Alle mal lächeln

Porträt Jan Steven van Dijk ist Glücksbeauftragter in Schagen, mit kleinem Budget und guter Planung sollen die Leute der niederländischen Kommune besser leben
Alle mal lächeln
„Es geht hier nicht um wilde Verliebtheit“

Foto: Erik Veld für der Freitag

Er glaubte, sich verhört zu haben, als die Bürgermeisterin von Schagen vorschlug, seine gerade erst angetretene Stelle um ein gänzlich neues Ressort zu erweitern: Glück. „Da hast du einen seriösen Job als Dezernent für Finanzen, und dann bekommst du so einen Unsinn dazu!“, so schoss es Jan Steven van Dijk durch den Kopf. Er sah sich im Geiste schon meditieren, auf einem warmen Stein sitzend, mit einem nach Weihrauch duftenden Stöckchen in der Hand. Der Esoterikverdacht kam instinktiv. Aber ausgesprochen hat er ihn lieber nicht. Er hat sich Bedenkzeit erbeten.

Weil eine kleine Lokalpartei diese Idee schon mal ins Spiel gebracht hatte und im Gemeinderat auf Interesse gestoßen war, ist die Bürgermeisterin an van Dijk herangetreten.

Beinahe zwei Jahre später: Seit Januar dieses Jahres stellt Schagen, eine gemütliche Kommune zwischen Amsterdam und Den Helder, die Bußgelder ein. Es sind Strafen, die bisher fällig wurden, wenn einer ihrer gut 40.000 Bewohner auf den Steuerbescheid nicht reagierte oder die Gemeindeabgaben nicht zahlte. Man treibe damit Leute nur tiefer ins Elend, dachten sich die Beamten aus van Dijks Abteilung, als sie diese Maßnahme vorschlugen. Wäre es nicht schlauer, der kommunale Sozialdienst würde sich mit den Problemfällen in Verbindung setzen, um eine Lösung zu finden? Fragen wie diese sind mittlerweile Alltag für Jan Steven van Dijk, 56 Jahre, Dezernent für Finanzen und, tatsächlich, Glück. Wie will er das Leben der Bewohner von Schagen glücklicher machen?

Ein Treffen mit ihm ist schnell verabredet. Vorher dreht man noch eine Runde durchs Städtchen. Spätwinter, klirrend kalt, blauer Himmel. Gepflasterte Straßen, in den Vorgärten erscheinen die ersten Blumen. Auf dem Kirchplatz im Zentrum steht ein junge Frau mit Fahrrad. Vivian Gersschen, 20 Jahre, Pädagogikstudentin. Ein guter Plan, das mit dem Glück, meint sie. Wobei: „Eigentlich ist das doch etwas Persönliches. Wie wollen Sie als Kommune dafür sorgen?“

Im gemeentehuis von Schagen ist der Besucher natürlich geneigt, jedes Detail unter dem einen Aspekt zu sehen: die Drehtür am Eingang, in deren Verglasung zwei Bäume mit rosa Blättern eingelassen sind. Nicht kitschig, eher freundlich. Oder dass die Sachbearbeiter, die Bürger zu einem Termin im Foyer abholen, so höflich und zuvorkommend wirken. Wer hierher kommt, soll sich sofort wohlfühlen.

Der Glücksdezernent selbst trägt diese Art von Casual Chic am schlaksigen Leib, der vielen niederländischen Amtsträgern eigen ist: gute Schuhe, Jeans, ein Sakko überm Hemd, das in seinem Fall bunt bedruckt ist und einen legeren Knopf weiter offen steht, als es müsste. Seine grauen Haare stehen beinahe wie Spikes in alle Richtungen ab. Womöglich wird in seinem Freundeskreis über Jan Steven van Dijk gerätselt, ob er wohl irgendwann einmal älter wird. Was natürlich auch mit seiner Art zu tun hat.

