Ey, Leute, forget it

Aufstehen Wie geht es denn wohl der linken Sammlungsbewegung von neulich? Wir besuchen ein Treffen in Dortmund

Man kann ja bloß raten oder eben verächtlich daherreden, warum es mit „Aufstehen“, der linken Sammlungsbewegung, die Sahra Wagenknecht im September vergangenen Jahres prominent aus der Taufe gehoben hatte, dann am Ende doch nicht so richtig was geworden ist – oder, um es vorläufiger zu sagen, warum es in den letzten Monaten nach einem doch irgendwie verheißungsvollen Beginn immer ruhiger geworden war um dieses „Aufstehen“. Binnen weniger Tage, das sollte man nicht vergessen, hatten sich da rund 100.000 Interessierte auf der Homepage der Bewegung registriert und damit zumindest vages Interesse bekundet.

Als Vorbild galten Kampagnen wie „The People for Bernie Sanders“ oder „La France Insoumise“ des französischen Sozialisten Jean-Luc Mélenchon – die bestimmenden Themen waren auch hier soziale Gerechtigkeit, ökologische Wende und Friedenspolitik. Mittlerweile sollen es gar 170.000 registrierte „Unterstützer“ sein, aber irgendwie war von dem Ziel, urlinke Themen wieder massiv in den Diskurs pumpen zu können, bald nicht mehr viel übrig geblieben.

Die Kritiker der ersten Stunde überraschte das Abebben des Engagements nur wenig oder sie freuten sich heimlich darüber, den Hoffnungsfrohen hingegen schwand bald jede Zuversicht – und diejenigen, die vor allem Sahra Wagenknecht schon immer für eine Gefahr, mindestens aber für eine Blenderin gehalten hatten, erhielten endlich Satisfaktion. Überdies hatten ganz andere Ereignisse, die instantanen Proteste der „Gilets Jaunes“, letztlich jedes verbliebene Interesse an „Aufstehen“ erstickt.

Bei den französischen Nachbarn brauchte es für die Artikulierung von Missstand nicht die Gründung eines recht undurchsichtig organisierten „eingetragenen Trägervereins“, sondern dort zog man sich eine Warnweste an und ging mit der entsprechenden Wucht auf die Straße. Das Einzige, was man über „Aufstehen“ zuletzt mitbekam, waren die immer verbissener geführten Streitereien der Unterstützer, die fragten, wie es nun weitergehen und wie man sich denn organisieren und das System zum Umstürzen bringen würde.

Trägheit des Trägervereins

Selbst der friedliebende Gregor Gysi erklärte die Bewegung öffentlich für „politisch tot“, was dann einen Brandbrief gegen seine Person zur Folge hatte, der mittlerweile auf der Startseite von „Aufstehen“ einzusehen ist. Da heißt es: „Wir haben (…) noch die Kraft, zu demonstrieren, auch wenn Herr Gysi so was keine Chance gibt. Uns wundert es nicht, dass Herr Gysi die unteren Schichten, die sich bei AUFSTEHEN gesammelt haben, nicht unterstützt. Herr Gysi gehört eben auch zur deutschen Mittelschicht, ähnlich wie Herr Merz, die die Unterschicht nicht unterstützen.“

Um aber noch einmal zu retten, was noch zu retten ist, vor allem aber gegen jede Wahrscheinlichkeit der Aufmerksamkeitsökonomie, sollte am vergangenen Wochenende mit einer Veranstaltung in Dortmund noch einmal frischer Wind in die Segel kommen. Gründungsmitglied Marco Bülow – Teil des irgendwie auch nicht ganz nachvollziehbaren „vorläufigen Vorstands“–, der im November letzten Jahres wegen der „Visions- und Haltungslosigkeit“ seiner Partei die SPD verlassen hatte und seither fraktionslos im Bundestag sitzt, hatte zu einem „Aktionscampus“ geladen.

