... und ihren Lesern

praktisch Die Jerusalembibliothek im Problembezirk Berlin Wedding ist eine Bildungsinstitution

Draußen ist es gegen 16 Uhr schon fast dunkel. Drinnen in der Stube sitzen zwei Mädchen an die Großmutter gelehnt und ein Junge zu ihrer Rechten. Die Großmutter liest. Nein, falsch. In der Jerusalembibliothek, im Problembezirk Berlin Wedding im Neonlicht liest Cyril aus einem Buch vor, das von Tieren handelt, die sich für eine Party fein machen. Er ist zwar erst Mitte 20, trägt das Haar jedoch zum Dutt aufgesteckt und kann es auch in seiner sanften, etwas gleichförmigen Art des Vortrags der Tiergeschichte mit einer echten Vorlese-Großmutter aufnehmen. Cyril liest: Wie die Wölfe sich das Haar kämmen und die Zähne putzen, und die Kindergesichter sehen aus, wie Gesichter nur beim Lauschen von Märchen aussehen können, der Welt entrückt. "Da hob der Wolf das Bein und Fusel schnitt ihm die Zehennägel", liest Cyril. "Eklig", sagt das kleine Mädchen andächtig. Cyril blickt kurz auf. "Das findest du eklig?" "Eklig" nickt das Mädchen artig und ist keineswegs bereit, die Geschichte zu verlassen. "Willst du weiter lesen?" Das Mädchen übernimmt: "Fusel beugte sich zu einem der Schweine und lächelte süß ..." Sie geht in die zweite Klasse, die Mutter stammt aus Thailand und wohnt in der Nachbarschaft. An Donnerstagen um 16 Uhr bringt sie ihre Tochter hierher. Die Vorlese-Großmütter sind Ehrenamtliche des Vereins "Lesewelt". Heute sind 15 Kinder zum Zuhören gekommen, sie lagern auf einem großen Sofa, das einen Halbkreis bildet. Der Raum hat die Größe eines Klassenzimmers. Die Bücherregale geben ihm etwas Labyrinthisches. Man muss aufstehen, um die Ecke zu entdecken, in der sich die Mütter sitzen, einige tragen Kopftücher, zwei von ihnen haben Thermoskannen mitgebracht.

"Jetzt zeig´ ich Ihnen noch die Etage für die Großen", sagt eine ernste Bibliothekarin mit grauem, kurzem Haar und führt über eine Treppe nach oben, in einen weiteren neonerleuchteten Raum, dessen Atmosphäre eine eigenartige Mischung aus bibliophiler Gemütlichkeit und städtischem Zweckraum verstrahlt. Das eigentlich Überraschende aber ist: Er ist merkwürdig belebt. Mit den stillen Büchereien, in denen man unentdeckt zwischen Regalen schlafen oder den Zimmerlilien beim Vertrocknen zusehen kann, hat er wenig gemein. Man hört Mädchenkichern und Getuschel. Ein Junge mit dunklen Augen, schwarzem Haar und schwarzem Kapuzenshirt sagt, er sei 13, heiße Bojan und sei öfter hier. - "Was heißt öfter?" - "Eigentlich jeden Tag." - Weshalb? - Weil ihn zu Hause sein Bruder nervt, sagt er, weil er hier Hausaufgaben macht und weil er gerne liest. Am liebsten lese er "Fantasy", weil ihn das in eine andere Welt fort trägt. Er mag alles, was zu Vorstellungen reizt, die sehr, sehr unwahrscheinlich sind. - Ob die Bibliothek ihn zur Fantasyliteratur gebracht habe? Bojan meint, er wisse es nicht, weil er nachmittags hier her komme, um Freunde zu treffen und Hausaufgaben zu erledigen, seit er zur Schule geht. Er hätte sozusagen hier Lesen gelernt.

Zwischen den Regalen stehen hier Tische. An manchen tummeln sich Grüppchen, die tatsächlich unter Aufsicht ehrenamtlich tätiger Erwachsener Matheaufgaben lösen, an anderen sind PCs aufgestellt. Die PC-Plätze sind alle besetzt. An einem sitzt eine Freundin von Bojan, die augenblicklich keine Zeit für ihn hat. Sie hat Kajal-geränderte Augen und einen Goldreif im Haar, ihre schmalen Hände fliegen über die Tastatur: "Kannst du Burak für mich anrufen?", wirft sie in rosa Buchstaben auf den Bildschirm. Zwei Herzchen erscheinen daneben. "Sie chattet", klärt die Bibliothekarin auf, und das Mädchen nickt. -"Mit wem?" - "Mit einer Freundin." "Die weit weg wohnt?" - "Nein", sagt sie. Die Freundin ginge in ihre Klasse, und manchmal auch in die Bibliothek. Nur jetzt, im Moment, sei sie nicht da. Und wenn eine von ihnen gerade nicht anwesend sei, dann chatteten sie. Ein anderes Mädchen an einem anderen Computer erzählt, ihre Eltern seien vor kurzem umgezogen, in einen anderen Bezirk: Reinickendorf. Seither kommt sie an Nachmittagen mit der U-Bahn hier her. Wegen der Freundinnen.

