Hier spricht Radio PMR

Nachrichten aus Transnistrien Bildnachweis zur Literaturbeilage

"Von Reisen in das Gebiet jenseits des Dniestr wird seitens des Bundesministeriums für auswärtige Angelegenheiten abgeraten." So lautet eine der vielen Warnungen, ein Land zu besuchen, das seine Bewohner "PMR" Pridnestrowskaya Moldowskaya Respublika nennen, das in westlichen Ländern Transdnestr, Transdniestr oder Transnistrien heißt. Die Differenz in der Wahrnehmung wird durch die Namensgebungen deutlich: Der Westen nennt es "hinter dem Dniestr" - und meint einen Raum, der abseits liegt. Die Bewohner dieses Territoriums nennen es "vor dem Dniestr" und meinen den Ort, an dem sie leben. Eine Republik, die nach dem Zerfall der Sowjetunion zu Moldawien gehörte und sich einseitig unabhängig erklärte, als Moldawien sich Rumänien anschließen wollte. "Russen, Koffer packen", habe das für Russen und Ukrainer bedeutet, die im Osten Moldawiens einen großen Teil der Bevölkerung stellen. Was dann folgte, wird sehr unterschiedlich interpretiert: Für die Bewohner der PMR ist es ein mutiger Unabhängigkeitskrieg mit einigen Opfern. Für andere heißt es "Transnistrienkonflikt" - in den sich die 14. Rote Armee einmischte und in dessen Folge sich ein Staat bildete, der autoritär und korrupt ist, der hauptsächlich von illegalem Kinder- Organ- und Waffenhandel lebt, der seine Leninstatuen stehen ließ, unbeirrt Propaganda produziert und rote Fahnen schwenken lässt. Für die meisten ist Transnistrien nicht mehr als ein bizarrer Themenpark Sowjetunion.

Eine Annäherung westlicher Autoren kann sich nicht anders als schwierig gestalten. Entsprechend nennt das Kollektiv Fischka einen eben erschienenen Text- und Bildband einen "Versuch" - eine Spiegelung der transnistrischen Strategie, durch Symbole, Geschichtsschreibung und Propaganda eine eigene Identität zu erzeugen. Die Spiegelung gelingt den Fotografen Kramar und Marcell Nimführ - und auf den Fotos, die während fünf Jahren gesammelt wurden, sind folgerichtig Demonstrationen in Unterperspektive zu sehen, die Bild- und Formensprache zitiert sowjetischen Bildband. Entstanden ist ein kunstvolles Buch mit guter Fotografie, mit vielen Selbstaussagen von Bewohnern der PMR. Das Befremden bleibt. Vielleicht gerade wegen des durchdachten Zugangs, der Spiegelung, des Zitats. Es mag Länder geben, die sich einer Annäherung verweigern.

Die diesjährige Literaturbeilage ist mit Fotos aus "Hier spricht Radio PMR" bebildert.


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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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