Timon-Karl Kaleyta
Ausgabe 2214 | 29.05.2014 | 06:00 15

Vier alte Männer in engen Anzügen

Musik Kraftwerk gehört zur unkritisierbaren Elektropop-Avantgarde. Warum das ein Fehler ist, erklärt Timon-Karl Kaleyta, Kopf der gefeierten Band Susanne Blech

Wo geschlossen Einigkeit herrscht, wird es schnell langweilig. Im Falle von Kraftwerk lässt sich sagen, dass der Diskurs an sein komfortables Ende gekommen ist. Niemand mit Verstand würde noch etwas Unehrenhaftes über die Elektropop-Avantgarde aus Düsseldorf sagen, ohne sich lächerlich zu machen. Die popkulturellen Referenzen sind eindeutig, der Fall ist gelöst, die Akte geschlossen – Kraftwerk, klar, genial. So läuft das.

Um das ganze Ausmaß dieser institutionalisierten Heldenverehrung wahrnehmen zu können, muss man vielleicht – wie ich – irgendwann einmal von außen nach Düsseldorf gezogen sein. Hier zimmern sie von früh bis spät gemeinsam am Mythos. Fleißige Studenten bereiten Tagungen und Symposien vor und die Wissenschaft hat ordentlich was zu forschen. Man könnte sagen, Kraftwerk haben sich vom Musikarbeiter zum Musikarbeitgeber emporgearbeitet.

Aber meist findet man sein Lebensthema ohnehin nur zufällig. Wäre ich damals statt in Düsseldorf in Köln gelandet, würde ich vermutlich über De Höhner schreiben, wobei die beiden Bands mehr verbindet, als man denkt. Die einen sangen 1979 fröhlich Ich ben ne Räuber und erfanden damit den Karneval, während die anderen nur ein Jahr zuvor mit „Wir sind die Roboter“ schon einen Schritt weiter waren.

Aber das ist ein anderes Thema, mein Argument geht so:

Anfang 2013 gaben Kraftwerk ihre MoMA-Konzerte in der Kunstsammlung NRW und gekommen waren alle, die sich einig waren, dass man dorthin kommen müsse, inklusive mir. Vier alte Männer in engen Aufzügen machten das einzig Sinnvolle und spielten ihre uralten Songs gleich neben den Luftfeuchtigkeitsmessgeräten. Damit wirklich nichts schief gehen konnte in punkto Überwältigungsästhetik, durften die Besucher 3-D-Brillen aufsetzen und einer visuellen Übertreibung zusehen, zu der netterweise Musik lief.

Der eigentliche Scherz spielte sich abseits ab. Auf einer angeschlossenen Konferenz, auf der es natürlich(!) nichts Neues zu berichten gab, wurden noch einmal alle Thesen zur Musikarbeiterschaft, zum Gesamtkunstwerk und zum Kittler’schen Mediendeterminismus fein säuberlich wiederholt. Die Tagung plätscherte vor sich hin, als plötzlich ein Mann aufstand und sagte: „Entschuldigung, ich habe damals bei Kraftwerk gespielt und die ersten beiden Alben mit aufgenommen. Leider muss ich sagen, dass alles, was hier gesagt wurde, großer Unsinn ist.“

Das war natürlich ein Schock, doch anstatt einmal interessiert nachzufragen, wurde die Tagung schnell zu einem Ende gebracht. Die Angst, im Wissenschaftsdiskurs von der vermeintlich banalen Wirklichkeit eingeholt zu werden, stand mächtig im Raum, die Studenten schauten humorlos zu Boden. Ein erhabener Moment akademischer Überinterpretation. Wunderbar. Heute jedenfalls sind Kraftwerk endgültig dort, wo Ralf Hütter – das letzte verbliebene Gründungsmitglied – ohnehin immer hinwollte, ordnungsgemäß verwaltet im Museum. Düsseldorf hat es ihnen auf diesem Weg nicht allzu schwer gemacht. Wobei Hütter schlau genug ist, sich sämtliche Fragen zur Band zu verbitten, weiß er doch, dass er dazu längst nichts mehr beitragen kann.

Wie schrieb Rainald Goetz noch mal in Rave? „Nach acht Minuten war das schon ein Witz, das ganze blöde Kraftwerk-Konzert. Eine Zeitreise vielleicht, jedenfalls eine Tortur. (...) der Stumpfsinn und Schwachsinn der angeblichen Götter, der Väter und Gottväter dieser Musik. Kasperltheater. Scheußlich.“

Na ja, ganz so streng muss man nun auch wieder nicht sein. Willkommen im Museum.

Welt verhindern Susanne Blech Cat in the Box 2014

 

ausgabe

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/14.

Kommentare (15)

jenekken 29.05.2014 | 10:56

Zuerst würde ich gerne mal nach deinem Geburtsjahr fragen, Herr Timon-Karl Sowieso, bist du in den 70'ern aufgewachsen? Wenn nicht, dann erklärt das dein naives Unverständnis des Genreeinflusses der 'Vier alten Männer' genannt KRAFTWERK und du solltest dir den Schuh, überflüssige Kritik ausüben zu müssen schnell wieder ausziehen!

alalue 29.05.2014 | 12:13

Neue Zeiten, neue Moden: über Susanne Blech las ich erst gestern eine gute Kritik in der SZ. Daraus folgt, daß in 20 oder 30 Jahren irgendein Newcomer diese Band abqualifizieren wird: alter Schnee.

