2011 - Das Jahr der Proteste und Demonstrationen

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Es ist gut möglich, dass das Jahr 2011 als das Jahr der weltweiten Proteste und Demonstrationen in die Geschichte eingehen wird. Den Anfang markierte der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich aus Perspektivlosigkeit und Enttäuschung über das damals herrschende tunesische Regime selbst öffentlich verbrannte. Diese Verzweiflungstat löste weitere Proteste unter den jungen Tunsesiern aus, sodass bereits kurz nach der Tat Massenproteste entstanden und der ehemalige tunesische Diktator Zine el-Abidine Ben Ali von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktrat und aus Tunesien floh.

Angespornt von diesen Ereignissen begann ebenfalls die ägyptische Bevölkerung zu protestieren. Wochenlang wurde der Tahrir Platz in Kairo zum Symbol der ägyptischen Protestbewegung.

Angesteckt von der arabischen Protestbewegung in Tunesien und Ägypten entstanden auch in Libyen oppositionelle Gruppierungen, die sich schnell zu revolutionären Rebellengruppen entwickelten.

Schließlich hatte der "Arabische Frühling" zur Folge, dass autoritäre Machthaber wie Zine el-Abidine Ben Ali, Husni Mubarak und Muammar al-Gaddafi vertrieben, abgelöst und gar getötet wurden.

Im Sommer dieses Jahres schwappten die Proteste auch nach Europa über, sodass in Ländern wie Spanien tausende Jugendliche auf die Straßen gingen, um gegen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit zu demonstrieren.

Im September erfasste der Geist des weltweiten Protests auch die Vereinigten Staaten von Amerika, als Tausende unter dem Dach der "Occupy Wall Street"-Bewegung das New Yorker Finanzzentrum belagerten, um ihrem Protest gegen den Kapitalismus und die Finanzmarktindustrie Ausdruck zu verleihen. Noch vor wenigen Monaten wäre ein Protest gegen den Kapitalismus und gegen die Finanzmärkte im Mutterland der freien Marktwirtschaft undenkbar gewesen. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Impuls ausging, der schließlich auch Europa und dessen politischen sowie wirtschaftlichen Zentren erfasste.

Im Oktober 2011 gingen Anhänger der Occupy-Bewegung in mehreren deutschen Großstädten auf die Straßen und demonstrierten ebenfalls gegen skrupellose Finanzinstitute und verantwortungsloses Handeln der Finanzmarktindustrie.

Zwar sind die Hintergründe für den Ausbruch der Proteste in den einzelnen Staaten jeweils Unterschiedliche, so ist eine generelle Abschaffung der Demokratie in den westlichen Industrienationen ebenso wenig erwünscht wie ein Ausbruch einer gewaltvollen Revolution. Dennoch sind auch die Proteste in Amerika und Europa Ausdruck für eine junge Generation, die nicht länger Spielball der Politik und der Märkte sein möchte. Die Menschen der Welt wollen nicht nur in Wahlen ihren Willen und ihre Souveränität an Repräsentanten deligieren. Sie möchten als mündige Bürger wahrgenommen werden, die ebenfalls als Teil einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft Politik mitbestimmen und mitgestalten wollen. Gerade die europäischen Regierungen und Volksvertreter sollten sich auf ihre antiken Wurzeln zurückbesinnen, welche im öffentlichen Raum - der Polis - als mündige Bürger Politik aktiv mitgestalteten.

Die Occupy-Bewegung kann für diesen Emanzipationsprozess der europäischen Bevölkerung ein wichtiger Grundstein sein. Bürger, die sich zusammenschließen und mit ihrer Bürgerbewegung aktiv versuchen, die Politik ihrer Gemeinde oder ihres Landes zu verändern oder mitzugestalten, benötigen in einer Demokratie Gehör, Öffentlichkeit und Unterstützung. Wenn dies von den verschiedene Repräsentanten der europäischen Staaten verstanden wird, kann sich Europa zu einem Vorbild für gelebte Demokratie entwickeln und auch als Demokratiemodell für andere Staaten der Welt dienen.

Vielleicht ist eine aktivere Bürgerbeteiligung auch der Schlüssel für die Lösung der vielen Probleme, mit welchen Europa derzeit zu kämpfen hat. Es bleibt im jeden Falle spannend, wie sich die Zukunft Europas entwickelt und welchen Einfluss Bürgerbewegungen wie "Occupy" zukünftig haben werden.

12:58 02.11.2011
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Geschrieben von

Tobi-Eiki

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