Können Maschinen jetzt denken?

Digitale Intelligenz Menschen und Maschinen kommunizieren unterschiedlich. Bis jetzt. Ein Avatar namens Eugene Goostman konnte nun eine Jury überzeugen, ein 13-jähriger Schüler zu sein
Ausgabe 24/2014

"Ich kann verstehen, dass ein begrenzter, nichtkünstlicher Geist das so wahrnimmt. Du wirst dich daran gewöhnen." – Samantha bringt Theodore erst zum Lachen, dann verliebt er sich in sie. Samantha ist Theodores Betriebssystem, doch fühlt er sich diesem dank Sprachfunktion näher als jedem Menschen. Was in Spike Jonzes Film Her für einen tragikomischen Plot taugt, ist seit 60 Jahren der Traum von Kybernetikern: Künstliche Intelligenz (KI) zu erschaffen, die vom menschlichen Denken nicht zu unterscheiden ist. Am vergangenen Wochenende ist nun der Turing-Test das erste Mal bestanden worden, und die Wissenschaftler sprechen von einem „Meilenstein“.

Kann eine Maschine denken?, fragte der britische Logiker und Informatiker Alan Turing 1950 in einem Aufsatz. Statt die Frage direkt zu beantworten, schlug er ein Imitationsspiel vor. Wenn ein Mensch in der Kommunikation mit einer Maschine diese für ein menschliches Gegenüber hielte, wäre der Turing-Test bestanden: Der Apparat hätte „gedacht“. Das ist jetzt passiert. Ein Avatar namens Eugene Goostman hat die Jury in einem Chat überzeugen können, ein 13-jähriger ukrainischer Schüler zu sein. Die Londoner Royal Society hatte fünf Maschinen getestet, Goostmann gelang erstmalig die Täuschung der Jurymitglieder. Beteiligte Wissenschaftler sehen die KI-Entwicklung einen entscheidenden Schritt weiter. Nüchterner betrachtet könnte man auch sagen: Das Programmieren eines raffinierten Spam-Roboters ist geglückt.

Bis zum möglichen Talk mit einem solipsistischen Detonationsapparat wie der Bombe 20 in dem Science-Fiction Dark Star wird es aber noch dauern: Bombe 20 explodiert, weil sie das Einzige ist, was existiert, und am Anfang ja Licht war. So Philosophisches hatte Eugene Goostmann nicht zu bieten. Er nährte eher Zweifel am Ansatz, mit Maschinen normal sprechen zu können.

Auch weil es sich um eine sehr weichgespülte Variante der Turing-Test-Idee handelte. Die Jurymitglieder hatten nur fünf Minuten Zeit, mit dem simulierten Nichtmuttersprachler auf Englisch zu chatten. Und wegen des angegebenen Alters konnten sie ihm auch wenig Weltwissen unterstellen, das sie hätten prüfen können. In einem Test-Chat 2012 erwiderte das Programm auf eine Frage: „Ist es Ihr Hobby, kleinen armen Jungs so schwierige Fragen zu stellen, dass sie sie nicht beantworten können?“ Und nach dem Lieblingsschulfach gefragt, antwortete es: „Das ist schwierig zu sagen. Aber wo kommen Sie eigentlich her?“ Wenn das schon Denken ist, dann könnte man auch behaupten, Trolle seien Menschen.

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