Ich war damals auch Kraftwerk-Fan, auf der Autobahn gabs immer eine gewisse Audiokasette. Habs mir nach langer Zeit wieder angehört: stellt man sich den Sound statt elektronsich von den Ob erkrainern dargeboten vor, ists nette Folklore.

So ging es mir mit vielen früher so bewunderten Bands: Pink Floyd: Atom Heart Mother war damals Kult, heute: ganz nett.

Man muß die gesellschaftlichen Hintergründe wissen, aus eigener Erfahrung natürlich besser: damals war das so gewagt, so mutig und hat anderen Mut zum Eigenen gegeben, das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Ich bin kein Musikprofi, der die Qualität eines Songs beurteilen kann, durch Klassik-Erfahrung erkenne ich allerdings die Flachheit vieler Popsongs, und der heutigen computergenerierten Musik sowieso.

Die heutigen Popmusiker haben die Vielfalt, die durch Bands wie Kraftwerk, Pink Floyd usw. ermöglicht wurde, von klein auf als selbstverständlich kennengelernt und suchen jetzt ihren Weg, dabei wissen sie das bisherige natürlich nicht so zu würdigen.

alalue 29.05.2014 | 12:18

Ich las mal eine Kritik über Theaterkritiker: es geschieht oft, daß die die Avantgarde zu ihrer Zeit als Maßstab so verinnerlichen, daß sie die neuen Entwicklungen alle nach dem beurteilen, also nicht richtig würdigen können.Damit möchte ich auf die subjektive Zeitbezogenheit bei Kulturrezeption und -beurteilungen hinweisen.

Ob und wieweit eine "objektive" Beurteilung möglich ist, da halte ich mich lieber raus.

mrs.winterbottom 29.05.2014 | 16:11

Haha, einfach großartig, vielen Dank für diesen Artikel, ich habe mich wunderbar amüsiert!

An der Reaktion einiger Kommentatoren und Kommentateusen merkt man, dass da wohl ein Nerv getroffen wurde. Kraftwerk, die Säulenheiligen des Elektro-irgendwas-Pop, sind wohl wirklich mittlerweile genau das: Vier alte Männer, die sich nicht zu schade sind, in Gottesdiensten aufzutreten, die das Establishment für sie abhält und deren Hauptrituale im gegenseitigen Schulterklopfen, im wissenden Kennernicken und im Kochen im eigenen Saft bestehen.

Na kommt, Leute, nehmts mit Humor. Ich mag auch viele Sachen von Kraftwerk nach wie vor ganz gern, und ich würde nie ihren popmusikgeschichtlichen Stellenwert bestreiten, aber es wird mal Zeit, dass sich ein paar junge Säue und Eber an der alten deutschen Eiche schubbern. Keine Angst, fürs MoMA wird es auch noch in ein paar Jahren reichen. ;)

ID:no-ID 29.05.2014 | 17:48

Ganz ihrer Meinung! Vielleicht ist diesem Timon wer, von welcher Band, Ralf Hütter, auf der Kö, über dem Weg gelaufen und ihn leider nicht als Timon von der "gefeierten" Band erkannte. Und jetzt tobbt sein Murren, er krammt ein altes Ereignis und schreibt seine Frust nieder. Verkennen dürfte man ihm nur nicht, dass auch Gotväter nicht unkritisierbar sein dürften. Dies ist aber auch nichts "Neues". Zudem lächerlich wie alters-diskrimierend sein Argument ist.

Ernstchen 29.05.2014 | 23:36

Klar. Kraftwerk fahren ihr Lebenswerk spazieren seit ca 30 Jahren. Ich nehme einmal an, sie dachten sich "Wir können etwas spezielles sehr gut, und als wir es uns ausdachten, war es neu. Wir können nichts anderes, daher wird nichts mehr das neu ist von uns kommen. Insofern bleibt uns als letzte Konsequenz nur, das Alte weiterschwingen zu lassen." Bewahrer der Schöpfung. Man mag es Museum nennen und ihm damit die Daseinsberechtigung entziehen wollen. Dann darf man aber jegliche klassische Musik nicht mehr live aufführen, wenn man ganz konsequent ist. Kraftwerk ist ein Nolstalgie-Zirkus, ja. Aber das hat seine Berechtigung und es auszulachen aus genannten Gründen, finde ich einigermaßen unangemessen.

Johannes Renault 30.05.2014 | 02:50

Die Alben bleiben mit die besten der Menschheit, ob mit Ruckzuck-Flöte oder das ganze elektrische. Leider ist seid langem nichts neues mehr gekommen. Auch waren die späteren Platten alle erstmal ein bischen peinlich um dann erst durch Anerikaner benutzt zu werden, bevor sie dann allgemein aufgelegbar wurden - und tatsächlich gemocht. Auch traf der Satz Monika Dietls "Analog gefreut, Digital bereut" nie auf diese Männer zu.

Dann gibts da auch diese Kraut-Afro-Dualitäten zwischen Kraftwerk und AfrikaBambata&Co sowie Teilen des Zapfenstreichs und Burunditrommeln. Das wär mal eine Konferenz wert.