Young Urban Performance

Synthiepop Am sechsten Album der Londoner Band Hot Chip gibt es einfach nichts auszusetzen
Timon Karl Kaleyta | Ausgabe 20/2015

Man müsste schon sehr niederträchtig und schlecht gelaunt sein, ein insgesamt schlimmer Mensch ohne Stil und Manieren, um an dem neuen Album der britischen Band Hot Chip auch nur irgendetwas kritisieren zu wollen. Ein notorischer Querulant, und wer will das schon sein?

Why Make Sense? ist ein Meisterwerk. Möglicherweise gab es noch keine umfassendere und überzeugendere Definition dessen, was moderner Synthiepop ist – in jedem Fall gibt es keine aktuellere. Viele Bands würden sicherlich genau jetzt gern genau so klingen. Von den insgesamt zehn Songs der Platte ist kein einziger zu viel oder unnötig, jeder ist bis ins kleinste Detail brillant arrangiert und so aufgeräumt wie die Dachkammer einer katholischen Ordensschwester.

Obwohl Hot Chip ihrem Stil über die nun auch schon 15 Jahre ihres Wirkens hinweg treu geblieben sind, dürfte ihr Sound nie zeitgemäßer gewesen sein als nun auf ihrem sechsten Album. Sieben Jahre nach ihrem wahrscheinlich größten Hit Ready For The Floor ist es heute endlich der endgültige Sound der Großstadt. Im Marktforschungsinstrument der Sinus-Milieus dürfte die Zielgruppe zu 100 Prozent aus Young Urban Performers bestehen. Jeder hat halt seinen Platz.

Leicht zu haben

Die Platte ist nicht bloß perfekt eingespielt und produziert, mindestens die Hälfte der Songs sind unmittelbare Hits – beispielsweise Love Is The Future, Started Right oder Dark Night, um nur mal die zu nennen, die nicht ohnehin schon als Singles ausgekoppelt wurden. Die Gesangsspuren erscheinen dezent und hintergründig gegenüber den Arrangements, die Platte fließt aus einem Guss und organisch über die volle Distanz aus den Boxen. Zu verdanken haben wir das allen voran den beiden Hauptakteuren und -sängern der Band, Alexis Taylor und Joe Goddard.

Als Grundstimmung herrscht auf Why Make Sense? eine irgendwie indifferente Glückseligkeit, sie ist sowohl Voraussetzung als auch Resultat. Es gibt keinen Grund, besonders gut gelaunt zu sein, aber die Laune ist viel zu okay, um demnächst schlecht zu werden: Der US-Comedian Louis C.K. beschrieb den emotionalen Dauerzustand der Young Urban Performers einmal als weder allzu glücklich noch allzu unglücklich, sondern als „kind of satisfied with their products“.

Hot Chip gelingt es eindrucksvoll, ihrer Musik die letzte Widerständigkeit auszutreiben – alles so schön und verführerisch, alles so leicht zu haben. Im Englischen sagt man easy to get, wenn die Eroberung einer Frau keine großen Anstrengungen erfordert. Ein Song gleichen Titels findet sich denn auch auf der Platte. Im Refrain heißt es: „Take a look in the mirror / Wipe away your regret / Look for me on the dance floor / Playing easy to get.“ So ähnlich muss sich die Schweiz anfühlen, gesichertes Einkommen, Blick auf den Genfer See.

Die Pointe wäre allerdings noch stärker, wenn gerade dieser Song nicht der größte und schönste wäre. Doch so verhält es sich nun mal mit diesem Album: Es entspricht derart präzise der zeitgemäßen Stromlinienform, dass man sich schon beim kleinsten Versuch, es zu beschädigen, schwer verletzt. Mit dieser Musik lässt sich aber keine Revolution anzetteln? Nein, nein, Why Make Sense? ist herausragend, sensationell. Punkt.

Info

Why Make Sense? Hot Chip Domino Records 2015

06:00 27.05.2015
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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