Nackt im Netz

Gläserner Mensch Was die Debatte um den Datenklau an Angst um die Privatsphäre offenbart

Wollte man aus der Diskussion um den Datenschutz die häufigsten Wortbilder zu Gedichten samplen, stünde folgendes Material zur Verfügung: "Datenklau", "Datenraub", "Gläserner Mensch", "Big Brother is watching you". Das Vokabular zeigt: Die Empörung, die aus den emotional hoch aufgeladenen Beiträgen spricht, gilt nicht nur unmoralischen Datenräubern und Händlern, die materiellen Schaden anrichten, indem sie Konten plündern oder mit unlauteren Mitteln werben. Sie richtet sich auf den Verlust der Privatsphäre allgemein. Big Brother, dessen Auge das Individuum durchdringt, egal wo es sich befindet, ist zum Archetyp für die Furcht geworden, die Privatsphäre könnte einem gigantischen Fortschrittsprojekt zum Opfer fallen. Der "Gläserne Mensch" ist das unbewegliche, kristallstarre Opfer. In der Debatte ist er der "ahnungslose Bürger", der übertölpelt wird, dem sein privates Geheimnis entwendet wird.

Aber so ist es nicht. Der Bürger ist nicht ahnungslos. Natürlich gibt es all die Fälle, in denen Firmen interne Daten abgeben, in denen Telefone abgehört werden oder jemand mit einer Finte Sie-haben-einen-Preis-gewonnen-wohin-sollen-wir-das-Geld-überweisen einem Ungefeiten seine Kontonummer entlockt. Aber sehr viele Besitzer der bewussten Daten stellen sich mit ihren Informationen höchst freiwillig aus. Seit das Internet als Öffentlichkeit für alle Aspekte des Lebens relevant geworden ist, veröffentlichen Menschen Auskünfte über alle Bereiche ihres Lebens, um im Netz zu handeln, Jobs zu finden, Partner zu suchen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu pflegen. Nicht auf den bekannten Social-Networking-Websites wie MySpace legen Nutzer Profile mit persönlichen Daten an, auch in Jobbörsen zeigen sich Freelancer mit allem, was sie zu bieten haben. Partnersuchportale boomen. Eine Studie prognostiziert, dass bis zum Jahr 2012 21,7 Millionen Deutsche Seiten wie Facebook, SchülerVZ, StudiVZ oder MySpace nutzen werden, im April 2008 waren es 8,6 Millionen. Und mit diesen Zahlen korrespondiert eine entsprechende Menge an Profilen mit Auskünften über Werdegang und Wünsche, Geschmack und erotische Vorlieben.

Auf all diese Informationen wird selbstverständlich zugegriffen. Von denen, die sie erreichen sollen genauso wie von anderen. Sie werden von denjenigen gefunden, mit denen der Betreffende in Kontakt treten will, als auch von solchen, die auf der Suche nach Verwertbarem, Handelbarem sind, vielleicht in unlauterer Absicht. Es ist, wie wenn eben ein Mensch irgendwo draußen auf sich aufmerksam macht und von Gutwilligen gefunden werden oder aber auch von einem Räuber überfallen werden kann.

Nicht der ahnungslose Bürger, der eigentlich brav seinen Zaun in Ordnung bringen und die Privatsphäre schützen wollte, wird von einer abstrakten Macht - Big Brother - ausgespäht, sondern er exponiert auch sich selbst. Aus eigenem Antrieb. Er ist ein Handelnder.

Die Frage ist, ob sich infolge dessen in den Koordinaten unserer Gesellschaft etwas grundsätzliches verschiebt: nämlich das Verhältnis zwischen Privatem und Öffentlichkeit. Und ob das der Grund ist, weshalb Politiker alarmiert appellieren: Bürger passt besser auf Eure Daten auf! Wie Justizministerin Brigitte Zypries, die sich vorige Woche echauffierte, das Bewusstsein für den Datenschutz der Deutschen habe nachgelassen. Schlimm, wie viele Bürger doch bereit sind, ihre Daten zu offenbaren! Auf der Internetseite abgeordnetenwatch.de, auf der Zypries sich selbst exponiert, um mit ihren Bürgern ins Gespräch zu kommen, würden ihr - so gibt sie fast angeekelt zum Besten - schon mal ganze Lebensläufe einschließlich Verdienstdaten geschickt. Als Reaktion erwägt sie, das Gesetz zu ändern, "um den Bürger zu schützen". Vor sich selbst? Oder will Zypries nicht, hilflos, sich und den noch vernünftigen Teil der Welt vor den wild gewordenen Daten-Exibitionisten bewahren?