Aufgerufen dazu waren überhaupt zum ersten Mal Vertreter und Gesandte der Basisgruppen aus dem ganzen Bundesgebiet. Nicht nur sollten sich jetzt, ein halbes Jahr nach Gründung, die Menschen tatsächlich mal kennenlernen, auch hatte man die Notwendigkeit erkannt, als Bewegung aktiv zu werden – in der Pressemitteilung hieß es, dass mit dem heutigen Tag die Vernetzung beginnen und ein neuer Hashtag gestartet werden würde. Nach dem Vorbild des durch den Freitag initiierten #unten sollte fortan in den sozialen Medien darüber diskutiert werden, was #Würdeist.

Eingeladen zur Mittagszeit hatten Bülow und seine Mitstreiter in das etwas seltsam, aber einladend klingende BierCaféWest, einen groben, unprätentiösen Versammlungsort im Hinterhof einer Arbeiterwohlfahrt-Zentrale am Rande der Dortmunder Innenstadt. Man muss sich diesen Ort als das maximal Andere vorstellen, so maximal anders, wie die Lebenswelten von, sagen wir mal, Fließbandarbeitern und Hauptstadtjournalisten ausfallen dürften.

Nicht zuletzt diese unausgesprochene Barrierefreiheit des BierCaféWest hatte dafür gesorgt, dass tatsächlich viele Vertreter der Basisgruppen gekommen waren – es war laut und voll, mit Filzstift auf Kreppband hatten sich die Teilnehmer ihre Vornamen auf die Kleidung geklebt, um auch die Hürden des Kennenlernens niedrig zu halten. Auf einem Informationszettel, der auf den 150 Holzstühlen auslag, war der bisherige Unmut über den Zustand der Bewegung noch einmal in mindestens Arial 14 festgehalten: „Es ist eine unverzeihliche Belastung für ,Aufstehen‘ “, stand dort zu lesen, „dass zumindest einige von denen, die Führungsaufgaben für sich reklamiert haben, in weiten Teilen nicht nur versagt haben, sondern die Basis sogar aktiv oder durch Untätigkeit boykottieren.“

Auf dem Zettel außerdem eine saubere Liste der gröbsten Fehler, die vor allem auf Versäumnisse seitens des Trägervereins verwiesen – auf diesen Verein, dessen Mitglied Sahra Wagenknecht offiziell nicht ist, ist hier niemand gut zu sprechen. Viel ist da die Rede von Missgeschicken, unangekündigten Gruppen-Schließungen bei Facebook, nicht herausgegebenen E-Mail-Adressen, vergessenen Mailings, ausbleibenden Mobilisierungen, verschlampten Homepage-Aktualisierungen. Das Problem besteht anscheinend in der Trägheit des Trägervereins.

Um dieser Trägheit etwas entgegenzusetzen, um der Bewegung neuen, vor allem basisdemokratischen Schwung mitzugeben, waren sie also gekommen, mehrheitlich Männer und Frauen zwischen 40 und 60, manche mit BVB-Mützchen, einige in neongelben, mit „Aufstehen“-Logo beflockten Westen, ein paar gar schon in Faschingskostümen – jeder für sich aber unübersehbar hochmotiviert und von dem Willen getrieben, dem Unmut Luft zu machen, gleichsam hier und jetzt endlich mit irgendwas anzufangen.

Warum man so ein Treffen indes „Campus“ nennen muss, bleibt fraglich – die allermeisten Teilnehmer hier haben ja eher nie eine Universität besucht und dürften, was zu begrüßen ist, auch kein Studium der Geisteswissenschaften abgeschlossen haben. Dafür aber ist hier, anders als in jedem Germanistik-Proseminar, eine grenzenlose Mitmachbereitschaft zu bestaunen, ein Engagement, eine Leidenschaft und eine Lust zur aktiven Teilnahme, die nur vital und wahrhaftig zu nennen ist.

