Jawohl, Mann!

Ausstellung Menstruation und Mythos: Petra Mattheis stellt blutrote Prints von Haien, Bären und Tampons aus
Tobias Maier | Ausgabe 29/2015 2
Jawohl, Mann!
Blutroter Farbe auf weißem Papier von Petra Mattheis
Foto: Georg Brückmann

„Put your blood in his drink and he will always love you“: In den USA ist der Spruch geläufig, dass Frauen ihren Angebeteten verzaubern können, indem sie ihr Periodenblut in sein Getränk geben. Diesen und andere Mythen greift Petra Mattheis in ihrem Projekt BAM – Become A Menstruator auf. Die Künstlerin will ein Thema sichtbarer machen, das „etwa die Hälfte der Bevölkerung nur aus Geschichten kennt, die über es erzählt werden“.

Mattheis druckt Bilder, die mit Menstruation in Verbindung gebracht werden, in blutroter Farbe auf weißes Papier oder die Wände des Ausstellungsraums. Von einem Besucher sei sie gefragt worden, wann sie denn angefangen habe, ihr Menstruationsblut zu sammeln, erzählt die Künstlerin. Kein abwegiger Gedanke, der Österreicher Hermann Nitsch malte ja tatsächlich mit Tierblut und Kadavern, der Londoner Jon John stellt sein eigenes Blut in den Mittelpunkt seiner Performances. Mattheis verwendet jedoch handelsübliche Acryl- oder Gouachefarbe für die Drucke.

Starke Antike

Die 1967 geborene Künstlerin arbeitet mit neuzeitlichen und archaischen Symbolen. Der Mythos vom Bären, der von benutzten Tampons angelockt im Zeltlager randaliert, wird ebenso aufgegriffen wie die Baubo, eine Figur aus der antiken griechischen Mythologie. Sie brachte Demeter durch das Zeigen ihrer Vulva zum Lachen und befreite sie von ihrer Depression. Die vertrockneten Äcker kamen so wieder zum Blühen. Rinder und Schweine stehen seit Urzeiten sowohl für die Monatsblutung der Frauen als auch für Fruchtbarkeit und Stärke. In den neuzeitlichen Mythen, oft aus dem angloamerikanischen Kulturraum, ist Menstruation eher ein problematisches oder gar gefährliches Phänomen.

Von dieser Befangenheit ist im Werk von Petra Mattheis nichts zu finden. Die Lagerfeuer-Geschichten werden aufgegriffen, aber ironisiert und ästhetisch weitergesponnen. Die Schau vermittelt eine rohe, archaische Energie. Neben Prints und Figuren aus getragenen, rosa gefärbten Stofffetzen sowie einem Manifest sind auch Stempel ausgestellt. Auf der Webseite findet man diese Templates zum Herunterladen, Ausdrucken und Selbst-Stempeln – dazu ein Tutorial von der Künstlerin. So kann jeder selbst aktiv werden, in den Worten von Petra Mattheis: zum Menstruator. Auf ihrer Website heißt es: „A Menstruator is any person who pursues new ideas or intuitive processes relating to menstruation.”

Im Alltag, kritisiert Mattheis, werde das Thema nach wie vor tabuisiert. Gerade junge Frauen litten oft an Schamgefühlen: „Mir haben Frauen erzählt, dass sie ihren Eltern ihre Periode jahrelang verheimlicht haben.“ Auch die kapitalistische Verwertungslogik macht vor den Monatsblutungen nicht halt: „Wir kriegen eingeredet, dass Menstruation etwas ist, das uns im Berufsleben nicht beeinträchtigen darf.“

Wie eine Welt aussehen könnte, in der Menstruation sozial völlig akzeptiert ist, beschreibt Gloria Steinem in ihrem Essay If Men Could Menstruate. Sie stellt sich dabei vor, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen würde, wenn Männer ihre Tage bekämen. Menstruation wäre kein Tabu mehr, sondern Gegenstand von Glorifizierung und Prahlerei. In dieser Welt würden sich menstruierende Männer High-fives geben und zurufen: „Man, you lookin’good“. „Yeah, man, I’m on the rag!“ – Ich habe meine Tage, Alter!

Info

BAM – Become A Menstruator The Grass is Greener, Leipzig, bis 25. Juli 2015

06:00 18.07.2015
Geschrieben von

Tobias Maier

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