Das Zurschaustellen von Intimität im Netz ist indessen kein Zeichen von Verrohung oder gar Verdummung, sondern eine unmittelbare Konsequenz des Wandels der öffentlichen Sphäre im Internet. Wer in einem physischen Raum - auf einem Marktplatz oder einer Klassenparty - Kontakt aufnehmen will, kann sich sicher sein, von einer überschaubaren Zahl Anwesender zumindest bemerkt zu werden. Noch in der selben Situation besteht die Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen. Die Anstrengung, sich für eine "engere Beziehung" zu qualifizieren, erfolgt danach. Wer im Internet Kontakt sucht, muss diese Anstrengungen ad hoc unternehmen, um von einer unüberschaubar großen Zahl von virtuell Anwesenden überhaupt gefunden, wahrgenommen und ausgewählt zu werden. Erst nach dieser Hürde erhält er die Chance, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren.

Vor allem die erste Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, an der wir insofern gut ablesen können, wie Leben-mit-dem-Internet die Gesellschaft verändern wird -, reagiert rational und folgerichtig und exponiert sich mit Informationen, die andernfalls erst viel später, im Häuslichen, bei Kerzenschimmer, preisgegeben worden wären. Es geht um das Einsetzen der Monatsblutung ebenso wie um Sex, um den Tod der Eltern, Lyrikversuche oder "heimliche" Karrierewünsche. Das Gebot, in der gegebenen Lage sozusagen verfrüht intime, "private" Mitteilungen auszustellen, wird derweilen nicht als Zumutung empfunden. In einem Artikel Kids, the internet and the end of privacy im New York Magazine schreibt Emliy Nussbaum, die jüngeren Internetnutzer entschieden sich sehr bewusst für einen anderen Umgang mit ihrer Privatsphäre. Sie wägen ab, ob das Sich-zur-Schaustellen mehr Vor- oder mehr Nachteile bringt. Und entschieden - wie Popstars oder Politiker - meist zu Gunsten der Vorteile. Und ebenso wie Popstars entwickelten sie ein entsprechendes Verhältnis dazu, mit ihren privaten Geheimnissen sichtbar zu sein. Sie schätzten die Möglichkeiten einer erweiterten Öffentlichkeit, genössen die Aufmerksamkeit und gewöhnten sich an die Transparenz. ("Yeah, I´m naked on the Internet, but it brought me to New York!")

Dieses Gebaren, schreibt Nussbaum, habe nicht weniger als einen Generationenbruch bewirkt, wie es ihn seit den fünfziger Jahren nicht mehr gab. Nie mehr danach sei ein so starkes und grundsätzliches Befremden gegenüber dem Verhalten der Nachwachsenden zu beobachten gewesen. Die Reaktionen reichten von panischer Abwehr bis hin zum Ekel. ("They have no sense of shame. They have no sense of privacy. They are show-offs, fame whores, pornographic little loons who post their diaries - online.") Hier wie da geht es um einen gefühlten Einbruch der Wildnis in die Zivilisation. Hier "Jungle"-Rythmen und -Attituden versus Sitte. Da der Verzicht auf Privatsphäre (wie bei den Jägern und Sammlern, wo es auch keinen Privatraum gab) versus Schamgefühl.

Der überaus heftige Abwehrreflex wundert nicht. Denn tatsächlich birgt dieser Wandel Sprengstoff. Das Private gilt als Achillesferse einer Gesellschaft. Nicht umsonst war der Schlachtruf der autonomen Frauenbewegung, dass das Private politisch sei. Abgeschirmt, im Privaten, liegt die häusliche, geschlechtliche und familiäre Sphäre, die "Keimzelle" von Staat und Gesellschaft. Für Konservative im guten Sinne, weil sich hier alles reproduziert, was lieb und teuer ist. Für Linke im schlechten, weil sich hier alles Verhasste perpetuiert - die Machtverhältnisse, die Autoritätshörigkeit, die Herrschaft des Mannes über die Frau.

Ist es vor diesem Hintergrund brisant, wenn heute die erste Internetgeneration freimütig ihre Tagebuchnotizen, Privatfotos und erotischen Offenbarungen zur Schau stellt? Und in zehn Jahren Bekenntnisse, was eine Ehe unerträglich macht? Vielleicht.

Denn, bevor das Private politisch werden kann, muss es zunächst öffentlich werden. Damit dieses Private, das qua Definition der Sphäre angehört, die nicht alle angeht, aus dem toten Winkel gezerrt wird und zur Diskussion gestellt werden kann. Oder gar zur Disposition. Da sah man die Fundamente der Gesellschaft wackeln! Nun wissen wir zwar längst, dass nicht alles, was zugänglich gemacht wird, eine "Öffentlichkeit" im Sinne eines "Diskurses über allgemeine Interessen" erreicht. Sprich: Was öffentlich wird, wird noch lange nicht zum Politikum. Aber dass jemand den Sichtschutz nieder reißt - radikal, ohne Sentiment und Kompromisse - wäre immerhin die Voraussetzung dazu.

Natürlich ist unwahrscheinlich, dass die Grundfesten der Gesellschaft je wackeln werden, weil das Private politisch wird. Dennoch berührt es ein Tabu, wenn der Mensch sich nackt oder "gläsern" macht. Einfach so. Denn was wäre, wenn die Privatsphäre - ganz ohne großen Knall - einfach verschwinden würde? Weil niemand mehr Interesse daran hat?

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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