Herr der Esel

Verkaufsguru Dirk Kreuter füllt mit seinen Workshops Hallen. Wonach sucht sein Publikum?

Neulich träumte ich von den Malediven. Ich träumte, wie ich mit einer wunderschönen Frau im Arm auf dem Rücken eines Pferdes die Sandstrände entlang in den Sonnenuntergang ritt, ich träumte von nie versiegenden Geldströmen und grenzenloser finanzieller Unabhängigkeit.

Mit diesem Traum bin ich nicht allein. Es ist auch der Traum derer, die Rat suchen bei Erfolgscoach Dirk Kreuter. Zu Tausenden besuchen sie seine Seminare, schauen seine Videos und lesen seine Bücher. Er lebt ihnen vor, wie ein vollendetes Dasein aussieht. Was in Kreuters Fall vor allem heißt: schnelle Autos, schöne Frauen, Malediven, Dolce Vita. Um diesem Traum auf die Spur zu kommen, beschließe ich nach Hildesheim zu fahren. In einer Mehrzweckhalle am Stadtrand, mitten im Industriegebiet, lädt Dirk Kreuter zwei Tage lang zu seinem Motivationsworkshop ein, „Vertriebsoffensive“ nennt sich der. Gut 1.500 Menschen werden kommen, um von ihm zu erfahren, wie man erfolgreich verkauft. Denn eigentlich ist Kreuter Verkaufstrainer, das heißt, er erklärt Vertrieblern, wie sie neue Kunden akquirieren und ihren Umsatz steigern, kurz: wie sie richtig Kohle machen. „Fette Beute“ heißt das bei ihm, es ist sein Marken-Claim, den er auf seinen Seminaren allen Videos und Wortmeldungen folgen lässt. „Und jetzt wünsche ich euch fette Beute!“, sagt er dann und reckt den Daumen in die Höhe.

Bekannt wurde Kreuter mit Titeln wie Umsatz extrem – Verkaufen im Grenzbereich. Heute erklärt er den Menschen, wie sie insgesamt erfolgreich werden: im Job, in der Liebe, im Allgemeinen. Dabei gilt vor allem die Devise: nicht auf das Glück warten, sich nehmen, was man will. Kreuters Motto: „Niemand erinnert sich später an den Typen, der es nur versucht hat.“

Für Kreuter ist das ganze Leben ein Verkaufsgespräch. Life is a sales talk. Dazu braucht es das richtige Mindset. Der Begriff fällt immer und überall: Mindset! Wer Erfolg will, muss bereit sein durchzuhalten, nie aufzugeben. Ellenbogen raus und links blinken: „Sei dir bewusst, dass du die einzige Person bist, die für deinen persönlichen Erfolg verantwortlich ist.“ Den Letzten beißen die Hunde, könnte man auch sagen.

Bei Youtube finden sich 11.300 Einträge zu Dirk Kreuter, schnell gerät man beim Schauen in einen Rausch. Kreuter sendet Botschaften oft aus seinem Porsche oder von den Malediven. Einmal läuft er mit Selfie-Stick am Strand entlang, ein andermal sitzt er auf einem Bootssteg vor türkisblauem Wasser und erzählt Geschichten von erfolgreichen Menschen, wie etwa die von dem Schuhverkäufer, der in Afrika das große Geschäft machte, als er erkannte, dass dort jeder (noch) barfuß herumläuft.

Es ist ein sehr eigener Kosmos, der sich da im Internet austobt. Bevölkert von Coaches und Motivationstrainern, die einem erklären, wie man vorankommt – Persönlichkeitsentwicklung heißt das. In dieser Szene ist Kreuter eine zentrale Figur, gerade weil er so ein Normalo ist. Ein grundsolider Vertriebler, gerade 50 geworden. Einer, mit dem sich viele identifizieren können.

