27 Tote an einem einzigen Tag

Ärmelkanal In Schlauchbooten fliehen Flüchtlinge Richtung England und sterben auf offener See. Nun streiten Emmanuel Macron und Boris Johnson, wer Verantwortung übernehmen soll. Ist eine humane Flüchtlingspolitik zu viel von der EU verlangt?
In England kommen manche Boote nur noch leer an. Eine Lagerhalle in Dover
In England kommen manche Boote nur noch leer an. Eine Lagerhalle in Dover

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Sieben Frauen, von denen eine schwanger war, 17 Männer, drei Minderjährige. Dies sind die Opfer der Bootskatastrophe vor gut einer Woche im Ärmelkanal. Der 24. November wurde zum „tödlichsten Tag der Kanal-Krise“, schrieb der Guardian. Die Ankündigung von Präsident Macron, Frankreich werde nicht zulassen, dass die Gewässer vor Calais zum Friedhof würden, kommt – wie üblich in solchen Fällen – zu spät. Der Ärmelkanal ist längst genau das, wie die Kette tragischer Ereignisse zeigt. Anfang November wurde bei Dunkerque ein lebloser Mann aus dem Wasser geborgen, nach einem Rettungseinsatz nahe Boulogne-sur-Mer ein Vermisster gemeldet, am Strand von Wissant bei Calais fand man eines Morgens die Leiche eines Migranten. Zwischen Ende Oktober und Mitte November sind sieben Bootsflüchtlinge nirgendwo wieder aufgetaucht. Notfalleinsätze häufen sich, in wenigen Tagen wurden 240 Personen aus der eisigen See gerettet.

Wie sehr das bisher erschütterndste Unglück in der Meerenge zwischen Calais und Dover eines mit Ansage war, offenbaren weitere Details. Bis es dazu kam, haben 2021 knapp 27.000 Menschen die Überfahrt geschafft, verglichen mit etwa 8.500 Personen im Vorjahr. In der Regel werden Schlauchboote eingesetzt, die vollkommen untauglich sind für eine Passage der weltweit am stärksten frequentierten Wasserstraße, unabhängig davon aber von immer mehr Menschen bestiegen werden. Noch eine Tatsache springt ins Auge: Anders als in den Jahren zuvor ist die Zahl der Überfahrten in diesem Herbst nicht zurückgegangen. Im Gegenteil, an zwei Tagen im November wurden erstmals mehr als tausend Personen registriert, die Großbritannien erreichten. Sie kamen aus Iran, dem Irak, Sudan, Syrien oder Eritrea – Länder, deren Staatsbürger im Vereinigten Königreich durchaus hohe Anerkennungsquoten als Asylberechtigte haben.

Nur greifen Statistiken zu kurz, um das unermessliche Elend zu beschreiben, das sich seit zwei Jahrzehnten zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien abspielt. Dazu gehört die exzessive Gewalt, der Transitmigranten durch die französische Polizei ausgesetzt sind und die von Menschenrechtsverbänden Jahr um Jahr kritisiert wird. Oder die Gefahr, die von bewaffneten Schleuserbanden rings um die Camps droht. Mit den Bootspassagen bietet sich Akteuren ein lukratives Geschäft, denen es gewiss nicht um Grundrechte wie Bewegungsfreiheit oder Asyl geht.

Allerdings bieten die zitierten Statistiken einen Erklärungsansatz für das „blame game“ der latent streitenden Kanal-Nachbarn. Für Frankreich und Großbritannien sorgt die Flüchtlingskrise vor ihren Küsten lediglich für Konfliktstoff, wird aber nicht zum Anstoß, nach einer humanitären Lösung zu suchen. Dass London schon vor Monaten Push-Backs auf offener See plante, ist bekannt. Die EU war gut beraten, ihr Ex-Mitglied dafür nicht zu maßregeln, wie ein Blick auf die eigenen Außengrenzen zeigt. So löst der bisher tödlichste Tag am Ärmelkanal nicht einmal Krokodilstränen aus. Dass man das Flüchtlingsdrama von Calais, wo die Räumung von Camps Ausdruck einer repressiven Elendsverwaltung ist, erst beenden kann, wenn sich die Flüchtlingspolitik der EU so ändert, dass sie als solche bezeichnet werden kann, hört man häufig vor Ort. Bis auf Weiteres scheinen sich London, Paris und Brüssel damit abzufinden, dass es an dieser Grenze eben ständig Tote gibt.

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