Ort der Schwebe

Soziologie Professor Sudhir Venkatesh taucht ab in die New Yorker Unterwelt
Timon Karl Kaleyta | Ausgabe 11/2015
Ort der Schwebe
Vom Rotlichtbezirk am Times Square existieren nur noch wenige Überbleibsel

Foto: Spencer Platt/Getty Images

„Die Soziologie“, sagte Pierre Bourdieu, „macht uns paradoxerweise frei, indem sie uns von der Illusion der Freiheit befreit.“ Die Illusion bestünde in der Annahme, dass der Mensch unabhängig sei in seinem Denken und Handeln, dass er erreichen kann, wonach ihm ist.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Beim Hamburger Murmann Verlag erscheint dieser Tage ein Buch, an dem Bourdieu seine Freude gehabt hätte: Floating City – Gangster, Schlepper, Callgirls und andere unglaubliche Unternehmer in New Yorks Untergrundökonomie. Als Professor für Soziologie an der Columbia University forscht der Autor Sudhir Venkatesh über Urbanität, über das, was sozialer Raum aus Menschen macht. Floating City führt uns in die Schattenwirtschaft New Yorks. Hier schlägt das Herz der Stadt, hier verbringt Venkatesh zehn Jahre als aufmerksamer Beobachter. Alle nehmen sie Teil am Spiel ums Geld, doch es gibt einen Unterschied: „Nicht erwischt zu werden, war eine Art Reichensport. Dieselbe illegale Aktivität war für die einen ein Spaß und für die anderen bitterer Ernst.“

Venkatesh skizziert die globale Stadt als einen Ort in der Schwebe, an den Schnittstellen begegnen sich die Reichen und Armen und träumen, denn hier kann jeder reüssieren, der sich schwebend über Grenzen hinwegsetzt. Vielleicht schafft das der Dealer, immerhin beliefert er die Kulturbourgoisie. Oder die Straßenzuhälterin, der es gelingt, eine der ihren mit viel Anstrengung in eine lukrative Edelprostituierte zu verwandeln. Die Callgirls aus gutem Hause haben aber einen Vorteil: „Wohlstand und das damit einhergehende Gefühl der Privilegiertheit gab diesen Frauen etwas, das in dieser Welt eine wichtige Erfolgsvoraussetzung war: Gelassenheit und ein Anspruchsdenken, das niemand erschüttern konnte.“

Wir erkennen den Mechanismus, den Bourdieu bereits in Die feinen Unterschiede als Habitus definierte: „Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist.“ Sudhir Venkatesh zeigt, wie kulturelles und soziales Kapital über Aufstieg entscheiden, wie ungleich Startbedingungen verteilt sind.

Der Autor trifft immer wieder Grenzgänger, denen es gelingt, sich über Netzwerke neue kulturelle Codes anzueignen. Wir sehen den erfolgreichen Dealer aus dem Ghetto, der seine Art zu gehen und zu sprechen anpasst, um in den weißen Bars von Midtown Fuß zu fassen. Über die aufstrebende Sexarbeiterin aus Harlem heißt es: „Wenn Carla umerzogen werden musste, dann war das nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein kultureller Kampf.“

Venkatesh ist kein großer Stilist, die Sprache bleibt simpel, und bisweilen gefällt er sich zu sehr in der Pose des unerschrockenen Chronisten. Er berichtet von den Hotspots der sozialen Kämpfe, „um zu beschreiben, wie die Unterwelt in Interaktion mit dem Mainstream die Welt der Zukunft erschafft.“ Venkatesh erzählt manchmal Erfolgsgeschichten. Vor allem aber zeigt er, auf welche Weise der Mensch in seinen sozialen Umständen gefangen ist.

Alles Illusion also. Die Illegalität ist häufig die einzige Option – wer es schaffen will, muss hart sein: „Entweder du lässt zu, dass die Mädels verprügelt werden, oder du lässt dich selbst verprügeln. Irgendjemand wird immer verprügelt.“ Moralfragen sind fehl am Platz, über eine deutsche Talkshow zum Thema Prostitution würden die Protagonisten aus Floating City herzlich lachen.

Die Soziologie kann bewusst machen, wie limitiert unsere Entscheidungsfreiheit ist, Sudhir Venkatesh will diese Erkenntnis einem breiteren Publikum eröffnen und bleibt hoffnungsfroh: „In der Schattenwelt New Yorks wurde die Zukunft geboren.“

Info

Floating City Sudhir Venkatesh Jürgen Neubauer (Übers.), Murmann 2015, 280 S., 22 €

06:00 12.03.2015
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta | Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, in Lagos geborener Autor und Musiker, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

Ausgabe 22/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare