Mitten in der zweiten Welle

#metoo Fälle von sexueller Belästigung erschüttern die Niederlande – ausgelöst durch die RTL-Show „The Voice of Holland“. Unter Verdacht stehen auch Politiker und Fußball-Stars wie Marc Overmars
Seit 2017 war die öffentliche Aufmerksamkeit für sexuelle Gewalt stark zurückgegangen. Wegen der Fälle bei „The Voice of Holland“ ist das jetzt anders
Seit 2017 war die öffentliche Aufmerksamkeit für sexuelle Gewalt stark zurückgegangen. Wegen der Fälle bei „The Voice of Holland“ ist das jetzt anders

Foto: Romy Arroyo Fernandez/Nurphoto/Imago Images

Was vereint diese einflussreichen Männer miteinander: Schnulzenkönig Marco Borsato, jahrelanger Coach der populären Talentshow The Voice of Holland. Gijs van Dijk, sozialdemokratischer Parlamentsabgeordneter in Den Haag. Mick van Wely, Crime-Reporter der Boulevardzeitung Telegraaf. Und: Gerrit van de Kamp, ehemaliger Vorsitzender der Polizeigewerkschaft. Na, eine Idee? Gegen jeden einzelnen von ihnen wurden im Laufe des Winters Vorwürfe laut wegen „grenzüberschreitenden Verhaltens“. Im niederländischen Diskurs bedeutet das so viel wie: sexuelle Belästigung in den unterschiedlichsten Formen. Ein neuerlicher #metoo-Skandal fegt über die Niederlande. Und zieht dabei auch andere tonangebende Männer in den Abgrund.

Angestoßen wurde das Ganze durch die Zustände beim besagten holländischen Ableger von The Voice: Begrapschen der – auch minderjährigen – Kandidatinnen steht genauso im Raum wie verbale Belästigung. Bei Jurymitglied Ali B, der auch als Rapper auftritt, ist sogar von Vergewaltigung die Rede.

Linda de Mol ist empört

Mitte Januar widmete das Online-Magazin Boos (dt. „wütend“) den schon länger schwelenden Gerüchten eine Folge namens „This is The Voice“. Darin beschuldigen zahlreiche Frauen die männlichen Protagonisten der daraufhin abgesetzten RTL-Show. „Alleine Anzeige erstatten gegen jemand, der so viel Geld und Macht hat, das ist ein sehr großer Schritt“, so eine der betroffenen Frauen. Eine andere gibt eine Konversation mit dem beschuldigten Jurymitglied Ali B wieder, der sie zum Sex gedrängt haben soll: „Er sagte, er mache das öfter mit Mädchen.“ Sie habe dann gefragt: „Hast du keine Angst, dass das rauskommt?“ Darauf er: „Nein, denn niemand würde dir glauben.“ Die Musik von Ali B wird seither von allen wichtigen Radio-stationen boykottiert.

The-Voice-Bandleader Jeroen Rietbergen gab die Beschuldigungen gegen ihn unumwunden zu, wobei ihm die Grenzen, die er verletzt habe, erst im Nachhinein klar geworden seien. Laut der Kandidatin Kirsten Berkx, die ihre Geschichte in niederländischen Medien erzählte, traute sich niemand, dessen sexuell aufdringliche Bemerkungen anzusprechen. „Rietbergen ist ein mächtiger Mann. Er ist der verdammte Schwager von John de Mol, dem Chef von allem!“

Den Laufpass bekam der übergriffige Keyboarder nun von seiner Freundin, der in Deutschland wohlbekannten Moderatorin Linda de Mol und Schwester des Medienmoguls John de Mol. Diese kündigte zuletzt an, eine Spezialausgabe ihrer Monatszeitschrift Linda dem Thema sexueller Belästigung zu widmen.

Wie heftig die Welle der Empörung ist, welche seither das Land ergriffen hat, liegt nicht allein an der Schwere der Vorwürfe und ihrem offenbar strukturellen Charakter. Sie betrifft auch mächtige Institutionen dieser Gesellschaft: Musik- und Showstars, den Marktriesen RTL, den Produktionsbetrieb Endemol (dank Big Brother global bekannt), mit dessen Formaten Generationen von Niederländer*innen aufwuchsen.

Mächtige Männer fallen

Wie John de Mol, gemäß den stylistischen Codes seiner Generation im lässigen Hemd und mit verstrubbeltem Haar, sich angesichts dieser Missstände im Studio einer Online-Sendung gegenüber einem halb so alten, volltätowierten Journalisten in T- Shirt erklärt und windet, hat auch etwas von einer Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der einflussreiche Männer sich rausnehmen, was sie sich eben rausnehmen können.

