Ein Experiment

Streik Die Sympathie mit den Streiks in Deutschland deutet auf einen Wandel politischer Kultur

Die politische Kultur des Landes scheint im Umbruch zu sein, und öfter als sonst hört man ein Vokabular des Staunens. Eine Partei "taucht auf" und "formt die Parteienlandschaft" neu, als sei unsere Parteienlandschaft etwas Unverrückbares wie ein Alpenmassiv. Man spricht vom Linksrutsch (und es klingt wie "Erdrutsch"), etwas ist bedroht oder herausgefordert, und vom linken Lager bis ins konservative schwingt bei allem Staunen auch Entsetzen mit und bei allem Fürchten auch Faszination. Und jetzt ist noch dazu Streik. Vielleicht war es die Kulmination aus allem, die von einer "Streikwelle" in Deutschland, sprechen ließ, gar von der "Wiederentdeckung der Streikkultur". Verdi, die unverhohlen Bauklötze staunte - über den Erfolg wie über die eigene Courage, gleich acht Prozent verlangt zu haben, die Berliner Verkehrsbetriebe, die ihren Ausstand ohne Zaudern "unbefristet" nannten und am Horizont die Querulanten Lokführer, die hierzulande die Worte "Streik" und "Streit" überhaupt einander näher brachten.

Der Streik ist das Herz der Mythen des Widerstands. Und wir Deutschen, sofern wir uns links fühlen, haben ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht streiken und streiten können wie die Franzosen. Das ist unser Trauma (und unser Zuhause) seit 1848, seit Bismarcks sozialer Befriedung und 1918. Und nun nahmen es brave Bürger "überraschend", "auffallend", "erstaunlich" gelassen hin, als der Müll liegen blieb und der Bus nicht fuhr, drückten gar Einverständnis aus. Es war ein landesweites Phänomen, dessen Unmittelbarkeit Kommentatoren zu ungewohnt großen Worten hinriss. "Französische Momente" nannte es zärtlich jemand in Hessen. Eine "umfassende Solidarität" und "Sympathie" herrsche in der Bevölkerung, nicht für die Sache der Busfahrer oder Kindergärtnerinnen, sondern für die Freude am Fordern überhaupt.

Entsteht eine deutsche "Streikkultur"? Es tut sich etwas. Nicht, dass wir bald ein echtes Streikrecht hätten wie im Nachbarland. Eine kulturelle Verschiebung zeichnet sich ab. Die Signale aus dem Alltag drücken die Akzeptanz einer neuen Art des Forderns aus, die nicht erst ans Angebot des Gegners denkt, sondern erst an sich selbst. Eingeführt haben es die Lokführer im vergangenen Jahr, die niemand mochte, wegen Sektierertums und weil sie für Sonderinteressen zankten, die insgeheim aber jeder bewunderte, einfach weil die Jungs so schön frech auftraten. Man mag die Lokführer immer noch nicht, aber vielleicht mag man neuerdings Streit. Es könnte tatsächlich daher rühren, dass das Vertrauen in das uralte Versprechen schwindet, auf dem die politische Kultur des Landes fußt - man einigt sich und hat am Wohlstand teil. Dass der Aufschwung, für den der Gürtel hatte enger geschnallt werden müssen, am Durchschnittsverdiener vorbeigegangen ist, hatte seinen Anteil daran. Doch Vertrauen ins Aufgehobensein in einem großen Ganzen ist etwas Träges, Schweres, Beharrliches. Wenn es schwindet, geht die Suche nach einem neuen Standpunkt in Eruptionen vonstatten.

Das Hantieren mit neuen Formen einer Streit- und Streikkultur ist ein Experiment. Ein gewagtes, weil unsere Idee davon sich aus Filmen, Literatur und romantischen Projektionen auf mediterrane Nachbarn nährt. Wir staunen, wenn wir uns dabei erwischen, ernst gemacht zu haben. Und zweifeln sofort an uns. Wenn wir den U-Bahnstreik verfluchen, weil uns auf dem Rad der Hagel ins Gesicht schlägt, wissen wir gleich, dass wir es eben nicht können: Revoluzzen mit Laternenputzen, so war es immer schon. Wenn Franzosen eine Straßensperre streikender Lehrer verfluchen, wenden sie und unterhalten sich im Auto über die französische Widerstandskultur.

Uns Deutschen fehlt es an Selbstbewusstsein und Erfahrung, das schöne Pathos einer "umfassenden Solidarität" mit der Wirklichkeit abzugleichen. Sprich - eine Streikkultur. Doch das Experiment wird sicher weiter gehen.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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