstadt verschwinden. In der warmen Zeit mündet die Straße, in der ich lebe, in einen Park, ein ehemaliges Bahnhofsgelände. Zeigt man diesen Park einem Gast und erklärt, dass es sich um einen der typischen Berliner Sackbahnhöfe handelt, der nach dem Krieg zerstört war, den man anschließend aufgegeben hat und den Wildwuchs auf seinen Ruinen später zur Grünanlage machte, sieht man für einen Augenblick die Gleise und die Wartehalle vor sich und weiß, dass seine Ausmaße eben die eines Bahnhofs sind. Sitzt man anschließend mit dem Gast auf einem der Hügel, die aus den Bahnhofstrümmern aufgeschüttet wurden, blickt man über den Kirchturm am Lausitzer Platz hinweg auf die Spitze des Fernsehturms. Das Gras ist dürr, wie das einer Steppe und wenn es dämmert, ist es ein magischer Moment. Im flachen Berlin gibt es wenige Orte, an denen man das Gefühl von Weite hat. Das Gelände des alten Bahnhofs öffnet sich und wird für die Länge eines Flaschenbiers eine geschätzte Unendlichkeit groß. Diese Weite verliert sich auf dem Nachhauseweg, man vergisst sie, weil ein Pärchen auf einer Bank eben seine Beziehung beendet, ein dunkeläugiger Mann im Anzug joggt und der Gast Grillstellen zählt, die dem Grillverbot zum Trotz den Park in einen feinen Nebel hüllen. Der Raum, den die Weite in Anspruch nahm, ist in zahllose Einzelsphären zerstreut, und um sie wickelt sich ein Labyrinth. Die 300 Meter vom Schutthügel zum Parkausgang, hinter dem meine Straße beginnt, fordern gut eine halbe Stunde.

Im Winter endet meine Straße an einer Backsteinmauer. Sie gibt an dieser Stelle eine Lücke frei, ein Sandweg führt in die Dunkelheit, die sich ab vier Uhr am Nachmittag wie eine Haube über mein Viertel senkt. Eine Straßenlaterne frisst einen runden Fleck in dieses Dunkel. Das ändert nichts daran, dass einer meiner Sylvestergäste bemerkt, meine Straße sei eine Sackgasse, die von einer Mauer abgeschnitten wird. Ich selbst vergesse den Weg im Winter, es sei denn, ich will "abkürzen", wie man es nennt. Man ist spät dran, wählt kurze Strecken, um Minuten zu sparen, und der kürzeste aller Wege führt durch den Park. Hat man die Lücke in der Mauer passiert und den Lichtkegel der Laterne hinter sich gelassen, beschleunigt man unwillkürlich den Schritt, weil es kälter ist und in der Dunkelheit irgendwas lauern könnte. Die Angst vor dem "irgendwas" ist groß, viel größer als die vor dem Frauenmörder, der vielleicht auf der Bank sitzt, auf der vor einigen Monaten eine Liebe in die Brüche ging. Kaum hat man den Schritt beschleunigt, den Gedanken an den Frauenmörder verscheucht und eine Zigarette anzündet, hat man schon die Mitte des Parks erreicht. Wie klein diese alten Bahnhöfe doch waren. Einen Häuserblock nahmen sie ein, mehr nicht. Vier Millimeter Zigarettenpapier sind abgebrannt, als die Abkürzung überwunden ist.

Die Winterstadt ist nicht nur ärmer um die verschwundenen Orte der Sommerstadt. Sie öffnet neue Räume und gibt ein anderes Raumgefühl. Während die Sommerstadt sich in der Ebene erstreckt - die Straßen sind heller und breiter, und jedes Café trägt eine Fläche mit Tischen und Stühlen wie ein Tablett vor dem Bauch - verengen sich im Winter Fahrbahnen und Fußwege. Sie scheinen sich zusammenzuziehen, so wie der Mensch, der auf ihnen geht, sich am liebsten zusammenziehen würde, doch sie gewinnen zugleich eine weitere Dimension. Wer in der Winterstadt in der Nachmittagsdämmerung spazieren geht, schenkt der Straße wenig Beachtung, weil sie nichts bietet, was das Auge hält. Der Blick geht derweilen an den Fassaden spazieren. Wo hinter Fensterkreuzen Wohnzimmer, Esszimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer erleuchtet sind, tritt er ein. Es ist ein Missverständnis, zu meinen, Fenster seien dazu da, denen, die drinnen sind, eine Aussicht nach draußen zu gewähren. Fenster sind Einblicke in die Räume der Menschen. Erst im Winter weiß man, dass sie wirklich hohl sind, diese Steinquader an den Straßen. Und wie viele Hohlräume sich in ihnen befinden, einer über den anderen gestapelt. In jedem hat ein Mensch an drei Stromkabeln, die aus dem Putz ragen, eine Deckenleuchte angebracht, hat Strümpfe und Hosen verstaut, Bücher ins Regal gestellt, selbst gesammelte Wellhornschnecken auf dem Fensterbrett arrangiert und mit Stecknadeln einen Kunstdruck aufgehängt, der ihm persönlich etwas besonderes bedeutet. Er hat eine Welt der Dinge in eine Ordnung gebracht, die ihm ein Gefühl von Sicherheit gibt. Er wähnt sich in einem Konkon, in dem er selbst einzigartig ist.

Dem Betrachter auf der Straße offenbart sich eine serielle Welt von Lampen. Reiche, helle Lampen von türkischen Familien mit Kristallgehänge und Kugeln aus mattem Glas, gewebte, orange leuchtende Lampenschirme im Retrostil und schwedisches Lampendesign, selbst gefertigte Lampions aus Luftballons, die solange mit Paketschnur umwickelt werden, bis ein Ball entsteht, der gedämpft, bastfarben schimmert. Lampions aus Collagen zusammengeklebten Transparentpapiers. Die Deckenlampe scheint die leuchtende Krone eines jeden persönlichen Universums zu sein.

Manche sagen, es stimme sie traurig - diese gestapelten Vorstellungen von Privatsphäre und Entfaltung des Selbst, die der Winterflaneur in der Stadt entdecken darf, so wie der Waldspaziergänger Wildspuren im Schnee. Die schiere Masse entlarve das Ganze als schale Illusion. Mich lässt sie schwindeln. Was ist schon die Realität - im Angesicht einer geballten Illusion! Nicht Märchenwald, Märchenstadt müsste es heißen.

Manchmal, sehr selten, gefrieren die Seen und die Wasserarme der Stadt. Dann ist der Landwehrkanal platt und fest wie eine Plexiglasscheibe, und ich frage mich, ob die Ratten wie die Fische unter dem Eis überleben können. Und hin und wieder liegt auf den schwarzen Dächern Schnee. Wenn über Nacht die Schneeflocken wie Sterne vom Himmel gefallen sind, sind am Morgen danach die Fußwege und Seitenstraßen weiß und die Schneedecke dämpft den Straßenlärm. Einmal habe ich in der Görlitzer Straße im Schnee Fuchsspuren gesehen. Mein Begleiter fragte, ob ich es noch nicht wisse, die wilden Tiere kehrten zurück in die Stadt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare