Mob und Demos

Brexit Nach dem Brexit zeigt sich, wie sehr beide Seiten zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas beitragen
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Mob und Demos
Foto: Matt Cardy/AFP/Getty Images

Interessanter als das Wahlergebnis selbst waren auch im Fall des Brexit-Votums natürlich die Reaktionen, die es hervorrief. Ein schöner Seiteneffekt war natürlich die öffentliche Abdankung David Camerons, jenes geistlosen Schnösels im Premierskostüm, der sich ironischerweise die Rechtspopulisten mit einer Waffe vom Leibe halten wollte, die sich jetzt in guter frankensteinscher Manier gegen ihn selber gerichtet hat. Alles andere ist weniger schön.

Die Menschen im Vereinigten Königreich und Kontinentaleuropa schienen ebenso wenig mit dem Ernstfall gerechnet zu haben wie Kinder, die den plärrenden Feueralarm in der Schule mit einem müden Achselzucken quittieren, weil sie aus langjähriger Erfahrung eine Routine-Übung wittern. Passend dazu äußerte sich nach dem Brexit-Votum prompt ein reuiger Sünder sagte den Meiden, er habe dem Establishment doch nur einen Denkzettel verpassen wollen und hätte niemals für den Austritt votiert, hätte er den großen Erfolg der Leave-Kampagne vorhergesehen.

Selbst Nigel Farage, neben Boris Johnson das prominente Gesicht der Brexit-Befürworter, hielt noch am Abend des Referendums einen Sieg des Remain-Lagers für das wahrscheinlichere Ergebnis.

Man hat den Eindruck, als wäre Zentraleuropa mehr als siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und mehr als zweieinhalb Jahrzehnte nach Zusammenbruch des Ostblocks kollektiv der Illusion erlegen, große Umbrüche würden sich – wenn denn überhaupt noch – irgendwo in fernen Ländern abspielen, in Südamerika vielleicht oder in Fernost, nicht aber doch so nah vor der eigenen Haustür. Es gehört zu den wenigen Lichtblicken des politischen Jahres 2016, dass genau diese Illusion bald schon implodieren könnte. Davon aber einmal abgesehen hat der bisher nur beschlossene und längst nicht vollzogene Brexit bisher nur die ganze Hässlichkeit der Fronstellungen offenbart, die sich nicht nur im United Kingdom immer stärker abzeichnen. Der Guardian stellte kurz nach dem Referendum ein Video online, in dem sich junge Briten mit ihren Sorgen für die Zukunft an die Öffentlichkeit wenden. In den sozialen Medien wurde der Clip schnell zigmal geteilt, obwohl er insgesamt doch nur das Bild einer weinerlichen Campustruppe zeichnet, die vom kämpferischen Geist der 68er meilenweit entfernt ist. Die Ängste um einen Rechtsruck der britischen Gesellschaft sind sicherlich nicht unbegründet, das Video aber suggeriert eine derart apokalyptische Atmosphäre, als hätten die Briten mehrheitlich für die Abschaffung der konstitutionellen Monarchie zugunsten einer Angliederung an Vladmir Putins russisches Imperium gestimmt. Auch wenn sie es sich noch gerne selbst einreden mag, die kosmopolitische, pro-europäische Jugend Britanniens spielt in der nationalen Farce mit dem Titel Brexit nicht die Rolle des tragischen Helden, sondern sie ist vielmehr Teil des Problems. Die nationalistischen Tönen professioneller Polterer und Stammtisch-Ciceros wie Farage und Boris Johnson konterten sie mit dem Bekenntnis zu den üblichen positiven Leerformeln, auf die sich von Hillary Clinton und ähnlich zwielichtigen Gestalten bis hin zum lokalen Antifa-Aktivisten im 21. Jahrhundert jeder einigen kann: Toleranz, Weltoffenheit, Diversity.

Die eigenen Grenzen der Toleranz waren dann aber erstaunlich schnell überschritten, als sich eine Mehrheit für den Austritt abzeichnete. Eine Statistik hatte es den Remain-Anhängern auf beiden Seiten des Kanals schnell besonders angetan: Sie besagte, dass vor allem ältere Menschen für den Brexit gestimmt, jüngere aber (wie man sich denken konnte) mit deutlicher Mehrheit für einen Verbleib in der Union. Sogleich hagelte es spitze Bemerkungen darüber, dass die Brexit-Befürworter im Schnitt wohl deutlich kürzer mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung leben müssten als die Jungen, auf deren Rücken böswillige Gerontenscharen hier offenbar ihre senilen, irrationalen Launen durchgesetzt hatten. Schöner als in einem solch fortschrittlichen Gewand lassen sich Forderungen nach sozialverträglichem Frühableben kaum salonfähig machen. Zudem trat diesen Zahlen die unheimliche geringe Wahlbeteiligung der eben noch so erbarmungswürdig daherkommenden Jugend entgegen.