Keine Netzwerker, nirgends

Der Liedermacher Prinz Chaos II alias Florian Ernst Kirner trug auf seiner Laute gleich zu Beginn ein selbst gedichtetes Klassenkampflied vor – gemeinsam mit Konstantin Wecker veröffentlichte Kirner 2013 den Aufruf zur Revolte, kämpfte zuletzt im Hambacher Forst und unterstützte „Aufstehen“ von Beginn an. Hier sang er zur Einstimmung ein Lied über die Abgehängten, die sich nun zum gemeinsamen Kampf versammeln: „Ob dich Finanzierungslücken oder Abstiegsängste drücken / Nur zusammen wird es geh’n.“ Und: „Wir sind viele, sind Millionen / D’rum wird unser Kampf sich lohnen / Nur zusammen wird es geh’n.“ In seiner anschließenden Ansprache antwortet er auf die Frage, wie denn eine Systemveränderung möglich sei: „Können wir zentralistisch eine bessere Welt bauen? Ey, Leute, forget it!“ Applaus!

Dann trat Marco Bülow ans Mikrofon –Ausstrahlung und Erscheinung schwankten zwischen unerschöpflichem Kampfgeist und ihm in den Leib eingeschriebener Resignation: „Liebe Aufständische“, richtete er das Wort an diesen bunten Haufen im Publikum, nun müsse man sich die Themenhoheit zurückholen, „Aufstehen“ zu einer basisdemokratischen Mitmachkampagne machen, die Menschen seien nicht politik-, sondern nur parteienmüde.

Immer wieder großer Applaus, dann Erregung im Publikum, der eine wollte dies, der andere jenes wissen. Angst, öffentlich frei zu sprechen, hatte hier niemand. Jochen, um die 60 und mit schräg auf dem Haupt sitzender BVB-Mütze, stand auf und wandte sich ans Publikum – „Aufstehen“ müsse uns Menschen zu Wort kommen und entscheiden lassen, er sagte: „Die Rätedemokratie ist 1919 nur daran gescheitert, dass es noch kein Internet gab.“ Und dann lachten alle über diese gelungene Pointe, und für einen Moment konnte man tatsächlich die Schönheit dessen ahnen, wie es sich einmal angefühlt haben muss, Revolution zu machen.

Doch leider ahnte man auch, woran linke Bewegungen immer wieder so unerbittlich scheitern – meist nämlich und immer wieder überraschend neu an sich selbst. So konnte man vor dieser Veranstaltung, die den Aufbruch beschwören wollte, auf ultra-linken, fast stalinistisch anmutenden Seiten übelste Kritik gegen Marco Bülow lesen. Da hieß es unter anderem: „Als Mitglied der politischen Klasse hat Bülow die Agenda 2010 mitzuverantworten. Solche elitären Politikkader gehören nicht in die erste Reihe von ,Aufstehen‘ “, was jeden Dialog natürlich verkompliziert. Für die SPD war Bülow ein linker Systemsprenger, für andere „Linke“ ist Bülow ein Neoliberaler.

Zusätzlich verkompliziert wird alles durch undurchsichtige Strukturen, Machtspielchen, wechselnde und unklare Zuständigkeiten sowie durch die Tatsache, dass hier im echten Klassenkampf keine Organisationsprofis und Netzwerker am Ruder sind, sondern Menschen, die beim Versuch, die Dinge zum Besseren zu wenden, immer wieder an eigene Grenzen stoßen. Es fehlt ihnen keinesfalls an Mut und Motivation, nur scheinen sie alle sich so aufzureiben in Fragen der Selbstorganisation, dass sich diejenigen, die etwas von ihnen zu befürchten hätten, vermutlich die Hände reiben, dass der Aufstand gegen sie so verlässlich scheitert. Vermutlich liegt hier auch die Resilienz des Systems begründet – diese Menschen sind keine Netzwerker, ihnen bleibt nur der Mut der Aussichtslosigkeit. Und dieser ist leicht zu brechen. Es reicht schon, einfach nur abzuwarten.

06:00 02.03.2019
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, in Lagos geborener Autor und Musiker, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta
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