Fragt man ihn, wie er beides miteinander kombinieren möchte, Finanzen und Glück (und bemerkt man, dass der erste Faktor dem zweiten selten förderlich ist), bricht er in prustendes Gelächter aus. Als er sich beruhigt hat, räumt er ein: „Das Gute ist: Die Sache mit dem Glück kommt manchen Leuten abgehoben vor. Und andererseits sind da Finanzen, etwas Knallhartes und Trockenes. Da denken sie dann wohl: Wenn dieser Typ sich mit Zahlen beschäftigen und unterm Strich alles stimmen muss, dann ist es vielleicht etwas weniger verschwommen.“

Tugend, Sittlichkeit und Bruttonationalglück

Die Frage nach dem Glück ist eine der ältesten der Menschheit überhaupt. Philosophen zerbrechen sich seit 2000 Jahren darüber die Köpfe und haben allerlei widersprüchliche Antworten gefunden. Aristipp, der als Begründer des Hedonismus gilt, stellte um 400 v. Chr. Lust und Schmerz gegenüber und erklärte den Genuss zum Lebenszweck. Aristoteles koppelte Glück an Tugend und Entfaltung. Epikur stellte die Abwesenheit von Schmerzen in den Vordergrund – worin er mit dem indischen Philosophen Patanjali (um 2. Jh. v. Chr.) übereinstimmt. Für den geistigen Yoga-Urvater war das Vermeiden von Leiden Lebensmaxime. Augustinus von Hippo (um 400 n. Chr.) verlegte das Glück als Lebensziel ins Jenseits und sah Transzendenz als seine Bedingung. In der neuzeitlichen Philosophie verband Immanuel Kant Glück mit Sittlichkeit. John Stuart Mill betont das gesellschaftliche Ziel, möglichst viel Glück für möglichst viele Menschen zu erreichen.

Zu Herzen nimmt man sich dieses Prinzip in Bhutan. Schon im 18. Jahrhundert stand dort in der Verfassung: „Ist die Regierung nicht imstande, Glück für ihr Volk zu schaffen, hat sie keinen Existenzgrund.“ Im Jahr 1979 entgegnete der damalige König Bhutans auf eine Journalistenfrage nach dem Bruttoinlandsprodukt, das „Bruttonationalglück“ sei für Bhutan wichtiger. Kriterien sind Zufriedenheit, Bildung oder Umweltverschmutzung. In der Entwicklungspolitik hat sich zumindest ein Bewusstsein dafür gebildet, dass solche Kategorien neben wirtschaftlichem Wachstum bedeutend sind. Ihr Status erinnert aber eher an die allgemeinen Menschenrechte der UN. Auf dem Papier zumindest beanstandet sie niemand. Doch in der Praxis hakt es gewaltig.

Jan Steven van Dijk setzt auf wissenschaftlich erhobene Daten, so wie er es sich in seiner Bedenkzeit vorgenommen hat. Es existiert mittlerweile eine Liste mit zwölf Kriterien, aufgestellt hat sie die Abteilung für Glücksstudien an der Erasmus- Universität Rotterdam. Die Liste basiert auf einer Umfrage unter den Schagenern, kein Hokuspokus. Seither prüft van Dijk jeden kommunalen Finanzposten auf eine Frage hin: Ist damit dem Glück der Bewohner gedient? Ein edles Ansinnen. Wie das konkret aussieht, zeigt zum Beispiel die Sache mit den Bußgeldern. Gleich zwei der besagten 12 Kriterien sind hier erfüllt: „Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ und „Verbesserung des sozialen Fangnetzes“. Außerdem, so van Dijk, will man in Schagen prüfen, ob die Kommune Schulden von Bewohnern übernehmen und eine Regelung zur Abzahlung finden kann. „Dann sind die Leute diese üblen Briefe los, die konstante Panik und den Stress“, erklärt der Dezernent, der der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid angehört. „Dafür können sie sich darauf konzentrieren, Arbeit zu suchen und gut für ihre Kinder zu sorgen.“

Seine Zweifel ob das gut gehen könnte, räumte van Dijk schnell zur Seite. Dann trägt er einen Vergleich vor, in jenem Plauderton, den man mit ihm auffallend schnell erreicht. „Früher gingen wir mit der Keule ein Tier fangen, das fraßen wir dann auf. Irgendwann baute jemand aus der Gruppe Knollen an, ein anderer jagte, und das stimmte man miteinander ab. Dann sagte der Älteste: Wenn einer dies tut und jemand anders das, passt es zusammen. Mir wurde klar: So einfach ist das eigentlich! Als Kommune müssen wir Dinge so koordinieren, dass alle etwas glücklicher werden.“ Nach dieser Erkenntnis hatte van Dijk eine Vision: „Ich wollte wirklich wissen, was wichtig ist für das Glück der Einwohner. Das muss man dann untersuchen lassen! Also rief ich die Erasmus-Universität an. Dann dachte ich: Wir haben hier in Schagen eine gute Idee! Dafür sollten wir uns nicht schämen, sondern es von den Dächern posaunen.“

