Chips im Hirn und in der Hand: Politik-Tipps für uns Cyborgs

Kolumne Seit kurzem verpflanzt Elon Musk Computerchips in menschliche Gehirne. Hier schaudert es vielen: Was heißt das für uns, wenn wir zu Cyborgs werden? Doch wichtiger ist: Wir sind es längst
Man muss nicht gleich zum Roboter werden, das Smartphone reicht für die Einordnung als Cyborg völlig aus
Man muss nicht gleich zum Roboter werden, das Smartphone reicht für die Einordnung als Cyborg völlig aus

Foto: Leon Neal/Getty Images

Seit kurzem leben Cyborgs unter uns. So richtig, ganz traditionelle Chip-im-Hirn-Cyborgs. Die Zukunft ist hier, diesmal wirklich!

Im Januar verpflanzte Elon Musks Firma Neuralink einen solchen Chip in das Hirn des querschnittsgelähmten Noland Arbaugh, der daraufhin allein Kraft seiner Gedanken seine Lieblingsspiele auf dem Computer zocken konnte. Ein Video davon ging damals rasch viral, es ist auch wirklich zutiefst rührend. In einem Blogpost verkündete das Unternehmen letzten Mittwoch nun, dass der Chip inzwischen wohl nicht mehr funktioniert. Glücklicherweise geht es Arbaugh allem Anschein nach gut geht und er keinen Schaden davongetragen. Das ist nicht selbstverständlich, ist Elon Musk doch nicht für Vorsicht gegenüber seinen Mitmenschen bekannt.

Am stärksten enttäuscht sind wahrscheinlich eher die Science-Fiction-Fans: Nun gibt es wohl vorerst doch keine Cyborgs mehr – könnte man denken.

Das Smartphone macht uns zu Cyborgs

Ich selbst bin mir da nicht sicher. Eines stimmt definitiv: Wenn wir über Chips im Hirn oder Herumgebastel an unserem Erbgut nachdenken, läuft es uns häufig kalt den Rücken runter – und absolut zurecht. Denn wenn der Mensch zum Designobjekt wird, wirft das ethische Fragen auf. Zu was wollen wir uns machen? Wollen wir stärker werden, klüger sein oder empathischer? Okay, was ist Stärke, was Klugheit und was Empathie? Warten wir, bis die Philosoph:innen eine Lösung gefunden haben, oder lassen wir den Markt eine Antwort auf diese Lösungen finden? Fragen über Fragen, jede ist wichtig, keine leicht zu lösen und es sollte jedem hier tiefe Angst einjagen, dass wir einen Teil der Antworten dem tendenziell rechtsextremen Verschwörungstheoretiker Elon Musk überlassen.

Doch eine weitere Frage stellt sich: Muss es überhaupt so weit kommen, bis wir uns Sorgen machen sollten? Mir persönlich hat sich nie vollständig erschlossen, wieso die Hautgrenze eine solch magische Barriere darstellt, wenn wir über sogenanntes Human Enhancement nachdenken. Spitzer formuliert: Was konkret ist der Unterschied zwischen einem Chip im Hirn und einem Chip in der Hand (in meinem Smartphone)? Die Antwort ist: Es gibt kaum einen. Wir sind längst Cyborgs.

Natürlich, der Chip im Hirn ist irgendwie Teil des eigenen Körpers, aber, wenn man mal ehrlich ist, das sind unsere Smartphones auch. Viele kennen das Phantom Vibration Syndrome, wenn man ähnlich wie Phantomschmerzen in einem amputierten Körperteil die Vibration des Handys in der Tasche spürt, obwohl gerade der Akku leer ist oder es in einem anderen Zimmer liegt. Die Vorstellung, ohne das Handy unterwegs zu sein, löst in manchen Menschen Nomophobie (No-Mobile-Phone-Phobie) aus. Und warum auch nicht: Ohne Smartphone in der Tasche kann man heutzutage kaum einen Bus nehmen, ohne Google Maps sich kaum orientieren und ist man mal unangekündigt fünf Stunden nicht erreichbar, fangen Freunde und Familie sich an, sich Sorgen zu machen.

Ethische Fragen nicht Elon Musk überlassen

Ohne Smartphone wären wir abgeschnitten, ja, amputiert. Wie ein zusätzliches Sinnesorgan und Körperteil ermöglicht es uns das Sehen und Durchqueren des digitalen Raums. Es ist Teil von uns geworden und ich persönlich wüsste nicht mehr, wie ich ohne auskommen soll. Wir sind Cyborgs in einer Cyborgwelt, ohne dass jemals eine Elektrode in unser Hirn gepflanzt wurde

Das soll niemandem die berechtigte Sorge vor Elon Musks Chips im Hirn nehmen. Im Gegenteil, es soll diese Sorge auf unsere Alltagstechnologien übertragen. Bevor man sich einen kleinen Computer ins Hirn pflanzt, ein Körperteil maschinisch verstärkt oder gar ersetzt, würde man sich sehr gründlich fragen: Zu was macht mich dieser technologische Zusatz? Welche Art von Cyborg möchte ich, möchten wir sein?

Unabhängig der Antwort auf diese Frage möchte man sie wahrscheinlich nicht Elon Musk oder irgendeine andere Einzelperson oder „dem Markt“ überlassen. Das würde man gerne für sich selbst entscheiden, individuell wo möglich, demokratisch wo nötig. Und dafür müsste man den Tech-Mogulen und Plattformbesitzern, Gadgetproduzenten und Silicon-Valley-Milliardären ihre Macht wegnehmen. Das bedeutet es, Politik für Cyborgs zu machen.

Maschinentext

Titus Blome beschäftigt sich in seiner Kolumne Maschinentext mit neuen Technologien.

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