Nokia

Berliner Abende Kolumne

"Nokia!", ruft jemand hinter mir. Eine U-Bahn fährt ein. Der Schriftzug an den Kacheln wird von gelbem Metall verdeckt, durch Glasscheiben freigegeben, verdeckt, wieder freigegeben. Die Buchstaben "Kottbusser Tor" flackern, wie Daumenkino. "Nokia", ruft die Stimme noch mal. Eine junge, laute Stimme, die wahrscheinlich zu einem jungen Mann gehört, denke ich, denn ich sehe den Besitzer der Stimme nicht, sondern höre ihn nur und frage mich, weshalb er sein Handy ruft. Ich selbst rufe ständig mein Handy an - weil ich es verlegt habe, und manchmal passiert es mir, dass ich auch andere Gegenstände anrufen will, die ich nicht finden kann. Meinen Schlüsselbund, meinen Mietvertrag, meinen Haarfön will ich zum Klingeln zu bringen. Aber niemals rufe ich mein Handy.

Jetzt sehe ich den Mann: Er geht breitbeinig an mir vorbei und bleibt in meinem Blickfeld stehen. Sein schwarzes Haar trägt er kurzgeschoren, ein schneeweißes Shirt léger zu weiten, tiefsitzenden Hosen, seine Körperhaltung demonstriert, dass er präsent ist und gehört werden will. Jetzt hat er Nokia entdeckt. "Scheißköter", lässt Murat uns wissen. "Immer weg, Alter, guckste ma weg, isse schon halb bis Neukölln." Nokia wedelt. Ein schwarzes Boxermädchen mit hellem Fleck auf der Stirn. Blickt ihren Besitzer aus schwarzen Tieraugen aufgeräumt an. Schnuppert. Wendet den Kopf und schnuppert wieder. Erhöht die Frequenz des Wedelns. Macht einen Satz und jagt los. Landet, ein kleiner Hundekörper, die Vorderbeine voran, einem Mädchen zu Füßen, das in einem der Waggons an einer Metallstrebe lehnt. "Is ja jut, Nokia", sagt das Mädchen sanft. Nokia findet es auch "jut" und grüßt auf ihre Art. Das Mädchen, röhrenjeansschlank, anmutig, rosabejackt wehrt, bemerkenswert souverän, mit karateähnlichen Bewegungen die Luftsprünge des Tierchens ab. "Murat", ruft sie glockenlieb, ohne dass ihr Karate an Präzision verliert. Ich denke an Sekretärinnen, die es fertig bringen, synchron in einen Telefonhörer zu lächeln und zugleich mit wieselnden Fingern Briefe zu tippen, 350 Anschläge pro Minute, mindestens. Dem Mädchen gelingt während des Manövers ein formvollendetes Winken, klarlack-weiß-gestreifte Nägel spiegeln Neonlicht. "Scheißköter", lässt Murat vernehmen.

Er geht in die Hocke, ohne an männlicher Wirkung einzubüßen, und klopft gegen seinen Oberschenkel. "Noookia", zieht er das "o" lang, um das "a" kurz abfallen zu lassen. Als habe Nokia während der O-Länge Zeit, zu ihm zu kommen und müsse beim "a" bei Fuß sitzen. Allein Nokia hat Augen, Nase und Ohren nur für Karatemädchen. Sie heißt "Fleur". "Flööah", brüllt Murat. "Alta, haste dein Köter nich im Griff, wa", flötet Fleur zurück und wird durch das U-Bahn-erotische "Richtung Hermannstraße - einsteigen bitte!" abgeschnitten. Die Sache beginnt ihr augenscheinlich Spaß zu machen, denn statt Nokia am Halsband zu packen und nach draußen zu zerren, begeistert sie das Boxermädchen mit immer neuen Kampfstellungen. Nokia springt. Die beiden sehen aus wie ein eigentümliches Tanzpaar. Die Lautsprecherdame setzt wieder ein mit "Richtung Hermannstraße - zurückbleiben bitte!", als Murat noch mit sich kämpft, ob er Stolz und Ehre drangeben soll, um zu Fleur und Köter in den Wagen zu stürzen, Nokia im Sprung zu greifen und mit zu nehmen, damit Ordnung herrscht. "Murat", kreischt Fleur, "dein Köter macht meine Jacke dreckich!" Murat erhebt sich, die Türen klappen. Er tut mir unendlich leid, als die Bahn anrollt und Nokia freundlich, gespannt, mit hochgestellten Ohren durch die Scheiben der Tür nach draußen blickt. Gleich ist sie halb bis Neukölln.

"Scheiß-Nokia!" brüllt Murat und fängt die rechte Faust mit dem linken Handteller auf.

Mein Handy klingelt. Ich wühle in meinem Beutel, Papiere, Schlüsselbund, Zigarettenschachteln, mein Daumen tastet etwas Klebriges - Gesichtscreme! Ein Schraubverschluss hat sich gelöst, Scheißhandy, immer weg. Murat sitzt auf einer Bank und weint, den Kopf in die Hände gestützt. Irgendwo in den Tiefen meiner Tasche dudelt der Nokia-Ton.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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