Er wirkt, selbst für einen Lokalpolitiker, sehr zugänglich und allürenfrei. Und ist gleichzeitig ein ziemlicher Macher. Im Herbst 2017 richtete die Kommune einen Kongress aus, zu dem 300 Beamte aus dem ganzen Land kamen. Und dieses Interesse ist kein Strohfeuer. In Roerdalen an der deutschen Grenze und in Eindhoven gibt es inzwischen Bestrebungen, dem Beispiel aus Schagen zu folgen. Vorgestellt wurde den Besuchern auch die erwähnte Liste, die für den Glücksdezernenten längst zum wichtigsten Handwerkszeug in den stundenlangen Ratsversammlungen geworden war. Was darauf steht, klingt bodenständig. „Sinnvolle Arbeit“, liest man da, „Verbundenheit im Viertel“, oder „weniger Einsamkeit“. Daneben: „Vertrauen in die Kommune“, „Sportmöglichkeiten“ oder „Zufriedenheit mit Beziehungen“.

Um all diese Dinge zu fördern, wurde in Schagen Anfang des Jahres ein neues Instrument eingeführt: das Glücksbudget. Weil der Haushalt es zulässt – dank lokaler Steuern und Ausschüttungen, die Kommunen aus dem Staatshaushalt empfangen –, können Bürger mit niedrigem Einkommen und in schwieriger sozialer Lage ein Mal im Jahr einen Antrag auf bis zu 500 Euro stellen. „Manche Menschen wollen zum Beispiel einen Malkurs machen. Ein einsamer älterer Mann bekam eine Angelrute und einen Stuhl, so konnte er sich mit anderen Anglern anfreunden. Oder wir zahlten Laufschuhe für jemanden, der nach einer Depression wieder Sport treiben wollte.“

Zweimal pro Woche berät das Schagener Finanzdezernat über solche Anträge, seit Januar sind sechzig davon eingegangen.

60 Stunden Pensum

Kleine Dinge, aber sie sind greifbar. Jan Steven van Dijk wehrt es entschlossen ab, wenn man kommunales Glücksstreben mit zeitgenössischen Lifestyle-Ratgebern vergleicht: „Es geht uns hier nicht um den schönen Sonnenuntergang oder wilde Verliebtheit, sondern um eine nachhaltige Zufriedenheit mit dem Leben.“ Das sei weder exotisch noch esoterisch. Mittlerweile gibt es eine Wissenschaft vom Glück. Sie hat sich als eine Forschungsrichtung etabliert, in der sich Erkenntnisse aus Psychologie, Philosophie und Ökonomie kreuzen. Die Einstellung zum Glück hat sich verändert – und die Forschungsmethoden. Ein Artikel nach dem anderen wird in den großen Fachjournalen veröffentlicht, der sich mit Glück und Gehirnforschung beschäftigt. Das Streben nach Glück und Wohlbefinden ist ein grundlegendes Ziel der Menschheit, als dieses haben es die Vereinten Nationen 2012 in einer Resolution anerkannt.

In manchen EU-Ländern existieren schon Ideen, nach denen das messbare Wohlbefinden der Bürger als ein zentrales Politikziel verankert werden soll. Für den Philosophen Karl Popper hingegen war Glück utopisch, und die Aufgabe des Staates konnte nicht darin liegen, Glück zu fördern, sondern Unglück zu beseitigen. Es gibt jedoch bereits ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden, zumindest als interaktives Kunstprojekt. Durch eine multimediale Kampagne soll das Thema Glück spielerisch und kreativ ins Gespräch gebracht werden. Die Gesellschaft soll also „verglücklicht“ werden. Zufriedenheit, Lebensgestaltung und seelische Gesundheit – all das wird in Schagen Realität.

