Ein Sorgenbrief

Ukraine-Konflikt Wie lange wird es wohl dauern, bis die ukrainische Bevölkerung in den Vordergrund der Westlichen Interessen gerät?
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Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrter Herr Steinmeyer,

die vorrangegangenen Monate haben mich das Vertrauen in unsere Demokratie verlieren lassen.

Als der Sohn eines Deutschen und einer Ukrainerin wurde ich 1991 in Lettland geboren. Kurz nach meiner Geburt zogen wir in die ukrainischen Karpaten, wo wir bis kurz nach meinem sechsten Geburtstag lebten. Es war zeit für mich zur Schule zu gehen und meine Eltern entschieden sich mir die westliche Bildung zu schenken. Daher sehe ich mich heute weder als Lette, noch als Ukrainer. Aber auch nicht als Deutscher. Ich sehe mich als ein Individuum,das zufällig in dieser Welt entstanden ist und durch eine offene Erziehung das Glück hatte uneingeschränkt zu wachsen.

Als meine Familie sich 1997 entschloss die Ukraine gen Westen zu verlassen, war es Deutschland, dass uns so herzlich empfangen hat. Schnell fanden wir hier Freunde und und wurden meines Erachtens nach stets vollkommen akzeptiert und integriert. Jeden Sommer fuhren wir zurück, wo meine Freunde und Verwandten voller Interesse immer wissen wollten, was für ein Leben wir hier führen. Ich habe bisher immer mit Stolz berichten können, dass Deutschland ein Land der völligen Entfaltungmöglichkeiten und absoluter Tolleranz ist. So gut wie jeder Verwandte der uns besuchte bewundert den hohen Stellenwert des Versprechen des Staates, den Einzelnen in keiner Lebenssitiuation fallen zu lassen.

Doch was soll ich Ihnen bei meinem nächsten Besuch schon sagen? Ich werde wohl beginnen mit: Ich bin enttäuscht! Enttäuscht, dass mein Mutterland hinterrücks okkupiert worden ist. Okkupiert von raffzähnigen Berufsverbrechern, die sich keine Sekunde ihrer Zeit nehmen, um einmal darüber nachdenken, auf welche Weise das ukrainische Volk erniedrigt wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass im zweiten Weltkrieg nicht nur jüdische Opfer zu beklagen waren, sondern auch die ukrainische Bevölkerung Hunger und Genozit ertragen musste.

Fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung (19,1 % [http://www.infoukes.com/history/ww2/page-29.html]) fielen dem damaliegen NS-Regime zum Opfer. Und gerade deshalb sollte die deutsche Regierung doch eine besondere Sensibilität an den Tag rufen. Ist das Symbol eines vereinten Europas an der Seite der Vereinigten Staaten wirklich so wichtig geworden, dass wir unsere Moral und Werte - vor Allem als Sozial- und Christ-Demokraten - völlig hinten anstellen?Ist die Bestimmung eines Alpha-Männchens von so hoher Bedeutung, dass wir vergessen haben, dass täglich Menschen zwischen den Fronten stehen und verzweifelt versuchen wieder Frieden in ihr Land zu bringen?

Die deutschen Truppen haben in der Vergangenheit das ukrainische Volk ihrer Nahrung bestohlen, wodurch eine schreckliche Hungersnot ausbrach. Und Heute unterstützen Sie die jetzigen Diebe das Land auch rohstofftechnisch auszuweiden, was langfristig gesehen eine Wirtschaftliche Ohnmacht zur Folge haben wird. Wie können Sie es sich erklären, dass der Sohn des US Vizepräsidenten gerade in solch angespannten Zeiten plötzlich ein "Mitglied des Direktorium" des einzigen ukrainischen Gaskonzerns (DieZEIT 14. Mai) wird?

Wahrscheinlich nicht als Provokation Russland gegenüber. Und wie erklären Sie es sich, dass aus dem eindeutigen Gespräch Victoria Nulands und dem US-Botschafter in der Ukraine Jeffrey Payette (https://www.youtube.com/watch?v=8YSFNOaJupE) der einzige Skandal propagiert wird, man solle die EU fucken? Das ist das erbärmlichste, das ich seit langem von unseren Qualitätsjournalisten erfahren musste. Den offensichtlichen Befehl zur Verschwörung und Instrumentierung von "Politikern" völlig links liegen zu lassen ist eine Vergewaltigung der Freien Meinungsäußerung, die völlige Entwertung des Berufes und eine distanzierung der Demokratie!

Wie einst Wolfgang J. Reuß sagte:

"Wo mein Diktaphon 'stopp!' sagt, sollte es eigentlich erst richtig losgehen", seufzte der Journalist, "aber wo mein innerer Schweinehund 'stopp' sagt, da müßte es eigentlich erst richtig losgehen…".

Doch in Tagen wie diesen scheint kein Raum zu sein für bedeutende Worte. Zu sehr drohen beruflicher Abstieg und die Abschiebung in die Zone des Putinverstehers. Leider.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie diesen Text nicht wahrnehmen werden. Sie haben wahrscheinlich auch zu viel um die Ohren zur Zeit, um einem einfachen Bürger ohne für Sie relevanter Vergangenheit Gehör zu schenken. Das verstehe ich.

Was ich jedoch nicht verstehen kann ist die Tatsache, wie sie behaupten können Sie unterstützten die Revolution auf dem Maidan. Auf dem Maidan versammelten sich erst Studenten um gegen die gewaltige Korruption zu demonstrieren. Nachdem diese Niedergeschlagen wurden, kamen die Eltern. Der rest ist traurige Geschichte.

Doch wie möchten Sie noch jemals einen Fuß über die Ukrainischen Grenzen setzen und nur einem Bürger in die Augen sehen und sagen wir haben das Land auf den weg zur Korruptionsfreiheit gebracht, wenn der gewählte Präsident unter Wiktor Juschtschenko Außenminister und unter Wiktor Janukowytsch Wirtschaftsminister war und zu der Gleichen Bande gehörte, die den Bürger jahrelang enteigneten.

Was werden Sie den Bewohnern von Dnjepropetrowsk sagen, die sich unter einer millitärischen Regierung Igor Kolomoisys zurechtfinden muss?

Ein Glück, dass Herr Adenauer und Herr Brandt dieses Spektakel nicht erleben können. Sie würden sich im Grabe umdrehen!!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

17:03 28.05.2014
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Geschrieben von

Toidi

"Jede Befreiungsbewegung verändert ihren Charakter, wenn sie von der Utopie zur Realität übergeht." - Karl Marx
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