Endstation Brüssel-Nord

Belgien Seit der „Dschungel von Calais“ geräumt wurde, sind Hunderte von Transitmigranten in der EU-Hauptstadt gestrandet

Kapuzenwetter! Dick verpackte Männer stehen an hohen Glasscheiben und Schiebetüren – zu zweit, zu dritt – und starren hinaus in den Regen. Es ist Ende Dezember, und die eigentümliche Stille dieses Bahnhofs wirkt wegen der Tristesse draußen vor der Tür noch deprimierender und einschläfernder als sonst. Tropfen laufen übers Fensterglas. Man kann nur zusehen und warten und weiter warten. Auf den Abend, einen Lkw, ein Versteck zwischen der Ladung – auf die Möglichkeit, dieses Versteck unerkannt zu erreichen. Man könnte Wetten abschließen, wer es von den Männern bis nach England schafft. Wenn überhaupt.

Mebrahtu und Simon, die eigentlich andere Namen haben, laden ihre Telefone an einer Steckdose vor der verlassenen Brasserie North Star auf. So wie viele der Geflüchteten, die sich augenblicklich in Brüssel aufhalten, kommen Mebrahtu und Simon aus Eritrea am Horn von Afrika, wo nicht nur diktatorische Verhältnisse herrschen, sondern man bis vor Kurzem einen unbefristeten Militärdienst ableisten musste.

Mebrahtu hat es vergangene Nacht das letzte Mal versucht, nicht mit einem professionellen Schmuggler, bei dem man bis zu tausend Euro für die verdeckte Reise mit Truck und Fähre hinüber nach England zahlt. Diesmal wollte er allein von irgendeinem belgischen Autobahnparkplatz weiterkommen. Wieder vergeblich. Wo sie heute schlafen werden, wissen sie nicht. Simon hustet, seine Hosenbeine sind so nass wie die dünnen Turnschuhe an seinen Füßen. Gegessen haben sie noch nichts, seit es hell wurde. Da wegen scharfer Kontrollen der Hafen von Zeebrugge immer undurchlässiger wird, haben sie sich entschlossen, nicht an der Küste auf den Sprung nach drüben zu hoffen.

Das Schicksal von Mebrahtu und Simon teilen in Brüssel mindestens 700 Menschen, deren Leben sich bisher in diesem Winter rund um den Nordbahnhof abspielt. Bis vor Wochen war der Maximilianpark, ein paar Blöcke weiter, ihr Refugium, um von dort zu den Stellflächen für Lastkraftwagen aufzubrechen – bis es zu kalt wurde. Nun wird der Nordbahnhof zum Synonym für das Flüchtlingselend in Belgien, nur ein paar Straßenzüge von den europäischen Institutionen in Brüssel entfernt. Im Erdgeschoss der Station tauchen die „Transmigranten“, wie sie hier genannt werden, im Strom der Reisenden und all derer unter, die hier stranden: Wohnungslose, Junkies, Asylbewerber, die kein Dach über dem Kopf haben, weil die Auffangzentren voll sind – vorzugsweise Eritreer und Sudanesen, Libyer, Iraker und Ägypter. Auf dem Bahnhof mit seinen kalten Marmorböden und hohen Hallen, die wie Kathedralen fast alle Geräusche schlucken, schließen Bistros und Cafés pünktlich um 18 Uhr. Was dann bleibt, ist die gespenstische, unwirtliche Atmosphäre eines Transits zwischen Tag und Nacht, Kommen und Warten, Leben und Vergehen.

Eben wacht ein Mann auf einer steinernen Bank kurz auf, übergibt sich, legt eine Gratiszeitung auf das Erbrochene und schläft weiter. Niemand nimmt davon Notiz. Steigt man die Treppenstufen herunter ins Souterrain, ändert sich die Szenerie. Die Plattform, von der es zu den Haltestellen von Bussen und zu den Stationen der Metro geht, wird im Moment von vielen Migranten als Nachtasyl genutzt. Die Beleuchtung ist schummrig, gut ein Dutzend Menschen liegt an den Wänden hinter Treppen und Absperrgittern, unter sich dünnen Karton und eiskalten Stein. Die Glücklichen besitzen eine Decke oder einen Schlafsack.

Klirrende Kälte

Wer wach ist, kauert vor der Glasfront, hinter der man Busse vorbeifahren sieht. Im mittleren Teil kicken sich welche einen Ball zu, gewissermaßen die Wintervariante des nie endenden Spiels auf dem Bolzplatz drüben im Park, bevor es kalt wurde. An der Treppe sitzen zwei Äthiopier, die schon seit einem halben Jahr in Brüssel sind und nach England wollen. Ein paar Meter weiter hockt ein Mann aus Sierra Leone. Er hofft in Belgien auf Asyl und wartet darauf, seinen Antrag stellen zu können. Bis vor Kurzem lag die Asylbehörde beim Nordbahnhof um die Ecke. Seit Tagen ist der Regen klirrender Kälte gewichen. Fast niemand mehr harrt aus im Maximilianpark, bis auf einige Hartgesottene, die am hinteren Ende vor einer Mauer liegen.