Wie steht es um Jan Steven van Dijks Arbeitspensum? Es liegt durch sein erweitertes Ressort zehn oder zwölf Wochenstunden höher, bei etwa 30 Stunden. Noch einmal so viele widmet van Dijk seiner halben Stelle in einer Einrichtung für geistig Behinderte, in der er als Direktor tätig ist. Was treibt er in der wenigen freien Zeit? „Dann gehe ich reiten auf meinem eigenen Pferd, auch wenn das fast ein bisschen dekadent ist“, sagt er. Spazierengehen mit dem Hund gehöre dazu, Zeit mit den Kindern. Die Patchworkfamilie des in zweiter Ehe Verheirateten umfasst neun Kinder zwischen zehn und 31 Jahren. Was macht ihn selber glücklich? „Frohe Menschen um mich herum zu haben. Und das Gefühl, dass ich jemand ein kleines Stückchen weiterhelfen kann. Das hat mit Sinngebung zu tun, und damit, etwas zu bewirken.“ Er macht eine Pause. Jan Steven van Dijk, protestantisch erzogen, hat die Kirche längst hinter sich gelassen. Ein altruistisches, kommunitäres Ethos aber ist ihm geblieben. Und genau dieses war es, das ihn um die Jahrtausendwende zu den Sozialdemokraten brachte. Er hatte sich da gerade, geschieden und in einer schwierigen Phase seines Lebens, in einem winzigen Dorf in der Umgebung niedergelassen. Nach zwei Jahren war er wieder glücklich verheiratet und wohnte in einem schönen Haus. „Dann bekam ich das Gefühl, diesem Ort, an dem ich mich so wohlfühlte, etwas zurückgeben zu wollen. Meine Frau und ich überlegten, wie ich das tun könnte. Dann sagte sie: Warum gehst du nicht in die Politik?“

Weniger Wartelisten

Es wirkt, als würde van Dijk, während er das erzählt, zum ersten Mal aufgehen, wie sehr sich da für ihn persönlich ein Kreis geschlossen hat. Er kann jetzt also über Dinge entscheiden wie diese: „Heute Morgen sagten ein paar Kollegen zu mir, wir bräuchten mehr Personal im Gemeindehaus. Weil die Wirtschaft so angezogen hat, gibt es viel mehr Nachfrage für Wohnungsbau, da kommen wir mit dem Prüfen gar nicht hinterher. Als Finanzdezernent sage ich dann: Wovon bezahlen wir das? Als Glücksdezernent frage ich: Was hilft das den Bewohnern? Nun ja, sagten sie, wenn wir schneller Genehmigungen erteilen können, wird früher gebaut. Die Wartelisten werden kürzer, und die Leute haben schneller eine Wohnung.“

Macht er sich manchmal Sorgen, dass es mit Glücksbudget und den zwölf Kriterien vorbei sein könnte, wenn der wirtschaftliche Aufschwung verebbt und die Niederlande wieder in einer Rezession landen? Van Dijk schüttelt den Kopf. Gerade in schlechten Zeiten, betont er, könnte der Ansatz für klare Prioritäten sorgen. „Hat man das Gefühl, das Leben macht Sinn? Wohnt man sicher, muss man sich keine furchtbaren Sorgen machen, ob die Kinder in die Schule können oder zum Sport? Auf diese Dinge haben wir als Kommune auch dann noch Einfluss!“

Wie lange Jan Steven van Dijk diesen Weg mitbestimmt, ist unsicher. Am 21. März finden überall in den Niederlanden wieder Kommunalwahlen statt. Ähnlich wie in Deutschland sind es nicht die besten Zeiten für die Sozialdemokraten. Umso mehr hofft er, dass er seine Arbeit fortsetzen kann. „Ich sage immer: Wir haben in Schagen den Norden aus dem Kompass geholt und dafür ein G eingesetzt. Wir halten Kurs auf Glück!“

Wie wäre es, wenn er selbst mal ein Glücksbudget anfragen müsste, worum würde er bitten? „Ich liebe es zu handwerkeln“, sagt van Dijk. „Also würde ich um Geld für Werkzeug fragen und dazu angeben, dass ich auch gerne bei anderen Leuten Aufgaben erledigen würde. Dann würden wir zusammen Kaffee trinken und später an die Arbeit gehen.“ Was die Kommune dann so braucht.

06:00 16.04.2018

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