Von einem, der auszog …

Porträt Frans Timmermans will als sozialdemokratischer Spitzenkandidat zur EU-Wahl das vereinte Europa retten

Natürlich, es ist Wahlkampf und Parolenzeit. Um so bemerkenswerter, was der Niederländer Frans Timmermans als Frontmann der europäischen Sozialdemokraten (SPE) und Vizepräsident der EU-Kommission auf seiner Website frans4eu.eu zum besten gibt. Die Wahlen Ende Mai, heißt es da in sämtlichen Sprachen der Mitgliedsländer, seien „der wichtigste Moment der europäischen Geschichte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs“. Eine neue Generation müsse ein neues Europa schaffen. Darunter: ein Foto von 50 enthusiastischen, jungen Menschen, mittendrin: Frans Timmermans, 58 Jahre. Man kann diesem Mann durchaus Sendungsbewusstsein bescheinigen. Nicht, dass er sich für den Messias im blaugelben Sternenkreis hält. Dass ihn ein „enormer Geltungsdrang“ antreibt, gibt er indes unumwunden zu. Als Medium, dies zu sagen, dient ein Dokumentarfilm des Regisseurs Dirk Jan Roeleven mit dem Titel Der Europäer. In einer niederländischen Talkshow meinte Timmermans einmal, wenn er von etwas überzeugt sei, wolle er auch alle anderen davon überzeugen. Was Europa betrifft, so scheint ihm Hingabe in die Wiege gelegt. Timmermans stammt aus Maastricht, also dem Ort, an dem 1992 der Vertrag besiegelt wurde, der Integration in Richtung Währungsunion dirigierte.

In seiner Kindheit war das Maastricht benachbarte Heerlen Timmermans Zuhause. Eine Hochburg des Bergbaus, dem mit den 1970ern die Schließung der Minen schwer zusetzte. Timmermans – Sozialdemokrat seit Ende 20 und vorher einige Jahre bei den eher sozialliberalen Democraten66 (D66) – kommt freilich nicht aus einer Familie von Bergleuten, doch aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater arbeitete als Bote und Archivar für die Botschaften der Niederlande in Brüssel und Rom. Er fühlte sich gegenüber dem privilegierten Personal der Vertretungen benachteiligt, wenn etwa die Kinder von Diplomaten bei Weihnachtsfeiern mehr Geschenke erhielten als die eigenen.

Der junge Frans entwickelte nicht zuletzt durch diese Erfahrung den Drang, dazugehören zu wollen. Schon von seinen sprachlichen Fähigkeiten her, ist ihm das eindrucksvoll geglückt: Er beherrscht sieben Fremdsprachen, darunter Russisch und Italienisch. Sein Deutsch oder Englisch ist weitgehend frei von jedem Akzent, bei seinem Niederländisch hört man kaum mehr das Idiom des Limburger Minenreviers heraus.

Die politische Laufbahn in der Partij van de Arbeid (PvdA) führte Timmermans schließlich wenig überraschend ins Außenministerium. Zwischen 2007 und 2010 war er Staatssekretär für Europäische Zusammenarbeit, von 2012 bis zu seinem Abschied nach Brüssel 2014 Ressortchef. In jener Zeit wirkte er federführend mit an der Annahme des Lissabon-Vertrags durch das Haager Parlament und am EU-Beitritt Kroatiens.

Die meiste Renommee jedoch verschaffte ihm eine Rede vor dem UN-Sicherheitsrat im Juli 2014. Wenige Tage nach dem Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 verlangte Timmermans internationale Kooperation, um die Toten zu repatriieren und die Täter zu verfolgen. Monate später wechselte er zur Brüsseler Kommission – als stellvertretender Vorsitzender und Kommissar für interinstitutionelle Beziehungen, für Rechtsstaatlichkeit und die Charta der Grundrechte.

Als er sich im EU-Parlament vorstellte, meinte der designierte Kommissar, das vereinte Europa und seine Instanzen müssten zeigen, dass sie – statt sich selbst – den EU- Bürgern und Mitgliedsstaaten dienten. Im jetzigen Wahlkampf kommt Timmermans immer wieder darauf zurück. So fordert er die Besucher seiner Website auf, sie sollten sich anmelden und engagieren für eine „Bewegung, die Europa verändern wird“. Kein Wunder, dass dieser Politiker ins Visier jener gerät, die der EU lieber eine nationalstaatliche Renaissance verordnen. In den Niederlanden ist „Timmerfrans“ zwischenzeitlich ein Lieblingsfeind rechtspopulistischer Blogs und Websites. Diese feierten zuletzt Viktor Orbáns Ankündigung, er habe vor, den Vize der Kommission – nach Juncker und Soros – als das nächste Ziel in seine berüchtigte Anti-EU-Posterkampagne aufzunehmen.

Apropos Ungarn: Als Timmermans Anfang des Jahres Budapest besuchte, wurde er auf Schritt und Tritt von zwei unbekannten Männern verfolgt, die kein Wort sprachen, ihn aber filmten. Dies geschah so gut wie überall: vor seinem Hotel, in einem TV-Studio oder dort, wo er sich mit lokalen Gewerkschaftern treffen wollte. Niederländische Medien erkannten auf „Einschüchterung“. Timmermans selbst zeigte sich unbeeindruckt und ließ wissen, er werde weiter und überzeugter denn je für Rechtsstaatlichkeit eintreten.

Es sind im Übrigen nicht nur Polen, Tschechien oder Ungarn, die dem SPE-Spitzenkandidaten Sorgen bereiten. Auch in den liberalen Demokratien Westeuropas breiten sich EU-Skepsis und -Nihilismus aus. Just das Parlament in Den Haag, in dem Timmermans mehr als zehn Jahre saß, nahm Ende April einen Antrag an, der forderte, das Ziel der „ever closer union“, sprich: einer immer stärkeren Integration der EU-Mitglieder, sei aus dem Europäischen Vertragswerk zu streichen.

Timmermans reagierte scharf. Man dürfe nicht mit dem Gespenst eines europäischen Superstaates hantieren. Wenn dies passiere, sei daran auch Mark Rutte von der rechtsbürgerlichen VVD schuld. Tatsächlich fischt der Premierminister ab und an im rechtspopulistischen Weiher nach Stimmen. Sein einstiger Außenminister setzt dem eine historische Standortbestimmung entgegen: Integration heiße, „dass man die Europäer näher zueinander bringt, auf dass sie Lösungen am Verhandlungstisch suchen statt auf dem Schlachtfeld“.

06:00 16.05.2019
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