Der wichtigste Kritikaster seiner Zeit

Digitalisierung Evgeny Morozov ist kein Kritiker des digitalen Fortschritts, sondern ein Kritikaster des Wandels in unserer Gesellschaft, der durch Aufklärung überwunden werden muss
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Der wichtigste Kritikaster seiner Zeit
Foto: Sven Simon/ imago

Foto: Evgeny Morozov/

Das Titelbild der aktuellen Ausgabe der "Columbia Journalism Review" zeigt Evgeny Morozov, ein dem Silicon Valley stets kritisch gegenüberstehender Publizist, den Michael Meyer im Heft genauer vorstellt. In den USA nicht unbedingt die publizierende Speerspitze der kulturpessimistischen Gegenbewegung, ist Morozov hierzulande kein Unbekannter, mit dem es sich aber auseinanderzusetzen lohnt. Noch mehr lohnt es sich aber, das Symptom Morozov zu überwinden.

DER KRITIKASTER AUS DEN REIHEN DER DIGITAL NATIVES

Neben meinem Schreibtisch steht "Der große Duden" des Bibliographischen Instituts Leipzig aus dem Jahr 1984. Schlage ich in diesem 30 Jahre alten Buch den Begriff "Kritik" nach, findet sich u.a. das Synonym "Beanstandung". Gleich danach wird der Begriff "Kritikaster" erklärt, eine abwertende Bezeichnung für eineN KritikerIn. Als der Nürnberger Blogger André Freud zu beschreiben versuchte, was einE KritikasterIn ist, bezeichnete er so eine Person als "einen Nörgler, einen Meckerer. Ein Kritikaster kritisiert nicht – ihm ist es nicht um einen Beurteilung zu tun, nein, ein Kritikaster will niedermachen, benutzt das Wort als Waffe, das nur dem Runterputzen, dem Niederhalten dient."

Ein stets die Digitalisierung beanstandender Kritikaster unserer Zeit stammt wie der ehemalige Duden meiner Mutter aus dem Jahr 1984 – Evgeny Morozov. Der in den USA lebende weißrussische Publizist hat sich besonders in an­ti­quierten Kreisen einen Fangemeinde erarbeitet, denn der der Generation der Digital Natives angehörende Morozov versteht es wortreich ein Gefühl des kulturpessimistischen Unwohlsein zu erzeugen, wenn er sich vollkommen überzeugt von seinen kritischen Positionen, einseitig mit den Folgen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft auseinandersetzt. Es wundert deshalb nicht, dass Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wahrscheinlich der größte lebende Morozov-Fan, ihm auf FAZ.net eine Plattform gibt und damit hierzulande die Debatte um unsere digitalisierte Gesellschaft zu bereichern versucht.

WARUM MOROZOV WICHTIG IST

An Morozov scheiden sich deshalb die Geister (und sogar seine Freunde). Das Berliner Magazin De:Bug, dass sich mit "elektronischen Lebensaspekten" beschäftigt, bezeichnet ihn sarkastisch als "Netzchefkritiker" des deutschen Feuilletons, Martin Weigert hingegen sieht in Morozovs Rolle als polarisierender Digital Native einen Ausdruck des Lagerdenkens in unserer Gesellschaft, in der bisher nur die eine oder die andere Seite sich mehr oder wenig aussagekräftig mit der Digitalisierung auseinandersetzt, nicht aber die breite Masse. Solange wir durch eine breite Diskussion in unserer Gesellschaft einen an einem extremen Rand der Debatte stehenden Diskutanten wie Morozov nicht überwunden und damit seiner Relevanz beraubt haben, ist seine Rolle eine nötige Warnung und Antrieb zugleich, die Debatte endlich auf eine nächste Stufe zu führen.

Morozov sieht das sogar ähnlich. Erfolgreich ist er, wenn der "Internet-Zentrismus" überwunden und er irrelevant geworden ist. Wenn eine die Bedeutung des Internets verstehende Gesellschaft entstanden ist, sollte auch er überwunden sein. Sich mit den politischen und sozialen Auswirkungen von Technik zu beschäftigen ist eine Notwendigkeit, die zur Zeit eben fast nur von Morozov abgedeckt wird – zumindest was die dunkle Seite (Anm. d. Verf.: Sorry, im Hintergrund läuft gerade Star Wars) dieser Debatte angeht. Im deutschsprachigen Raum wäre wahrscheinlich Sascha Lobo sein Gegenstück, der sich genauso gekonnt selbstvermarkten kann, aber stets anschaulich und nicht ausschließlich für die oberen 5 Prozent der sogenannten Netzgemeinde über die gleichen Themen schreibt. Ein paar Aufmerksamkeitsstufen darunter ist Michael Seemann zu finden und vielleicht auch einige andere AutorInnen, die sich zumindest ab und zu mit der Thematik beschäftigen.

DIGITAL IST BESSER ... WICHTIGER

Doch die Digitalisierung steht, trotz E-Mail und iPhone, noch in den Anfangstagen ihrer Entwicklung. Das heißt nicht, dass mit der Debatte noch gewartet werden kann, denn wenn auch noch viele Menschen nicht als erfolgreiche Digital Immigrants angesehen werden, arbeiten und nutzen sie doch regelmäßig das Internet, sei es auf der Arbeit oder im Privaten. Die politische und gesellschaftliche Gestaltung des Digitalen müsste deshalb oberste Priorität sein und mindestens auf einer Stufe mit anderen vermeintlich wichtigeren Politikfeldern stehen. Das sie das nicht ist, hat viel mit der Geschwindigkeit von politischen Veränderungen zu tun, besonders wenn bei Bundestagswahlen Parteien gewinnen, die auf das Bewahren anstatt des Fortschritts setzen.

Was sollte mensch aber mit Evgeny Morozov anfangen? Seine reaktionären Liebesbriefe an Schirrmacher ignorieren? Das nicht, denn Morozov eignet sich zumindest hervorragend als Stichwortgeber in der Debatte. Die Themen, die er anspricht – Big Data, Cyberutopien, zentralisierte Macht – sind relevant, wenn auch nicht unbedingt seine alles niedermachende Meinung. Die Denkrichtung findet sich auch auch hierzulande wieder – auf Podien, in den Parteien oder Talkshows. Sich mit ihnen zu beschäftigen ist Teil der gesellschaftlichen Debatte in einer Demokratie. Sie zur Grundlage von politischer Ordnung zu machen aber falsch, wie die andere Seite frei bestimmen zu lassen. In der Mitte, sicher etwas weiter weg von Morozov als von Lobo, liegt der gesellschaftliche Kompromiss, dem wir im Jahr 2014 etwas näher kommen müssen.

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Evgeny Morozovist ein weißrussischer, in englischer Sprache veröffentlichender Publizist. Er beschäftigt sich mit politischen und sozialen Auswirkungen von Technik. Er kritisiert die Naivität der Annahme, das Internet sei per se demokratisch und bringe politischen Wandel in autoritäre Staaten. Vielmehr müsse die Lieferung von Überwachungstechnologie an repressive Regimes wie Waffenhandel betrachtet werden. [Aus Wikipedia: Evgeny Morozov]

14:17 04.01.2014
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Geschrieben von

Tobias Schwarz

Projektleiter von "Netzpiloten.de". Veröffentlicht regelmäßig zu medien- und netzpolitischen Themen, den digitalen Wandel, Innovation und Netzkultur.
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