Die ernste Bibliothekarin muss noch eben einem 14 jährigen türkischer Herkunft ein Buch für eine "Buchvorstellung" im Deutschunterricht heraussuchen, das "eine angemessene Qualität" haben soll, wie der Junge mehrmals betont, dann nimmt sie sich Zeit und erzählt: Seit 1976 ist sie Bibliothekarin im Wedding. Bis 1996 hat sie eine Bücherei für Kinder und Erwachsene betreut, seit 1996 arbeitet sie in der Jerusalem- Jugendbibliothek. Was sich seither verändert hat? "In den siebziger und achtziger Jahren waren Abenteuerromane der Renner", sagt sie. Das sei jetzt out. Ob die Jugendlichen weniger lesen? Nein. Nur eben keine Abenteuer mehr. Die gesamte Jugendliteratur, in der Kinder schlau wie Erwachsene sind, Detektive Verbrecher stellen, Höhlen und Pyramiden erkundet werden - all das sei aus der Mode geraten. Heute gilt: Je phantastischer, desto besser. Je entrückter einer halbwegs realen Welt, desto beliebter. Zugleich seien Sachbücher für Jugendlich sehr viel geworden und würden gleichermaßen nachgefragt, Liebesromane gingen immer. Zwar gebe es heute viel mehr Videos, DVDs und CD-Roms - und die würden auch ausgeliehen. Hauptsächlich aber fragten die Jugendlichen nach Büchern.

Bojan kommt an den Tisch, will etwas wissen und wird auf später vertröstet. Die Bibliothekarin überlegt einen Augenblick und sagt: "Es gibt doch Wesentliches, das sich verändert hat." Zum einen hätten sie früher ihre Bestände selbst ausgewählt - heute übernähme das der Buchhandel. Zum anderen habe sich ihre Tätigkeit gewandelt. Früher bestellten sie Bücher, berieten, betreuten und organisierten den Verleih. Heute tun die Bibliothekarinnen viel mehr. "Die Jugendlichen lesen zwar", erklärt sie. Aber das sei keine Selbstverständlichkeit mehr. Fast jeden Vormittag laden sie Kindergartengruppen und Schulklassen ein, um das Lesen zu üben. Nicht nur das Entziffern der Buchstaben - auch das Erzeugen von Bildern zum Text und das Erinnern der Geschichten. Die Bibliothekare lassen lesen und das Gelesene nachspielen. Oder sie lassen es zeichnen. Sie organisieren die Hausaufgabenbetreuung in der Bücherei und dass Cyril den "Kleinen" an Donnerstagen Geschichten erzählt.

Von einem Angebot, zwischen Zimmerlilien und stummen Regalen Bücher zu entleihen, ist die Bibliothek zu einer umfassenden Bildungsinstanz geworden. Zum sozialen Ort, der vieles verbindet - auch Chatten und Playstationspiele. Auch dass Arzu, Esra und Lea auf einem der Tische sitzen, plaudern und mit den Beinen baumeln. Natürlich mahnt die Bibliothekarin irgendwann, dass Ballerspiele verboten seien und dass die Stühle bitte wieder ordentlich an den Tisch gestellt werden sollen. Bojan räumt, wie ihm geheißen, seinen Stuhl wieder auf und erzählt nebenbei, dass er vor einigen Tagen eine Empfehlung bekommen hat, von der Realschule auf das Gymnasium zu wechseln.

Es ist gleich 18 Uhr, die Computer werden herunter gefahren. Die Bibliothekarin wird gleich die Kissen auf dem halbrunden Sofa zurechtrücken und das Neonlicht löschen. Die Chatterin mit dem Goldreif im Haar springt die Treppen hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Vielleicht trifft sie Burak heute noch.

Die Jerusalembibliothek wird wegen kommunaler Sparmaßnahmen voraussichtlich im März 2008 ihren Standort aufgeben. Die Jugendbibliothek wird in eine "Erwachsenenbibliothek" integriert und der Bestand von 38.000 Medien um etwa 5.000 reduziert. Die Bibliothekare wollen versuchen, trotz beengten Raums, das pädagogische Angebot aufrechtzuerhalten.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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