Neu-Izmir in der DDR

Musik „Electri_City 2“ zeigt noch einmal, was in den 70ern jenseits von Kraftwerk aus Düsseldorf kam
Timon Karl Kaleyta | Ausgabe 33/2016 1

Kürzlich kursierte einer der besten Bildwitze des Jahres durchs Internet: Die CSU-Politiker Horst Seehofer, Joachim Herrmann und Winfried Bausback stehen im Anschluss an eine Presseerklärung zum Thema Zuwanderung und Abschiebung streng nebeneinander aufgereiht auf einer Bühne – vor ihnen drei rechteckige Pulte, an die sie sich klammern. Jemand hat dieses Foto mit dem Kommentar versehen: „Worst Kraftwerk gig ever.“

Es zeigte wieder einmal, wie sehr sich die Marke Kraftwerk ins kollektive Bewusstsein geschrieben hat. Eine minimale Pose genügt, und jeder versteht Referenz und Witz. Wenn heute irgendwo von Pionieren elektronischer Musik die Rede ist, landet das Gespräch verlässlich bei Düsseldorf und Kraftwerk, so als hätten Ralf Hütter und Florian Schneider Anfang der 70er Jahre aus dem Nichts heraus eine neue Musik erfunden. Wir kennen das Phänomen, am Ende von Geschichtsschreibung bleiben stets nur wenige Epigonen im Gedächtnis.

Man kann dies nerdig bedauern oder es machen wie Rüdiger Esch, seinerzeit selbst Musiker bei Die Krupps, der 2014 mit Electri_City – Elektronische_Musik_aus_Düsseldorf eine gefeierte Nacherzählung der Jahre von 1970 bis 1986 bei Suhrkamp herausbrachte. Begleitend erschien eine Kompilation mit 13 Songs, von DAF bis NEU!, von La Düsseldorf bis Der Plan. Nun, zwei Jahre später, folgt mit Electri_City 2 die logische Fortsetzung.

Alle Stücke eint ein naiver Fortschrittsglaube und das Changieren zwischen Virtuosentum und Dilettantismus. Eine prägnantes Beispiel dafür ist Fluss von Rheingold – hier sind bereits die Grundlagen zur Neuen Deutschen Welle gelegt, es heißt darin: „Töne fließen wie ein Strom den Fluss hinauf / Ströme steuern diesen neuen Tonverlauf.“ Geltende Regeln und Grenzen sollen überwunden werden: „Fluss, du fließt in alter Weise, durch dein programmiertes Tal / In zeitloser Deutschlandreise, so schön und überregional.“

Für heutige Ohren

Das brisanteste, mindestens aber politisch tagesaktuellste Stück der Platte ist Kebabträume von DAF: „Kebabträume in der Mauerstadt / Türk-Kültür hinter Stacheldraht / Neu-Izmir in der DDR / Atatürk der neue Herr.“ Schon als Gabi Delgado-López den Song 1979 schrieb, gab es eine mittelmäßige Kontroverse, wie denn das wohl gemeint sein könnte – schlau genug aber waren er und Deutsch Amerikanische Freundschaft schon damals, die schneidende Ironie des Texts nicht vorauseilend zu interpretieren. Es ist nicht zuletzt diese unbedingte Freiheit im Text, die die Musik jener Zeit so besonders macht.

„Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!“, skandiert das Stück weiter – es ist heute als das vorweggenommene Schreckensszenario zu Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab zu lesen, das 25 Jahre später zum bedauernswerten Bestseller wurde.

Sicher ist es kein Zufall, dass Rüdiger Esch diesen Song auf die Platte genommen hat, denn noch ein zweites Stück mit für heutige Ohren verstörendem Inhalt gibt es. In Mustafa von Topolinos singt eine Frauenstimme: „Mustafa, du Wüstenscheich / Hol uns alle in dein Reich / Führ uns alle in dein Zelt / Das ist unsre neue Welt.“ Man kann daran ablesen, wie sich heute instinktive Bedrohungs-Chiffren für etwas herausgebildet haben, das noch vor 30 Jahren eine harmlos spielerische Referenz war. Nicht nur ästhetisch, auch zeitgeschichtlich lohnt sich die Erinnerung an diese Songs.

Info

Electri_City 2 Various Artists Grönland

06:00 31.08.2016
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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