Doch nun fallen auch Protagonisten vom Format eines Marc Overmars vom Sockel: Er, Nationalkicker und als Direktor des Vereins das Symbol des wieder erstarkten Ajax Amsterdam, soll „Dickpics“ an Frauen geschickt haben. Das Image von Ajax ist seitdem nachhaltig beschmutzt. Und zwar nicht nur durch die Neigung des Direktors, Fotos seines Penis an Mitarbeiterinnen zu schicken. Sein Kollege in der Direktion, Ex- Keeper Edwin van der Sar, gab inzwischen zu, die Clubleitung habe von Overmars’ Verhalten gewusst. Und zwar bereits bevor er Ende Januar in seiner Funktion bestätigt wurde.

Auf Overmars folgte wenig später Gijs van Dijk, mit Anfang 40 einer der Hoffnungsträger der schwer gebeutelten Sozialdemokraten und jahrelang hoher Gewerkschaftsfunktionär. Damit hatte die Debatte um den Umgang mit sexuellen Grenzübertritten die niederländische Politik erreicht. Van Dijk trat ab, entschuldigte sich, doch seine Partij van de Arbeid bleibt mit der Frage zurück, weshalb eine entsprechende interne Beschwerde gegen van Dijk 2019 zwar von einer Kommission untersucht, aber für „unbegründet“ erklärt wurde. Die Frauen, die drei Jahre später neue Vorwürfe erheben, kreiden der Partei ausdrücklich auch dies an.

Den Haag schreitet ein

Just die Frage nach der Kultur, in welcher es zu offenbar strukturellen sexuellen Grenzverletzungen kommt, bringt die neue Regierung in Den Haag nun zum Handeln. Anfang Februar ernannte sie die ehemalige sozialdemokratische Spitzenpolitikerin Mariëtte Hamer zur „Regierungskommissarin für sexuell grenzüberschreitendes Verhalten und sexuelle Gewalt“. Angestrebt werden wachsendes Bewusstsein für entsprechendes Verhalten und eine „sichere Kultur“. Hamer soll die Regierung in den kommenden drei Jahren „gefragt und ungefragt“ beim Zustandekommen eines nationalen Aktionsplans beraten.

„Wir sind unglaublich froh, dass das neue Kabinett diese Thematik wirklich sehr ernst nimmt“, sagt Paulien van Haastrecht in der TV-Sendung Nieuwsuur: Sie ist die Direktorin eines Utrechter Fachzentrums für Sexualität namens Rutgers. „Seit metoo sind wir damit beschäftigt, dies auf die gesellschaftliche und politische Agenda zu bekommen, aber das gelang bisher nicht gut genug.“ Die zweite Welle solcher Meldungen sei scheinbar nötig, um das Bewusstsein zu schaffen für „eine Kultur um Sexualität, die nicht in Ordnung ist“.

#metoo-Aufmerksamkeit deutlich zurückgegangen

Laut Willy van Berlo, Rutgers-Programm- Managerin für sexuelle Gewalt, ist die jetzige Häufung von Fällen nichts spezifisch Niederländisches. Die Aufmerksamkeit sei nach 2017 deutlich zurückgegangen. Erst durch die jetzige „zweite Welle“ realisiere das Land, dass sexuelle Grenzüberschreitung ein großes soziales Problem sei, so van Berlo in einem Artikel auf politico.eu. Auffällig ist durchaus, dass es auch in einer Gesellschaft wie der niederländischen, die im Ruf eines besonders liberalen, progressiven Umgangs mit Sexualität steht, zu solch strukturellen Missständen kommt.

Für van Berlo ist dies nicht zwangsläufig ein Widerspruch: „Unser Ansatz in der Sexualerziehung hat sich bezahlt gemacht; es gibt wenig Fälle von Teenagerschwangerschaften und Abtreibungen. In Schulen wird aber nicht genug darauf geachtet, sexuelle Gewalt zu vermindern und schädliche Ansichten bezüglich Gender zu entlarven.“ Gegenüber dem Freitag erläutert van Berlo: „Sexualerziehung an Schulen ist obligatorisch. Aber sie dürfen selbst bestimmen, in welcher Form sie das tun. Aspekte wie Wünsche, Grenzen und Gendernormen kommen dabei oft zu kurz.“

Es sind zweifellos erhebliche gesellschaftliche Anstrengungen, vor denen die Niederlande stehen. Wieteke van Zeil, Kolumnistin der Tageszeitung Volkskrant, bringt die Lage so auf den Punkt: „Um in allen Bereichen Dickpics zu verhindern, muss ein kultureller Umschwung erzwungen werden.“ Ob das Land dafür bereit ist?

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