Am Telefon hat er mir erzählt, wie alles anfing: Nach der Realschule hatte er keinen Bock mehr, stattdessen jobbte er erst in einer Fabrik und machte anschließend eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Dann kam der Sport, Triathlet wollte er werden. Kurze Zeit war er Profi, doch mit 23 Jahren platzt der Traum, und statt in teurer Sportlerkluft zu rennen, zu schwimmen und zu radeln, arbeitete er für seinen ehemaligen Sponsor im Außendienst und wurde Schritt für Schritt zum Verkaufsprofi. Schlussendlich machte er sich selbstständig. Seit anderthalb Jahren knallt das Ganze durch die Decke.

In den USA ist das Personal Coaching schon lange ein Renner. Dort beackern schillernde Gestalten wie Tony Robbins oder der Scientology-Guru Grant Cardone das Business – die Titel ihrer Videos klingen rücksichtsloser als in Deutschland: Why you are poor oder This is why you don’t succeed!.

Stimmung machen, Gas geben

Kreuter berichtet derart bereitwillig von seinem Werdegang und seinen Überzeugungen, dass ich nicht anders kann, als ihn sympathisch zu finden. Dieser Mann führt nichts im Schilde, denke ich. Aber Vorsicht, schließlich ist er der beste Verkäufer des Landes. Nach dem Telefonat bin ich froh, nicht nebenbei etwas gekauft zu haben.

Der Laden läuft derart gut, dass er sein aktuelles Buch Entscheidung: Erfolg kostenlos hergibt. Gestaltet ist es wie die Bundestagskampagne der FDP: zackig, knallig. Dem Buch liegt eine Merkkarte mit mantrischen Sätzen bei: „Ich bin stark. Ich bin besessen. Ich bin nie zufrieden. Ich weigere mich, aufzugeben. Ich kontrolliere mein Schicksal.“

Auf Christian Lindners Denken-wir-neu-Plakaten gab es eine Liste mit ähnlichen Sätzen: „Warte nicht, bis du gefragt wirst. Warte nicht auf Erlaubnis. Warte nicht, bis du angerufen wirst. Warte nicht, bis du dran bist.“ Wahrscheinlich hat Lindner es bei Kreuter abgeschrieben, denn der hat den Satz auch drauf: „Warte nicht auf das, was übrig bleibt. Hol dir das, was du haben willst. Es ist genug von allem da, wenn du anfängst zu jagen, statt zu sammeln.“

Kreuters „Vertriebsoffensive“ dient dabei nicht wirklich zum sinnvollen Training, sie ist vielmehr eine gigantische Werbeveranstaltung für sein eigentliches Produkt – Folgeseminare im kleinen Kreis. Die große Show, wie hier in Hildesheim, soll ihn im Gespräch halten, schöne Bilder produzieren und eine Art Kult entwickeln. Die künftigen Kunden sitzen im Publikum.

Ausgesprochen homogen und deutsch geht es hier zu. Zu 75 Prozent mehrheitlich jungen Männern in Karohemd und Sakko gesellen sich 25 Prozent Frauen im Businesslook. In der Halle knallt schon vor Beginn Partymusik aus den Boxen. Überall wurschteln Mitarbeiter in Kreuter-Uniform herum und erfüllen ihre Aufgaben: Fotos posten, Videos streamen, Stimmung machen, Gas geben. Die positive Energie ist mit Händen zu greifen. Es macht nicht den Eindruck, als würde hier jemand ungern arbeiten. Es folgt ein zehnstündiger Vortragsmarathon. Wir lernen vor allem Verkaufsstrategien, und Verkaufen, so erfahren wir, heißt auch 2017 weiterhin: telefonieren, telefonieren, telefonieren. Merk- und Kalendersprüche hageln auf uns ein, linguistische Finten und rhetorische Gemeinplätze, die wichtigsten werden noch einmal über die Videoleinwände gejagt, so dass jeder sie abfotografieren kann. Hunderte Mobiltelefone schießen dann wie auf Kommando in die Höhe.

