Eine kleine Erinnerung an Georg Schramm

Meister Yodas Ende Ein schmerzlich Vermisster und seine kabarettistische Konklusion in „Meister Yodas Ende“
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„Politik machen Interessenverbände, die die Fäden ziehen, an denen politische Hampelmänner hängen, die uns dann auf der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen dürfen. Diese Politfiguren dürfen in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn sie da ihre intellektuelle Notdurft verrichtet haben und es tröpfelt nach, dann können sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne auch noch unters Volk mischen.“ (Eine kürzere Überschrift ist aus Gründen der tiefen Wahrheit dieser geradezu zeitlosen Beobachtung Georg Schramms leider nicht möglich.)

Über die Zweckentfremdung der Demenz

Georg Schramm. Oder: Georg Schramm! Oder auch: Georg Schramm… Ob als Statement mit Punkt, als Imperativ oder mit – eine gewisse Unbeschreibbarkeit signalisierenden – Auslassungszeichen: diesen Namen umflort auch noch im der Erinnerung das Besondere, stellenweise unter Fans auch gern Ehrfürchtige. Dieser Georg Schramm wurde, so wie sein väterlicher Freund Dieter Hildebrandt es auch war, schon zu Lebzeiten eine Kabarett-Legende. Sein pünktlicher Antritt als Rentner Ende Dezember 2013 beförderte freilich diese Verklärung. Eine Verklärung, die, genauer betrachtet, prinzipiell natürlich keine ist.

Für die Welle der Weihen kann der Geehrte zunächst freilich genauso viel wie gar nichts. Einem auffallend bescheidenen und nüchtern geerdeten Mann wie Georg Schramm bedeuteten Ruhm und Applaus vermutlich wenig mehr als die notwendige Bestätigung des eigenen Schaffens und, zu aktiven Zeiten, den Ausblick auf eine halbwegs planbare Existenz. Wie er selbst sagt, hätte er sich niemals diese Karriere vorstellen können. Andererseits ist er natürlich hierfür vollumfänglich zur Rechenschaft zu ziehen: Für seine unverschämte Reifung vom es zwar stets treffend auf den Punkt bringenden Orchesterpauker zum Dirigenten des eigenen Ensembles. Namhafte Komponisten lieferten das immer virtuose Material: Dombrowski, Sanftleben, August, um nur einige von den drei wichtigsten zu nennen. Wäre Schramms Kabarett gerühmter Mainstream gewesen, so hätte es diese Figuren wohl als Merchandising-Plastikfigürchen und zum Ausmalen an der Aldi-Kasse gegeben.

Georg Schramms Selbst-Entlassung 2006 aus dem einst so ruhmreichen „Scheibenwischer“ von Dieter Hildebrandt wurde quasi als Start- und Befreiungsschuss für seine weitere, bemerkenswerte Entwicklung. Dafür, dass er nach dem Abschied Hildebrandts 2003 als nachfolgender Chef der Sendung überhaupt so lange mit solch erbärmlichen Staats“kabarett“-Witzfiguren wie Mathias Richling und Bruno Jonas zusammenarbeitete, zeigt eine bemerkenswerte Leidensfähigkeit und vor allem die große Verbundenheit mit dem Erbe Hildebrandts. Seine Rolle als Patientensprecher Dombrowski in „Neues aus der Anstalt“ mit Urban Priol bleibt unvergessen. So wie überhaupt dieses neue Format mit einem weit hörbaren Ausatmen der Erlösung eine lange, bleierne, kaum auszuhaltende Zeit ohne relevantes politisches TV-Kabarett in diesem Land beendete. Dafür noch nachträglich ein tausendfaches Danke an beide Protagonisten! Ein Markenzeichen Georg Schramms war, dass er immer wieder, fast unbemerkt, auch Erkenntnisse aus dem „Tiefen Staat“ in seinen Dombrowski streute, also unerhört Verstörendes aus dem extremsten (Rechts-)Dreck der geheimen Verflechtungen von Politik, Wirtschaft, Militär, Geheimdiensten und den verschiedensten Behörden eines Landes.

„Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz“ war der Schlussakkord Georg Schramms und ein durch und durch wuchtig-würdiges Vermächtnis. Dieser Titel ist hier freilich, man kennt es von Buch- und Filmtiteln, kein wirklicher Hinweis auf den Inhalt, sondern allenfalls eine ablenkende Biopsie desselben.

In diesem Programm setzte Schramm seinen Figuren fast zärtlich eine Krone auf, indem er ihre einfältige (Drucker August), nörgelnd rebellische (Dombrowski) und nur beschwipst auszuhaltende (Sanftleben) Unerlöstheit in eine derartige Unerträglichkeit treibt, die sich emotional eigentlich nur noch auf der Straße erlösen kann. Eigentlich. Denn dies ist die Kippachse: Depression, Agonie, Lähmung oder Kampf und Umsturz. Eigentlich. Schramm lässt nämlich beide Aggregatzustände virtuos miteinander verschmelzen. Und die Kraft, die jedem Umsturzgedanken eigen ist, im Innen wie im Außen, wird so – und nur so – zur authentischen Frucht eines realistischen Widerstands. Das Komödiantische ist hier – ganz Schramm – immer nur der Lockvogel und weniger das eigene und weitergegebene Therapeutikum. Schramm erwies sich in diesem Programm mehr denn je vorher als der gnadenlose Aufwiegler, der immer beide Eingänge gleichzeitig benutzt: die Vorder- und die Hintertür.

Diese Zeit schreit nach Kabarettisten wie diesen Georg Schramm oder Volker Pispers, in denen ein Urban Priol seine kleinen, liebevoll gepflegten Ressentiments gegenüber Russland und Putin in seine Jahresende-TILT’s einbaut und die „Anstalt“-Könner seit 2014 kein heißes geopolitisches Thema mehr angefasst und die Grundrechteaushebelung der Corona-Maßnahmen peinlich verschlafen haben. Das war mal anders.

https://www.youtube.com/watch?v=0rEv1qu4hyo

11:13 18.02.2021
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