Mehdi Kassou, ein Mittdreißiger mit millimeterkurzen Haaren und dicker schwarzer Jacke, engagiert sich für die Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés. In Kürze müsse man in Brüssel mit einer Demonstration rechtsextremer Gruppen rechnen. „Wir haben gehört, dass einige der Teilnehmer hierherkommen wollen. Sie wollen ‚die Affen‘ aufmischen, wie es bei denen heißt. Also raten wir allen Migranten, den Park und den Bahnhof an diesem Tag zu meiden.“ Seine Organisation sehe sich für diesen Fall wieder einmal einer logistischen Herausforderung ausgesetzt. Mehr als 700 Personen gelte es in Sicherheit zu bringen, sagt Kassou. Zur Verfügung stehe eine städtische Notunterkunft an der Peripherie von Brüssel, wo jede Nacht bis zu 350 Personen schlafen können. Für die Übrigen will man auf ein Netzwerk von Freiwilligen im ganzen Land zurückgreifen, die noch einmal gut 300 Flüchtlingen einen Schlafplatz in ihren Häusern oder Wohnungen anbieten.

Zur Sicherheit dreht Kassou noch eine Runde durch den Park. Er erzählt vom Spätsommer 2015, als die Zahl der Geflüchteten auch in Belgien so anwuchs, dass die Asylbehörde sie nicht wie gewohnt erfassen konnte. „Die Menschen warteten auf dem Trottoir und übernachteten im Freien. Damals organisierten wir zum ersten Mal Lebensmittel und Zelte, später dann Schlafplätze und Sprachkurse, für die sich ein leer stehendes Gebäude fand. Nachdem in Frankreich Anfang 2018 der sogenannte Dschungel von Calais binnen einer Woche geräumt war, kamen noch einmal knapp 300 Menschen dazu.“

2017 begann die Polizei mit sich häufenden und – wie Kassou betont – immer gewalttätigeren Razzien. Manchmal wusste die Plattform dank wohlgesinnter Informanten in den Behörden im Vorfeld davon und brachte die Migranten bei Mitgliedern unter. Der Maximilianpark wurde schnell zum Politikum, denn die Neu-Flämische Allianz, eine nationalistische Partei, die in der belgischen Regierung das Ressort Asyl und Migration übernommen hatte, ließ durch Staatssekretär Theo Francken die Muskeln spielen. Zugleich machte die N-VA die Hauptstadt unter ihrem sozialistischen Bürgermeister für die Lage verantwortlich. Die Parti Socialiste wiederum gab der N-VA und ihrer Asylpolitik die Schuld. Man habe trotz großen Andrangs beschlossen, täglich nur noch 50 bis 60 Fälle zu bearbeiten. Vor der Kommunalwahl im Oktober waren die Transitmigranten von Brüssel-Nord ein zentrales Thema. Danach wurde es ruhig, doch seit die Regierung von Premier Charles Michel im Dezember am Widerstand der N-VA gegen den UN-Migrationspakt zerbrochen ist, steht eine Rückkehr auf die Wahlkampfagenda bevor.

Zug auf Gleis fünf

Insgesamt, meint Mehdi Kassou, befänden sich gegenwärtig etwa 1.000 Transitmigranten im Land. Die meisten hielten sich in Brüssel, andere an der Küste auf. Dadurch sei Belgien auch für Netzwerke des Menschenschmuggels attraktiver geworden. Freilich lasse sich bei den Versprengten am Nordbahnhof nicht mehr viel holen. „Bis 2016 gab es noch Syrer oder Iraker, die Geld hatten. Wer heute hier ist, macht sich ohne Schleuser zu den Parkplätzen der Fernfahrer auf.“ Eine Gruppe, die sich auf einem Hügel im Park trifft, bestätigt das. Drei Eritreer, ein Gambier und ein Marokkaner stehen im eisigen Wind zwischen abgehalfterten Wohnblocks auf der einen und gläsernen Bürofassaden auf der anderen Seite. Niemand kann sich einen „Lotsen“ leisten. An Tagen wie diesem kratzen sie ein paar Euro zusammen, um drüben am Nordbahnhof im Warmen einen Kaffee zu trinken, mehr bleibt ihnen verwehrt.

Vor einer Bushaltestelle am Bahnhof haben Helfer einen Tisch aufgebaut und teilen eine dicke Gemüsesuppe aus. Die Samariter stammen aus Calais und sind dem Weg der Transitmigranten gefolgt. Und das aus gutem Grund, die Schlange an die Suppenküche ist lang, viele haben noch nichts gegessen an diesem Tag. Gegen Abend wird es betriebsam und laut auf dem Bahnhof Brüssel-Nord. Pendler eilen durch die Halle zu ihren Vorortzügen. Migranten mit Rucksäcken stehen vor einem Schalter und erwerben Tickets. Kurz vor 21 Uhr stürmt eine Gruppe Eritreer die Treppe zu Gleis fünf herauf, wo der Zug in Richtung Löwen zur Abfahrt bereitsteht. Vermutlich werden sie irgendwo aussteigen, um sich auf den Weg zu einem Rastplatz für Fernfahrer zu machen. Und irgendwann wieder in Brüssel sein?

06:00 22.01.2019

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