So hysterisch und rassistisch durchsetzt die Leave-Kampagne auch gewesen sein mag, die Remainer zeigen sich im Nachhinein als schlechte Verlierer erster Güte. Tausende versammelten sich nach dem ersten Schock vor Westminster und auf dem Trafalgar Square zu pro-europäischen Kundgebungen, manche bemalten sich die Gesichter mit Europa-Flaggen, andere begnügte sich damit, sich selbige als Umhang um die Schultern zu wickeln. Weite Teile der Meiden hierzulande zeigten wieder einmal kaum verhohlene Sympathie für diese Zurschaustellung von jeder kritischen Reflexion unbelasteten Solidarität mit einem bürokratischen, kalten Monstrum, dem viele Demonstranten offenbar die ewige Mär von europäischer Solidarität und Friede, Freude, Eierkuchen unhinterfragt abnehmen. Wem die EU wirklich nützt und wem nicht, dass ist jenseits ihres Radars, weil es in die schmutzige, ja geradezu toxische Sphäre des Ökonomischen gehört, mit der hippe Studenten und sonstige Twentysomethings lieber nichts zu tun haben möchten. Es ist bezeichnend, dass Bernie Sanders in Amerika den Umfragen zufolge deshalb der aussichtsreichere Kandidat für die Demokrat gewesen wäre, weil er im Gegensatz zu Clinton immer noch jene weißen, männlichen Arbeiter anspricht, die Clinton nicht erreicht und die auch für viele Linke des bornierteren Schlages nur reaktionäre Hinterwäldler sind, zu denen man besser die berühmte Reker’sche Armlänge Abstand hält. Das latent Antidemokratische dieser überheblichen Attitüde hat sich vielleicht noch nie so offen gezeigt wie jetzt in den Nachwehen des Brexits. Die Stimmen mehren sich, die über das demokratische Ergebnis der Abstimmung einfach hinweggehen wollen, weil die Mehrheit der Briten, um es einmal so auszudrücken wie es eigentlich gemeint ist, sich durch ihre Entscheidung als Horde unwissender Idioten entpuppt habe. Bhaskar Sunkara, der Chefredakteur des amerikanischen Jacobin-Magazins, verwies auf Facebook zu Recht auf das berühmte Brecht-Zitat über die Regierung, die der Einfachheit halber das Volk auflöst und sich ein neues wählt. Die tiefe Spaltung der Gesellschaft, die der knappe Ausgang des britischen Referendums für das Vereinigte Königreich ebenso deutlich dokumentiert wie die jetzt annullierte Stichwahl zwischen Alexander van der Bellen und dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer in Österreich, wird jedenfalls nicht zu überwinden sein, wenn man sich weiterhin damit begnügt, die Gegenseite pauschal zu stigmatisieren, statt sie vernünftig zu analysieren und zu der guten alten Trias zurückzukehren, die vor langer Zeit auf knallroten Postern prangte: Educate, Agitate, Organize.

Die Linke wird sich in Zukunft stärker noch als bisher mit der europäischen Gretchenfrage konfrontiert sehen. In Britannien formierte sich unter dem Label „Lexit“ – Left Exit – eine Koalition aus den Reihen derer, die im UK als „hard left“ bezeichnet werden, in Abgrenzung zu den Softies, die gerade in einem suizidal anmutenden Akt der Verzweiflung gegen ihren ungeliebten Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn meutern. Tariq Ali, eine der profiliertesten Stimmen der internationalen Linken, war genauso Teil dieser Kampagne wie Alex Callinicos von der trotzkistischen Socialist Worker’s Party. Sie alle bedauerten Jeremy Corbyns Positionierung für Europa, die seinen eigenen Abgeordneten im britischen Unterhaus wiederum nicht weit genug ging. Die Lexit-Befürworter hoffen nun, dass sich aus dem allgemeinen Chaos auf wundersame Weise eine gestärkte Linke erheben wird. Es könnte auch das exakte Gegenteil eintreten, gerade für den Fall, dass die schier unüberwindbar gewordenen Gräben innerhalb der Labour Party demnächst zu einer Spaltung der Partei führen und kurz darauf vorgezogene Neuwahlen angesetzt werden. Allen (nicht unberechtigten) Unkenrufen zum Trotz, die EU sei nicht reformierbar, liegt der einzig gangbare Weg derzeit wohl doch darin, eben dies mit aller Macht zu versuchen. Der Opposition von siechendem Liberalismus und erstarkendem Vulgärnationalismus muss die Linke in jedem Fall mit einer unverkennbar eigenen Konzeption durchbrechen, wenn sie nicht bis auf Weiteres in der Bedeutungslosigkeit versinken will.

21:54 01.07.2016
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