„Wir sind ein kriminelles Volk“

Niederlande Die Regierung in Den Haag räumt Unrecht und Gewalt während des Unabhängigkeitskrieges in Indonesien ein
Feuer im Hafen von Probolinggo, Indonesien, kurz nach der Ankunft der niederländischen Marine (um 1947)
Feuer im Hafen von Probolinggo, Indonesien, kurz nach der Ankunft der niederländischen Marine (um 1947)

Foto: Keystone/Getty Images

Das eigene Militär griff im indonesischen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1945 und 1949 systematisch auf extreme Gewalt zurück, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Wissenschaftsreport, den die Regierung in Auftrag gab. Darin ist von außergerichtlichen Exekutionen, Folter, willkürlichen Massenverhaftungen und verbrannten Dörfern die Rede. In einem immer erbitterter geführten Kolonialkrieg sei auf allen Ebenen Recht missachtet worden. Die damaligen niederländischen Autoritäten hätten dies bewusst verschwiegen.

Der Bericht, an dem das renommierte Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien (NIOD) seit 2017 mitarbeitete, gilt Ereignissen in der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien. Im August 1945, nach dem Ende der japanischen Besatzung, hatten sich dort indonesische Nationalisten für unabhängig erklärt, was die Niederlande vor Ende 1949 nicht anerkannten, um am einstigen kolonialen Status quo festzuhalten. Bisher wurde der Kolonialkrieg euphemistisch als „polizeiliche Aktion“ eingestuft. Dagegen lautet das Fazit der jetzigen Studie, was sich vor einem Dreivierteljahrhundert abgespielt habe, passe „in eine koloniale Tradition von gewaltsamer Unterdrückung, Rassismus und Ausbeutung“. Mehr als hunderttauend Indonesier und 5.000 niederländische Militärs kamen seinerzeit ums Leben.

Premier Mark Rutte fand nach der Veröffentlichung deutliche Worte. „Für die systematische und weitverbreitete extreme Gewalt von niederländischer Seite wie das konsequente Wegschauen früherer Kabinette spreche ich der Bevölkerung Indonesiens meine aufrichtige Entschuldigung aus.“ Bei einem Besuch in Jakarta hatte König Willem-Alexander 2020 für „Gewaltentgleisungen von niederländischer Seite“ um Verzeihung gebeten. Rutte geht deutlich weiter und verlässt eine Lesart, wie sie seine Vorgänger seit Jahrzehnten vertreten haben: dass exzessive Gewalt zwar vorkam, aber die Ausnahme blieb.

2020 bereits hatte sich Rutte als erster Regierungschef in Den Haag für die Mitverantwortung der Niederlande bei der Judenverfolgung entschuldigt. Mehrere Großstädte haben bisher ihr Bedauern für die Beteiligung am einstigen Sklavenhandel bekundet. Über ein solches Statement der Regierung wird seit Jahren ebenso diskutiert wie über die Frage, ob Reparationen für die Kolonialzeit gerechtfertigt sind.

350 Jahre lang Kolonie

Die Hinwendung zu postkolonialen Themen in den vergangenen Jahren beschränkte sich zumeist auf „Sklaverei im Westen“, wie es hieß. Gemeint waren dann die karibische Region und Surinam. Dass es auch „im Osten“, also dem heutigen Indonesien, Sklaverei und Unterdrückung gab, war lange kein Thema. Noch 2006 empfahl der damalige Regierungschef Jan Peter Balkenende dem Land eine Rückbesinnung „auf die Mentalität der Ostindien-Gesellschaft VOC“, die ab dem 17. Jahrhundert von Jakarta aus den Gewürzhandel beherrschte und wirtschaftlichen Belangen auch mit Gewalt Nachdruck verlieh.

Der Historiker Reggie Baay, dessen Eltern aus Indonesien stammen, prangerte dies 2015 mit seinem Buch Daar werd wat gruwelijks verricht (Dort wurde etwas Schreckliches vollbracht) an, eine Anspielung auf den berüchtigten VOC-Gouverneur Jan Pieterszoon Coen (1587 – 1629), der in Südostasien „Großes vollbringen“ wollte. Baay: „Es gibt einen eklatanten Mangel an historischem Verständnis. Ich sehe aus wie ein Indonesier und muss noch immer regelmäßig erklären, was meine Familie in den Niederlanden will. Vor allem die letzten Generationen wissen oft nicht einmal, dass es 350 Jahre lang eine Kolonie namens Niederländisch-Indien gab.“ Insofern komme der Report 70 Jahre zu spät, da der niederländische Staat bislang jede Verantwortung abgestritten habe. Außerdem kritisiert er, dass der Fokus allein auf den Jahren des Unabhängigkeitskrieges liege. „Dabei ging dem eine koloniale Periode von über 350 Jahren voraus, in der vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts hart gegen das Bestreben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vorgegangen wurde.“ Die Entschuldigungen Ruttes, findet Baay, sprächen für die Integrität des Premierministers. „Aber es ist auch das Mindeste, was er tun kann.“

Andere Reaktionen bestätigen sein Urteil bezüglich des allgemeinen historischen Bewusstseins. „Wir sind ein kriminelles Volk“, kommentiert der Psychologe Ernest van Arendonk in der Regionalzeitung De Stentor sarkastisch die „Litanei an Entschuldigungen unserer Amtsträger“. Das Boulevardblatt Telegraaf stellte seinen Lesern die Frage, ob die Entschuldigung Ruttes berechtigt sei. 83 Prozent lehnten ab, meist mit Blick auf Veteranen, die in Indonesien kämpften. Eine Zuschrift lautete: „Entschuldigen wir uns jetzt für die ganze Geschichte der Niederlande?“

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