Die durchgehend mit Herrenwitzen garnierten Vorträge spickt Kreuter mit Szenen aus Hollywoodfilmen wie The Wolf of Wall Street oder Boiler Room. Es sind Filme über die Auswüchse im Finanzmarkt, sie zeigen, wie kleine Anleger von findigen Verkäufern übers Ohr gehauen werden. Bei Dirk Kreuter allerdings gelten sie als leuchtende Beispiele für erfolgreiches Verkaufen, nach den Clips bricht verlässlich tosender Applaus aus.

Es ist eine spezielle Sprache, die Kreuter benutzt. Alles ist „meeega“, „sehr, sehr, sehr geil“, „mega cool“ oder einfach nur: „Hammer!“ Empfiehlt er uns Bücher, dann nur aus einem Grund: „Leute, das ist richtig geiler Content.“

Bei so viel Content an einem Tag braucht es etwas Auflockerung, und so stürmt regelmäßig ein muskulöser Fitnesstrainer auf die Bühne: Dr. Ben. Für ein paar Minuten verwandelt sich die Halle in ein Sportstudio. Es wird rhythmisch geklatscht, Arme fliegen in die Luft – von hinten betrachtet schaut es aus wie eine evangelikale Messe.

Einmal holt Dirk Kreuter eine junge Dame aus dem Publikum. Sie soll die neuen Techniken des Verkaufens gleich in die Tat umsetzen. Da sie aber bei weitem keine so geübte Rhetorikerin ist wie ihr Gastgeber, gerät das Ganze recht zäh und endet in einer Sackgasse. Man merkt, Kreuter ist eben ein Vollprofi, und für die Teilnehmer wird es ein sehr, sehr, sehr weiter Weg bis zur ersten Million.

Allerdings weiß Kreuter das auch. Unter vier Augen erzählt er sehr offen, dass auch Leute zu ihm kämen, für die er beim besten Willen nichts tun könne, er scherzt: „Wenn du mir ein Rennpferd ins Training schickst, bekommst du ein Rennpferd zurück, das Rennen gewinnt. Wenn du mir einen Esel ins Training schickst, dann bekommst du einen trainierten Esel zurück.“

In Deutschland ist oft abstrakt die Rede vom hiesigen Mittelstand, der Wohlstand und Exportüberschuss erwirtschaftet. Hier kann man ihn tatsächlich einmal sehen. Lars, Britta und Thorsten zum Beispiel – der eine verkauft Einbauküchen, Britta macht irgendwas mit Augmented Reality, und Thorsten erzählt mir von einer Kälteschutztechnik bei minus 200 Grad. Jeder ist auf seine Weise stolz auf das, was er macht und erzählt gern. Sie alle wollen wirklich etwas mitnehmen hier.

Ich verlasse die „Vertriebsoffensive“ am Ende des ersten Tages und schenke mir den zweiten. Ich habe genug Content in mich aufgenommen, dass es für mehrere erfolgreiche Leben reichen sollte.

Auf der Rückfahrt im Zug klicke ich mich zur Entwöhnung noch einmal durch Kreuter-Videos. In einem besucht er den mehrfach wegen Betrugs verurteilten Unternehmer Mehmet Göker, der mit dem Verkloppen von Versicherungen in den 1990er Jahren Millionen gemacht hat. Die beiden führen ein langes Gespräch, irgendwann fängt Göker an, über seine Mitmenschen zu philosophieren: „Am meisten lernt man, Schweine von Menschen zu unterscheiden. Und die Kunst ist, es die Schweine nicht wissen zu lassen. Viel besser ist es, Schweine wie Menschen zu behandeln und zu wissen, dass sie Schweine sind, um sie im richtigen Augenblick zu schlachten.“ Dirk Kreuter nickt leicht irritiert und sagt: „Okay.“ Man merkt, das geht ihm jetzt doch zu weit. Eigentlich will er doch nur auf die Malediven.

06:00 23.12.2017
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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